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Wir lagen im Hafen von Karlshagen. Unweit von Wolgast, wo das Minensuch- und Räumschiff im VEB Peenewerft gebaut worden war. Ganz allein mit einem nigelnagelneuen Kahn. Es roch nach Farbe, und die Bettwäsche war bunt, nicht blau-weiß kariert, wie auf den Schiffen der Volksmarine üblich. In der Mannschaftsmesse stand ein Farbfernseher (er sollte allerdings die erste stürmische Ausfahrt nicht überleben, die empfindlichen Röhren verkrafteten das Stampfen nicht). Wir hatten Herbst 1971 und den Auftrag, Besatzungen auszubilden, die die nächsten MSR-lang (Nato-Bezeichnung Kondor II) übernehmen sollten.
Gelegentlich besuchten uns hochrangige Delegationen sowjetischer Waffenbrüder. Die DDR wollte dem Großen Bruder nicht nur Fischtrawler verkaufen, sondern auch Schiffe aus Wolgast. Doch die Genossen winkten nach der intensiven Besichtigung ab. Porzellanbecken in verschließbaren Kabinen? Eingebaute Einzelkojen im Vorschiff für die Mannschaften statt Hängematten, die am Abend gezurrt wurden? Linoleum und Auslegware statt blankem Stahl? Das hier sei ein Kreuzfahrtschiff, kein Kampfblech, befanden sie.
Da prallten vernehmbar unterschiedliche Philosophien aufeinander. Unsere Führung meinte, wenn die Schiffe zur Friedenssicherung hinausfuhren, auf Vorposten lagen oder Boote begleiteten, sollten es die knapp dreißig Mann an Bord auch einigermaßen erträglich haben – während der Große Bruder lediglich Sinn und Zweck von Kriegsschiffen in den Vordergrund stellte und damit die Frage nach Aufwand und Nutzen. Wurde ein solcher Kahn im E-Fall getroffen (wovon der potenzielle Kunde ausging), sanken über dreißig Millionen Mark auf den Meeresgrund.
Wir gingen vom Best Case, sie vom Worst Case aus und kauften nicht. Wolgast baute trotzdem weiter und lieferte dreißig MSR an die Volksmarine aus.
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Rückkehr zur „Wiege der Raumfahrt“
Der gesamte Nordteil der Insel Usedom inklusive Karlshagen war militärisches Sperrgebiet. Die Abriegelung des Areals war in den Dreißigerjahren mit der Installation der Heeresversuchsanstalt Peenemünde erfolgt. Nach dem Krieg nutzte die Sowjetarmee den dortigen Hafen und den Flugplatz. Anfang der Fünfzigerjahre übernahmen die Streitkräfte der DDR. Bis 1990 lag dort die 1. Flottille und starteten die Jets des Jagdfliegergeschwaders 9. Dann zog Ruhe ein.
Wie unlängst jedoch der Nordkurier berichtete, ist das deutsche Militär an die „Wiege der Raumfahrt“ zurückgekehrt. „Der Standort Peenemünde eignet sich aufgrund seiner abgelegenen Lage und der geringen Besiedlung grundsätzlich für damit zusammenhängende Flugversuche“, zitierte die Zeitung am 27. März 2026 einen Sprecher des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw). Art und Inhalt der Aktivitäten seien „aus Gründen der militärischen Sicherheit“ geheim.
Bestimmte Traditionen sind eben unkaputtbar. Das meint nicht nur die deutsche Neigung, absurde Kürzel zu kreieren …
Wir lagen also damals in Karlshagen und genossen einige Privilegien: keine Vorgesetzten weit und breit und immer frischen Fisch. Unser „Alter“ – also der fast dreißigjährige Kommandant des Schiffes – hatte einmal ein Fischerboot von einem Netz befreit, welches sich um Schraube und Welle gewickelt hatte. Oberleutnant André Schreiber war mit dem Messer getaucht, wodurch er den Fischern ersparte, den Kahn über eine Slipanlage aus dem Wasser ziehen zu müssen. Die Fischer sparten darum nicht mit Fisch. Ihre Dankbarkeit hielt mehrere Monate an, so lange jedenfalls, bis unsere Mission erledigt war und wir nach Parow bei Stralsund verlegt wurden.
