MOSKAU. Vater Wladimir Wigiljanski kennt viele Fälle wie diesen: "Wladimir Putin ist keine Ausnahme", sagt der geistliche Pressesprecher des Moskauer Patriarchats. Zu sowjetischer Zeit geboren, aufgewachsen in einer säkularen Gesellschaft, zum Atheisten erzogen, Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes - und heute? Ein rechtgläubiger Christ.Der russische Präsident ist nur der prominenteste Fall. Nahezu die gesamte politische Elite Russlands, auch Putins soeben bestimmten Nachfolger, Dmitri Medwedew, selbst den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Russlands, Gennadi Sjuganow, sieht man Kerzen entzünden, das Kreuz küssen und in Andacht verharren. Man sieht es oft und in Zeiten des Wahlkampfs kam es noch häufiger vor. Andachten dieser Art werden selten in Abwesenheit von Fernsehkameras gehalten. "Die überwiegende Mehrheit unserer Bevölkerung ist in einer gottlosen Zeit erzogen worden, auch ich", sagt Vater Wladimir und faltet die Hände über einem handtellergroßen Kreuz, das an einer schweren Kette auf seiner Brust ruht. "Und dennoch sind wir gläubige Menschen geworden. Glauben Sie nicht daran, dass Menschen sich ändern können?", fragt Vater Wladimir.Augenblicklich wird sein Blick streng. Die zahlreichen Bekehrungen russischer Politiker, die Wiederauferstehung der russisch-orthodoxen Kirche - wer da Zweifel hegt, ist für Vater Wladimir ein Ungläubiger. Wiederauferstanden ist sie, die russisch-orthodoxe Kirche, fürwahr!17 000 neue GotteshäuserDie Stadtresidenz des Patriarchen von Moskau und ganz Russland, in der Vater Wladimir ein kleines Büro unterhält, ist ein schmuckes Palais, in unmittelbarer Nähe der wiedererrichteten Christ-Erlöser-Kathedrale. Sie ist das zentrale Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche. Der Priesterzögling Stalin ließ sie 1931 sprengen. Unter dem Spätbekehrten Boris Jelzin wurde sie in den 90er-Jahren originalgetreu wieder aufgebaut. Heute ist sie Symbol einer beispiellosen Restauration. Landesweit entwickelt kaum ein anderer Bauherr mehr Aktivität als die orthodoxe Kirche. Klöster, Kirche, Kapellen - überall wird renoviert, restauriert und wieder errichtet, was in den sowjetischen Jahrzehnten abgerissen, zweckentfremdet oder vernachlässigt wurde. In den Jahren nach dem Ende der Sowjetunion hat sich die Zahl der Kirchen im Land vervierfacht, die der Diözesen verdoppelt und die Zahl der Klöster stieg um das 32-Fache.Das verdankt die Kirche nicht zuletzt der Staatsführung. In der Amtszeit Wladimir Putins gewann sie an Anhängern und Bedeutung. Sechzig Prozent der russischen Bevölkerung bekennt sich nach Kirchenangaben zum orthodoxen Glauben. Achtzig Prozent der Neugeborenen werden nach orthodoxem Ritus getauft. Die Gottesdienste aber besuchen gerade einmal zehn Prozent der Gläubigen, beklagt Vater Wladimir. Auch die Zahl der Geistlichen in Russland entspreche lange nicht der gewachsene Bedeutung der Orthodoxen Kirche: "14 000 Geistliche, das ist sehr wenig."Von einer materiellen Wiedergeburt spricht Vater Wladimir. "In den vergangenen 17 Jahren haben wir 17 000 Kirchen neu eröffnet. Dass sie wiedererstanden sind, verdanken wir der Arbeit von vielen Menschen und den Gaben des Volkes. Das Geld für den Kirchenbau", sagt Vater Wladimir, "stammt allein aus dem Volk. Und es stammt von armen Menschen."Von einer moralischen Wiedergeburt will Vater Wladimir noch nicht sprechen, die könne nur Folge einer geistigen Wiedergeburt Russlands sein. "Aber sie wird kommen. Ich weiß es sicher", sagt er. Der Neubeginn sei schon zu spüren. Vieles habe sich verändert in den vergangenen Jahren. Die Kirche sei nicht länger weiblich. "Früher hatten wir einen Frauenüberschuss. 95 Prozent der Kirchgänger waren Frauen." Heute sei das Verhältnis 60 zu 40 Prozent. "Die Kirche wird männlich", sagt Vater Wladimir, "und sie wird gebildeter." Sie sei nicht länger eine ländliche Einrichtung, sie sei städtisch geworden. "Je größer die Stadt, desto mehr Gläubige, in Moskau, in St. Petersburg, Ekaterinburg oder Nischni Nowgorod. Weihnachten 2007 hatten wir allein in Moskau mindesten eine Million Menschen in den Gottesdiensten. 