Was immer Günter Grass in den letzten Tagen vorgeworfen worden ist, eines hat man ihm zu Gute gehalten: dass er aus freien Stücken seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS bekannt habe. Dann aber berichtete der Kölner Stadt-Anzeiger, Grass habe so frei gar nicht gehandelt. Er habe vielmehr Forschern zuvorkommen wollen, die seine Vergangenheit mit Archiv-Unterlagen der DDR-Staatssicherheit rekonstruieren könnten. Deren Sammlung von belastenden NS-Dokumenten zu wichtigen Persönlichkeiten werde im Bundesarchiv gerade erschlossen. Darin finde sich ein Hinweis auf Grass' SS-Mitgliedschaft.Woher der Kölner Stadt-Anzeiger das wissen will, hat er nicht offen gelegt. Wer mag die "zuverlässige Quelle" sein? Im Bundesarchiv ist man sich sicher: in dem NS-Archiv, das die Stasi seit den 1960ern zusammenstellte, ist kein solcher Hinweis und überhaupt kein Dossier über Grass vorhanden. So sagte es die Vizepräsidentin Angelika Menne-Haritz der Berliner Zeitung. Das könne sie auch sicher behaupten, denn es seien bereits alle Personennamen erfasst.Auch in der Birthler-Behörde ist man sich sicher: In den dort vorhandenen NS-Akten aus dem Besitz der Staatssicherheit ist kein Hinweis auf Grass' Dienst bei der Waffen-SS zu finden. "Dafür käme nur der Bestand der Hauptabteilung IX/11 in Frage", sagte Sprecherin Ilona Schäkel, also jener Hauptabteilung, die sich mit NS- und Kriegsverbrechen beschäftigte. Diese seien extra nochmals durchsucht worden.Im übrigen seien alle Akten zu Grass schon einmal herausgegeben worden - an den Politologen Rolf Köpcke. Er hat eine Dissertation über Grass' Vereinigungsroman "Ein weites Feld" verfasst, die den Untertitel "Die Versuche der Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf ihn" trägt. Grass hatte die 2001 dafür beantragte Einsicht in seine Stasi-Unterlagen zuerst abgelehnt und erst später gestattet.Dass Grass die Einsicht zeitweise abgelehnt hat, scheint der einzige Anhaltspunkt jenes Gerüchts zu sein, wonach er Enthüllungen aus den Archiven der Stasi fürchten musste. "Das kam uns damals sehr komisch vor!", sagt der Betreuer der Dissertation und Leiter des "Forschungsverbunds SED-Staat" an der FU Berlin, Professor Klaus Schroeder. Ähnlich unbekümmert spekuliert sein Doktorand Köpcke - obwohl er Grass' Akten bei der Birthler-Behörde doch schließlich einsehen durfte - noch gestern in der Leipziger Volkszeitung.Wer allerdings Köpckes Dissertation nachliest, die digital (www.diss.fu-berlin.de/2003/31/) veröffentlicht wurde, wundert sich eher, was für skandalös wirres Zeug am Otto-Suhr-Institut der FU als Doktorarbeit durchgeht. Offenkundig hat der Prüfungsausschuss Gnade vor Recht gehen lassen. Köpcke habe ja nur "rite" gekriegt, meint Schroeder entschuldigend. Und es habe sich bei diesem Doktoranden ja um einen pensionierten Beamten gehandelt. Noch ein Alterswerk also.------------------------------Foto: Musste Grass fürchten, seine Vergangenheit werde von anderen enthüllt? Mag sein - aber nicht aus Stasi-Archiven. Nur in der Berliner Wehrmachtsauskunftsstelle sind bisher Belege aufgetaucht.
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