Montagearbeiten an einem Containerschiff in der Peene-Werft in Wolgast im Jahr 1993
© Jens Koehler/Imago
Hafen in eine Marina verwandelt
Die Landgänge in Karlshagen waren kurz und führten mitunter an den Rand des Ortes, wo sich seit dem Vorjahr – eingeweiht am 25. Jahrestag der Befreiung – neben dem Dorffriedhof eine Mahn- und Gedenkstätte befand. Einige Hundert Zwangsarbeiter und Opfer der Luftangriffe auf die Heeresversuchsanstalt waren hier bestattet worden. Auch lagen dort mehrere Dutzend mit Kopfschuss ermordete Männer, die sich aktiv dem Kriegsirrsinn widersetzt hatten, um Frieden zu stiften. An sie erinnerte eine Tafel mit einem Zitat von Brecht: „Also seid ihr verschwunden, aber nicht vergessen / niedergeknüppelt, aber nicht widerlegt / Zusammen mit allen unverbesserbar Weiterkämpfenden. / Hier ruhen 56 Opfer des Faschismus.“ Wir jungen Matrosen verstanden uns gefühlsmäßig als die unverbesserbar Weiterkämpfenden.
Als wir jetzt im Mai den Ort aufsuchten, lagen dort viele bunte Blumensträuße, und die gesamte Anlage befand sich in einem bemerkenswert gepflegten Zustand. Ein Gedenkstein war hinzugekommen: „An dieser Stätte ruhen 213 Zwangsarbeiter / Gott spricht: Ich kenne Dich mit Namen / 2. Mose 33,17“. In der Tat: Auf vielen Gräbern lagen Platten mit Namen und Lebensdaten, die man seither ermittelt hatte.
Der Hafen war inzwischen eine Marina. Statt der Fischerboote lagen Segler und Jachten vertäut an der Pier. Verschwunden das rustikale Ambiente der Fischerei, vergangen wie die S-26 „Wittstock“, unser Schiff. Es war am 2. April 1990, also noch in DDR-Tagen, außer Dienst gestellt und dann verschrottet worden.
Wir fuhren weiter auf der L 264 gen Norden, auf Peenemünde zu. Links und rechts der Piste standen Warnschilder im Wald, die vom Betreten drohend abrieten. Seit den Bombardements lagen Blindgänger und anderer Kriegsschrott im Unterholz. Mitunter waren die überwucherten, rostigen Gleise der Werkbahn zu sehen. Diese war Mitte der Dreißigerjahre zwischen Zinnowitz und der Heeresversuchsanstalt verlegt worden, als man dort die ersten Raketen zu verschießen begann. Auf dem Schienennetz von etwa hundert Kilometern wurden Material und Mitarbeiter befördert. Und Zwangsarbeiter aus den verschiedenen Lagern, die es hier zuhauf gab, darunter die beiden Außenlager des KZ Ravensbrück, Karlshagen I und II.
Welche Züge rollten hier? Gelb-rote S-Bahn-Wagen aus Berlin …
Gleich hinterm Abzweig in den Flughafenring befand sich der Haltepunkt Werk Ost. Der Bahnsteig: 180 Meter lang, bestehend aus genormten Betonteilen, die Kante zentimetergenau in Höhe des Aus- und Einstiegs. Seit mehr als neunzig Jahren liegt er in der Landschaft und sieht aus wie ehedem. Wie an weiteren 22 Plätzen in der „Denkmal-Landschaft Peenemünde“ erklärte auch hier eine Tafel auf Deutsch, Englisch und Polnisch die Historie des Ortes.
Wenn der Hafen kein Hafen mehr ist, sondern eine Marina: siehe Karlshagen an der Ostsee
© Zoonar.com/Stefan Dinse/Imago
Alles wirkte wie improvisiert
Einige Hundert Meter weiter nur, auf der linken Straßenseite, existierte einst das KZ-Arbeitslager Karlshagen I. Bis auf die kümmerlichen Reste eines Kleinbunkers fürs Wachpersonal ist nichts mehr davon übrig.