5Das gab es zuvor nicht", sagt Vater Wladimir.Und man habe zum ersten Mal seit 90 Jahren in Putin einen Präsidenten, der rechtgläubig sei." Als Mann der Kirche ließ sich Wladimir Putin in den Jahren seiner Amtszeit gern und häufig in den russischen Gotteshäusern sehen. Von den Kameras des Staatsfernsehens sorgfältig in Szene gesetzt, wurden der bisherige Präsident und sein Volk in dasselbe milde Kerzenlicht getaucht.Von Putins Nachfolger, Dmitri Medwedew, der sich nach eigener Auskunft mit 23 Jahren taufen ließ, wird dieselbe Präsenz erwartet. Dass das Staatsoberhaupt an Gottesdiensten teilnehme, sei ein Tribut, erklärt Vater Wladimir. Die Mehrheit der Bevölkerung sei nun einmal gläubig und das Staatsoberhaupt erweise ihr auf diese Weise seinen Respekt. Die Hinwendung Wladimir Putins zum orthodoxen Glauben ist für Vater Wladimir absolut glaubwürdig. Er wünsche jedem Politiker seines Ranges, egal welcher Konfession er angehöre, diese Hinwendung zum Glauben, sagt er.Welche Konsequenzen es habe, wenn ein Staat von Atheisten gelenkt werde, habe Russland leidvoll erfahren müssen. "Die Kirche zu sowjetischer Zeit war absolut rechtlos. Als Organisation war sie keine juristische Person und konnte ihr Recht nicht vor Gericht vertreten. Mit dem Ende der Sowjetunion kam der Wandel, die Kirche galt als juristische Person, hatte aber noch immer nicht das Recht auf Eigentum. So war es noch unter Boris Jelzin", sagt Vater Wladimir. Erst unter Wladimir Putin sei der Kirche endlich ihr Eigentum zugesprochen worden. "So muss es sein," sagt Vater Wladimir. "Das ist kein Gnadenakt, sondern Gerechtigkeit." Erst auf dieser neuen Grundlage sei auch die besondere Partnerschaft zwischen Kirche und Staat entstanden, eine "absolut gleichberechtigte Partnerschaft".Von einer gegenseitigen Einflussnahme aber will Vater Wladimir nichts wissen. Auf das politische Leben Russlands nehme die Kirche praktisch keinen Einfluss, erklärt er. "Am politischen Kampf nehmen wir nicht teil. Natürlich spielt die Politik im kirchlichen Leben eine gewisse Rolle, schließlich hat jeder Kirchenmensch politische Ansichten und einige Geistliche äußern sie auch, wie jeder andere Bürger des Landes." Man halte sich aber streng an die in der russischen Verfassung festgeschriebene Trennung von Kirche und Staat. Man verstehe sich ausdrücklich nicht als Staatskirche.Schwache GegenwehrDieser Einschätzung mag nicht jeder folgen. Im August vergangenen Jahres beispielsweise, richteten sich zehn Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften in einem offenen Brief an Wladimir Putin und beklagten die Klerikalisierung der russischen Gesellschaft. Der Streit war an der geplanten Einführung des Unterrichtsfach Grundlagen der russisch-orthodoxen Kultur an Russlands Schulen entbrannt. Die zehn Mitglieder der Akademie, darunter die Nobelpreisträger Vitali Ginsburg und Schores Alfjorow, opponierten dagegen und beriefen sich auf das in der Verfassung verankerte säkulare Selbstverständnis des russischen Staates.Dieser Versuch, die Kirche zu diskreditieren, sei "durchgefallen", sagt Vater Wladimir. "Zu durchsichtig sei die Attacke gewesen. Selbst in der Wortwahl war der Brief sowjetisch." Niemand habe die Aktion unterstützt. Der russische Mensch, glaubt Vater Wladimir habe keine andere Wahl als Gott. Es ist wie Dostojewski gesagt hat: "Der russische Mensch ohne Gott ist ein Lump."------------------------------Zugang zur himmlischen WirklichkeitFrühe Staatsreligion: Im Jahr 988 ließ sich der russische Fürst Wladimir taufen und erklärte das Christentum zur Staatsreligion Russlands.Ikonenkult: Der orthodoxe Glaube ist besonders bekannt für die Heiligen- und Ikonenverehrung. Orthodoxe Christen beten davor, weil es ihnen die anbetungswürdige Herrlichkeit Gottes nahe bringt, somit Zugang zur himmlischen Wirklichkeit. Die gottesdienstliche Verehrung der Ikone gilt nicht dem Abbild, sondern dem Urbild, also dem unsichtbaren Gott oder seinen Heiligen selber.Gegenwart: Heute gibt es in Russland über 20 000 orthodoxe Gemeinden mit etwa 80 Millionen Gemeindemitgliedern. In Deutschland gibt es eine Diözese der russisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Der Sitz der Diözese ist Berlin, sie betreut 45 Gemeinden.------------------------------Foto: Wladimir Putin während des Weihnachtsgottesdienstes------------------------------Foto: Nähe: Dmitri Medwedew und Patriarch Alexi II. in der Erlöser-Kathedrale
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