Sie trägt dünne, weiße Kleider, weiß wie die Unschuld. Und sie träumt. Liegt mit E-Gitarre auf dem Boden, spricht von der Hitze in ihrem Blut, dem Sand im Kopf. Rike, die Seelenverwandte von Heiner Müllers "Mann im Fahrstuhl", fabuliert sich in einen - kommunistisch inspirierten - Traum vom Ausbruch aus der Wüste des Immergleichen. "Kein Geld, kein Handel, kein Wort" ist die Parole. Kein Wort, sondern Tat. Also fantasiert sich Rike vier Figuren herbei, auf dass sie tun, wovon sie nur spricht: das Betonviertel einer namenlosen Ost-Stadt befreien, indem sie es einzäunen. Johan, der hektisch an seiner Brille nestelt, ist der Chef-Revoluzzer, Alex sein Zögling; er kappt die TV-Kabel, denkt nichts, ist aber zu allem bereit. Daneben Anita, die Edeka-Verkäuferin und Günther, der Wirt vom Sonneneck. Vier Kopfgeburten Rikes, mit denen sie ihre vagen Visionen an der Wirklichkeit misst.Thomas Freyer, junger Dramatiker aus Berlin, probt mit diesem "Separatisten" genannten Stück den Ernstfall. Was, wenn die (kommunistischen) Träume doch Realität würden? Das Ende ist offen, die gesamte Vision vom blutleeren Schaum hehrer Ideale getragen. Dass sie im Gorki-Studio nicht billigerweise der Lächerlichkeit preisgegeben werden, ist Uraufführungsregisseur Tilman Köhler zu danken.Der junge, zum Theatertreffen geladene Köhler hat die Vorlage seines Jugendfreundes Freyer gerettet, indem er die Figuren aufgeraut und undurchschaubar gemacht hat. Und indem er einfache, kräftige Bilder findet. Sie lehnen an der Wand als schliefen sie, sie stellen sich zum Gruppenbild auf, halten sich an den Händen und sprechen in einer Deutlichkeit, mit der sie aus dem Text das Zweideutige, auch Komische hervorlocken.Max Simonischek lässt seinen Johan unter Angstattacken und Hoffnungswellen zucken, Anika Baumann die Rike eine kecke Zauberin sein, Sebastian Kaufmane den Alex einen schwitzend hechelnden Tatmenschen. Und dass sowohl Ursula Werner als auch Ulrich Anschütz nicht in die sonstige Routine verfallen, sie zudem aus ihren konkreten Erfahrungen (mit dem einst real existierenden Nicht-Kommunismus) zu schöpfen vermögen, das vor allem zeigt einen Regisseur am Werk, der seine Schauspieler an das Energiezentrum der Sprache anzuschließen versteht. Köhler nimmt die Sehnsucht nach Utopie und Revolte ernst, kontert den schwachbrüstigen Text jedoch mit lakonischer Genauigkeit, die das Ungenaue der Traumwelten offen legt. Im Grunde ist die Vorlage für diesen Regisseur, der weder den zeitgeistigen Zuschauergeschmack noch das Verlangen nach deutenden Kommentaren bedient, ein zu blässliches Gegenüber. Auch deshalb ist alles an diesem kurzen, kleinen Abend in Köhlers Lieblingsversteck enthalten: im Detail.Die Separatisten 11., 18. und 25. Mai, jeweils 20 Uhr im Gorki-Studio Tischgespräch mit Autor, Regisseur und Bewirtung durch den Verein zur Aufhebung des Notwendigen am 22. 5. im Gorki-Studio, T.: 20 22 11 15------------------------------Foto: Die Visionärin am Boden und einer ihrer Streiter an der Wand
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