Seit vier Jahren verkünden die Generäle der Nato und der Internationalen Sicherheitstruppe Isaf mit schöner Regelmäßigkeit einen Erfolg nach dem anderen im Kampf gegen die radikalislamischen Talibankrieger. Allein im letzten Jahr sollen 4 000 bis 5 000 der radikalen Gotteskämpfer getötet worden sein - ganz zu schweigen von schweren Verlusten unter den Kommandeuren der Rebellen. Angesichts des Todes von neun US-Soldaten, die starben, als etwa hundert Talibankämpfer einen erst am Vortag errichteten US-Außenposten überrannten, wachsen die Zweifel.Ausgestattet mit milliardenschwerer Technologie, Luftüberlegenheit, zu wenig Truppen und einer zu knapp bemessenen Hubschrauberflotte scheint es der Nato am Hindukusch nicht zu gelingen, sich aus dem immer stärker werdenden Sog des Abwärtsstrudels zu befreien. Im Osten des Landes gibt es laut US-Angaben 40 Prozent mehr Attacken als vor einem Jahr. Im Mai und Juni lag die Zahl der Verluste bei den ausländischen Truppen höher als im Irak. Wenn es so weitergeht, dürfte der Juli noch schlimmer werden.Selten war der Abnutzungskrieg der Talibanmilizen gegenüber den westlichen Truppen erfolgreicher als in diesem Jahr. "Es sind sehr erfahrene Kämpfer", konzediert US-Generalstabschef Admiral Mike Mullen, "ich bin besorgt über die Geschwindigkeit, mit der die Bedrohung zunimmt." In den meisten Teilen des Landes setzen die Taliban nach Guerilla-Manier Kampfgruppen ein, die nach einem Angriff die Kalaschnikow verstecken und auf den Feldern zu Hacke und Schaufel greifen. Wenn eine besonders spektakuläre Aktion gelingen kann, nimmt die Talibanführung allerdings auch hohe Verluste hin.Den zu allem entschlossenen "Heiligen Kriegern", kommt entgegen, dass sie es mit einem korrupten Gegner zu tun haben. Die Generäle der "neuen" afghanischen Armee haben sich längst Luxusvillen in Dubai angeschafft, um sich notfalls samt Familien schnell in Sicherheit zu bringen. Die Nato-Truppen leiden unter der zaghaften und zögerlichen Haltung ihrer Regierungen, die aus Furcht um den Rückhalt bei den Wählern Truppenaufstockungen nur ungern bewilligen.Die Talibanmilizen wissen, dass sie den Krieg gegen die Nato nicht gewinnen können. Aber sie wissen auch, dass mit jedem toten ausländischen Soldaten am Hindukusch die Chance wächst, dass irgendein Nato-Staat entnervt zum Rückzug bläst. Es wäre zunächst ein psychologischer Triumph, der sich freilich schnell zur Lawine ausweiten könnte. Nach dem geplanten Abzug britischer, holländischer und kanadischer Truppen aus dem Süden Afghanistans im Jahr 2010 werden wohl nur noch die USA bereit sein, sich in den Regionen der feindlich gesinnten Paschtunen zu engagieren.Zwei Drittel des Landes, so sagt das Internationale Rote Kreuz, sind inzwischen vom Krieg betroffen. Das bedeutet, dass in mindestens einem Drittel des afghanischen Territoriums tagsüber vielleicht Polizei und Behörden aktiv sind, nachts aber die Talibanmilizen mit ihrer Einschüchterungs- und Terrorkampagne nach Belieben schalten und walten.Ein Ziel haben die Talibankrieger längst erreicht. Außerhalb der afghanischen Städte ist es so gefährlich geworden, dass nicht einmal die Wählerregistrierung stattfinden kann, die für Afghanistans Präsidentschaftswahl im Herbst des Jahres 2009 nötig ist. Ob angesichts des sich verschärfenden Kriegs in etwas mehr als zwölf Monaten überhaupt ein Urnengang möglich sein wird, scheint ebenfalls fraglich. Bei den vergangenen Wahlen waren die Talibanmilizen noch zu schwach, um sie zu torpedieren. Nun sind sie entschlossen und fähig, sie mit Gewalt zu verhindern - oder per Verhandlungen ins Zentrum der Macht zurückzukehren.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]