Die Theatralik bestimmt das Wirken: Elton John und sein Piano in der Berliner Waldbühne

Die hohe Kunst der Überzuckerung

Harald Peters
4 Min

Elton John hat in seinem Leben so viele Erfolge gefeiert, Talsohlen durchquert und Grenzen überschritten, dass er es nicht mehr nötig hat, sich seiner Größe zu versichern. Folglich ist seine Show auch streng dem Understatement verpflichtet, sie ist praktisch gar nicht existent. Ein schwarzes Piano ist zentral in der Bühnenmitte platziert, ein paar seltsam gestanzte Metallstellwände stehen im Halbrund drumherum, mehr gibt es nicht zu sehen. Am Sonntagabend in der Waldbühne will Elton John sich allein auf seine Songs verlassen, seine Hits aus drei Jahrzehnten. Dann kommt der Künstler selbst. Ein gedrungener Mann mit krummen Beinen und einer Frisur, die wie üblich derart merkwürdig auf dem Kopf sitzt, dass man nicht weiß, ob sie einem verwirrten Stylisten, einem unfähigem Perückenmacher oder allein Elton Johns frei flottierender Exzentrik geschuldet ist. Sein Anzug, ein irgendwie tarnfarbener, reichlich mit Pailletten bestickter Zweiteiler, sieht aus, als hätte ihn Gianni Versace selig einst im Fiebertraum entworfen. Elton John erscheint also angemessen gekleidet, er glitzert und das Publikum ist begeistert. Ohne VerschnaufpauseEr eröffnet das Konzert mit seinem ersten Hit "Your Song". Nachdem er sich in den späten 60er-Jahren einigermaßen erfolglos als Organist bei der Band Bluesology verdingt hatte, war es 1970 dieser Song, der ihm zum Durchbruch als Solokünstler verhalf. Schon nach den ersten Akkorden ringt das Publikum mit der Fassung, nach wenigen Textzeilen hat es sie dann verloren. Verliebte fassen sich bei der Hand, tauschen tiefe Blicke aus und wischen sich gegenseitig die Tränen aus dem Gesicht. "It s a little bit funny this feeling inside / I m not one of those who can easily hide / I don t have much money but boy if I did / I d buy a big house where we both could live." Elton Johns Hauspoet Bernie Taupin hat den Text einst achtlos beim Frühstück niedergeschrieben, Elton John hat dann geschwind eine Melodie hinzu komponiert, fertig war das Lied. So entstehen Klassiker.Elton John gönnt seinen Zuschauern keine Verschnaufpause, die Hits folgen Schlag auf Schlag. Mit "The Greatest Discovery", "Daniel" und "Mona Lisas & Mad Hatters" geht er chronologisch vor und rollt das Feld von hinten auf. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Prachtballade, jenem Format, das er durch ordentliche Überzuckerung, einer großen Dosis Gefühl und einem leicht gepresst-froschigen Gesang, der sich in jede noch so wunderbar schmierige Melodie kniet, höhere Weihen verlieh. Das sollte auch niemanden wundern, schließlich hat sein Leben gemäß den Regeln der Prachtballade gelebt: hart am Kitsch, nah am Abgrund. Seine Kindheit verbrachte er mit der Mutter und dem Klavier, seinem Vater blieb er fremd, von den Mitschülern wurde er gehänselt. Er genoss eine klassische Klavierausbildung, doch statt für Bach und Beethoven interessierte er sich eher für Little Richard. Als er als Erwachsener singen wollte, versteckten ihn seine Bandkollegen hinter dem Klavier: zu hässlich, zu dick, zu klein. Irgendwann muss sich all das erfahrene Leid dann nach außen gestülpt haben, und aus Reginald Kenneth Dwight wurde irgendwie Elton Hercules John - ein Popstar mit durchaus schwierigem Charakter. Seine Biografen halten ihn übereinstimmend für introvertiert, extrovertiert, charmant, launisch, undankbar, faul, ehrgeizig, von Selbstzweifeln geplagt, mutig, größenwahnsinnig und feige. Den Kompromiss zwischen all diesen Eigenschaften fand er in überzogener Theatralik. Als er sich einmal umbringen wollte, steckte er seinen Kopf in den Backofen, allerdings auf ein Kissen gebettet und bei geöffneten Türen und Fenstern. Ein anderes Mal schrie er auf Valium "Ich will sterben!" und sprang in den Pool, in dem gerade seine Mutter und seine Großmutter badeten.Am Ende kommt der AnfangDass er später Hof-Sänger des englischen Königshauses wurde, scheint dabei irgendwie folgerichtig. Und weil seine Biografie stets von erheblichen Gefühlsschwankungen geprägt war, geht es auch in seinen Liedern auf und ab. Seinen Hit "Rocket Man" dehnt er im Konzert auf beträchtliche Länge, mal wird er lauter, dann wieder leiser, und als man meint, der Song sei bald vorüber, hebt der "Rocket Man" erst ab. Es ist von Vorteil, dass Elton John sich bei dem Konzert hauptsächlich an älteres Material hält, denn trotz seiner Verdienste waren die letzten 20 Jahre nicht seine produktivsten. Als erschreckendes Beispiel liefert er dazu den Song "Nikita". Ein Song, der, wie er betont, ihm viel bedeutet. Aber das ist bekannt: besonders geschmacksicher war er noch nie.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Entwurf eines Fiebertraums: Elton John glitzerte beim Konzert angemessen.

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