Die Rhetorik der Mediengesellschaft: Ein Buch analysiert, was Sprache über Prominente verrät

Entspannte Hirne

Christian Kortmann
3 Min

Ein Rätsel der Mediengesellschaft besteht in der Auswahl ihrer Hauptdarsteller: Warum werden die einen zu Sternchen, obwohl sie auf den ersten Blick über keine besonderen Fähigkeiten verfügen, und warum bleiben andere unentdeckt, obwohl sie Meister ihres Faches sind? Es geht um die Kunst der Verwertung, darum, aus den eigenen Stärken und Schwächen etwas zu machen, das für andere attraktiv ist. Verona Feldbusch müsse sehr schlau sein, sagte Peter Ustinov einmal, weil sie so überzeugend eine dumme Frau spiele.Wichtigstes Medium der Selbstinszenierung ist die Sprache, und so liegt der Versuch nahe, den Thomas Veszelits in seinem Buch "Aufs Maul geschaut!" unternimmt: den Erfolg von Prominenten durch eine Analyse ihrer rhetorischen Strategien zu erklären. Leider ignoriert der Autor die Erkenntnisse aus seinen 30 Fallstudien und will das Buch als "Gebrauchsanweisung für den Erfolg" verstanden wissen. Doch erfolgreiches Reden ist niemals ein kopiertes. "Schau'n mer mal" kann eben nur einer sagen.Liest man das Buch gegen den Strich, erweist es sich als ergiebiger Fundus aus der verbalen Kampfzone. Eröffnet werden die 30 Fallstudien, darunter Beiträge zu Anke Engelke, Gerhard Schröder, Harald Schmidt, Reinhold Messner und Angela Merkel, von "Bananen Fred", dem Marktschreier, dessen Motto für alle gilt, die es zu etwas bringen wollen: "Suche dir etwas, was du am besten kannst. Wenn es nur Rülpsen ist, mache das. Aber rülpse wie ein Weltmeister. Da bleiben die Leute stehen, weil sie so was noch nie gehört haben."Vor allem muss man über das, was man kann, immer und überall reden. Das unterscheidet Medienrhetorik von den klassischen Regeln für eine gute Rede. In der medialen Vergrößerung durch die Weltlupe Fernsehen hat die einstmals ehrwürdige Rhetorik ihre Unschuld verloren: Nicht wer elegant formuliert, hat Erfolg, sondern der, der etwas möglichst simpel und oft sagt.Sehr aufmerksam liest man das Kapitel über Joschka Fischer, da der deutsche Außenminister ja gerade eine Krise vornehmlich durch Schweigen zu bewältigen versucht. Veszelits ordnet Fischer dem Typ "Gutachter" zu, der sich "durch die Rätselhaftigkeit seiner Formulierungen interessant" mache. Vor großen Reden denke Fischer an den Dylan-Song "Desolation Row", um sich für seinen von "reibeisenrauen Lauten" getragenen "Rolling-Joschka-Sound" in Stimmung zu bringen. Fischer wird als ein Worthülsenartist enttarnt, der sich mit bunten Syntaxgirlanden über die Zeit rettet: "Ich möchte sogar behaupten, der Transatlantismus der Zukunft - und ich meine, er muss eine Zukunft haben - wird genau diesen strategischen Konsens anstreben müssen." Small-talk-Genies bringen es in der Mediengesellschaft weit, weil sie hier den größtmöglichen Resonanzraum für ihre Schlagfertigkeit finden. Gefragt, was er von Joops Parfüm halte, antwortete Karl Lagerfeld: "Benutzt es jemand?". Aber auch aus seinen Schwächen kann man etwas machen. So entspringt bei Thomas Gottschalk das Vergnügen des Publikums aus seiner "permanenten verbalen Selbstrettung", was zeigt, wie individuell rhetorische Erfolgsstrategien sind."Pläne müssen groß sein, klein werden sie von selbst", sagt Franz Beckenbauer. Sein Motto steht für den erfolgreichen Kampf um mediale Aufmerksamkeit. Und Dieter Bohlens Charakterisierung seiner Ex-Geliebten Nadja Abd el Farrag verrät schließlich, welche Eigenschaft in der Mediengesellschaft besonders gefragt ist: "Sie hatte so eine beschwingte Oberflächlichkeit, die das Hirn entspannte." ------------------------------Thomas Veszelits: Aufs Maul geschaut! Die Sprache der Promis. Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf; 302 Seiten, 12,90 Euro.------------------------------Foto: Vielrednerin: Verona Pooth und Boris Becker (mit Freundin Caroline Rocher).

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