Fußball-WM

Als Deutschland ausschied, stellte mein Kind die wichtigste Frage des Abends

Ohne Allianz gibt es keine großen Emotionen, kein Adrenalin. Was also tun, nachdem Deutschland bei der WM rausgeflogen ist?

3 Min
In Paraguay wird nach dem WM-Sieg gegen Deutschland gefeiert. Die haben noch ihr „Wir“.

In Paraguay wird nach dem WM-Sieg gegen Deutschland gefeiert. Die haben noch ihr „Wir“.

© Jorge Saenz/AP/dpa

Ich weiß nicht genau, ob es vor oder nach dem Tor von Paraguay in der ersten Halbzeit war, als meinem jüngeren Kind klar wurde, dass wir uns bereits in der K.o.-Runde befanden. Und dass Deutschland raus wäre, wenn es dieses Spiel nicht gewinnt. „Für wen sind wir dann?“, fragte es. Die Frage blieb in der Luft hängen. Noch war es nicht nötig, sie zu beantworten.

Keiner der fünf, die an diesem Abend in unserem Wohnzimmer Fußball schauten, ist Fußballexperte, aber irgendwie spürten alle, dass es nicht so lief mit der deutschen Mannschaft. Dass es sein könnte, dass wir eine andere Mannschaft brauchen würden, an die wir unsere Sympathien kleben. Denn man schaut diese Spiele nicht, um sie zu analysieren oder um mit interesselosem Wohlgefallen auf die Ballkunst zu blicken, man braucht eine Mannschaft, die man unterstützt. Das macht einen zum Teil einer größeren Gemeinschaft, sonst gibt es keine Emotionen, kein Adrenalin. Sonst macht es keinen Spaß.

Als ich kürzlich mit zwei Kollegen das Spiel Österreich gegen Argentinien schaute, fragte mich der Österreicher, ob ich von „wir“ sprechen würde, wenn es um das deutsche Team gehe. „Klar“, sagte ich. Er selber tat das nicht bei den Österreichern. Gefragt nach dem Grund, musste er überlegen. „Es fühlt sich nicht gut an“, sagte er. Komischer Vogel, dachte ich.

Wir sind jetzt raus

Wir sind jetzt raus, schon vor dem Spiel gegen Frankreich am nächsten Samstag, von dem es hieß, dass wir das wohl auf jeden Fall verlieren würden. Und wir müssen neue Allianzen schmieden. Eigentlich. Bei uns im Wohnzimmer saß am Montagabend auch ein Koreaner, er hatte den Prozess der Umorientierung schon hinter sich. Seine Nationalmannschaft ist bereits in der Vorrunde ausgeschieden, der Trainer entschuldigte sich bei seinem Volk und trat zurück, nachdem der Staatspräsident von seiner großen Enttäuschung gesprochen hatte. Unser Besuch lebt seit fast einem Jahr in Passau, da fiel es ihm nicht schwer, auf Deutschland umzuschwenken. „Was bleibt dir auch anderes übrig“, sagte ich zu ihm.

Ich konnte das Spiel nicht zu Ende schauen. Als ich mich verabschiedete, stand es 1:1. Dienstagfrüh hing die schlechte Stimmung wie eine dunkle Wolke in der Wohnung. Zwei waren schon wach. „Für wen seid ihr jetzt?“, fragte ich. Das ältere Kind sagte, es sei nun raus. „Keinen Bock mehr.“ Ein neues Wir ist eben nicht so leicht zu finden. „Messi vielleicht“, sagt der Koreaner.

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