Im August 1943 bombardierte die Royal Air Force die Heeresversuchsanstalt und die Erprobungsstelle der Luftwaffe („Operation Hydra“). Auf den bei Aufklärungsflügen gemachten Fotos sind die fünf Lagerbaracken und andere Bauten dieses Lagers zu erkennen. In drei Wellen mit 520 Maschinen warfen die Briten an die zweitausend Tonnen Spreng- und Brandbomben ab. Allerdings schlug aufgrund eines Markierungsfehlers jede dritte Bombe in Häftlingslager ein. London meinte, Peenemünde final ausgeschaltet zu haben, doch schon nach vier Wochen ging es weiter. Sowohl mit der Tätigkeit vor Ort als auch mit der bereits begonnenen Verlegung der Produktion der V2 ins KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen.
Am 8. Mai 2026 wurde am Ort des nicht mehr vorhandenen Lagers Karlshagen I eine Gedenkstätte eröffnet. Fünf Bild-Text-Tafeln zwischen den Bäumen erinnern an zweitausend Häftlinge, an ihre Fron für den deutschen Militarismus. Staatssekretärin Susanne Bowen sagte, dies sei „eine Respektbekundung“ gegenüber den Opfern und dass die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern sich der Geschichte stelle und der daraus resultierenden „historischen und politischen Verantwortung“ bewusst sei.
Die Blumen am Aufsteller waren noch frisch, als wir auf dem Waldweg das recht überschaubare Memorial durchschritten, alles wirkte wie improvisiert, als habe der Jahrestag eine Frist gesetzt. Auf einer Tafel waren Porträts zu sehen. Von rund siebzig Häftlingen seien Fotos überliefert, heißt es zur Erklärung. „Diese wurden zumeist vor oder nach ihrer Zeit im KZ aufgenommen, teilweise erst Jahrzehnte später.“
Und dann fiel der Blick auf unzählige Namen und Lebensdaten, geschrieben mit der Hand von Schülerinnen und Schülern der Heinrich-Heine-Regionalschule Karlshagen. Rot die Namen jener, die in Peenemünde ermordet wurden – durch Arbeit, durch Hunger, durch Gewehr- oder Pistolenschüsse.
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Nicht sechs, sondern 42 Kriegstote
Zurück fuhren wir über Koserow. Dort hatte man, so jedenfalls berichteten die Nachrichtenagenturen am 81. Jahrestag der Befreiung, bei Grabungen auf dem Gemeindefriedhof die Gebeine von 42 Kriegstoten gefunden. Unter dem Grabstein mit der Aufschrift „Den unbekannten Opfern des Zweiten Weltkrieges“ vermutete man bis dato sechs Tote.
Engagierte Vertreter vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatten ein Massengrab entdeckt: In drei langen Reihen, Schulter an Schulter, Kinder von zwölf Jahren und siebzigjährige Greise, viele Frauen, zehn Personen hätten Erkennungsmarken besessen, so habe man gleich eine Marinehelferin identifizieren können. Die Amputationen und Verletzungen deuteten darauf hin, dass es sich um verstorbene Patienten des nahe gelegenen Lazaretts handelte. Also Kriegsopfer.
Es regnete, als wir über den Friedhof gingen. Nebenan rauschte der Autoverkehr Richtung Kaiserbäder, auf Usedom ist immer Saison. Das Feld hinter der Kapelle war frisch geharkt, der Stein mit dem Betonsockel aus der Erde gehoben. Bis November soll die Grabstätte neu hergerichtet sein.
Es sind noch nicht einmal alle Toten des letzten Krieges bestattet, und trotzdem denken einige bereits über den nächsten nach. An die dreihundert Leichname werden noch immer alljährlich in Ostdeutschland geborgen: Rotarmisten und Wehrmachtsoldaten, Befreier und Durchhaltekrieger, Häftlinge und HJler, Frauen und Volkssturmmänner aus Hitlers letztem Aufgebot. Sollte uns das nicht zu denken geben?
Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost, gelernter Spezialglasfacharbeiter und Diplom-Journalist. Drei Jahre fuhr er zur See und war, Australien ausgenommen, auch auf allen Kontinenten unterwegs. Meist publiziert er unter seinem Namen, aber gern auch unter einem seiner fünf Pseudonyme.
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