Kaffee, Corgis und Kartenzahlung
Vor meiner Abfahrt Ende September erinnerten mich viele Kollegen an den Spruch, Kiew sei „das neue Berlin“. Mit genau dieser Frage habe ich mich in der allerersten „Kiew Calling“-Kolumne ausgesetzt. Ich wollte aber für mich herausfinden: Was sind wirklich die Einzigartigkeiten dieser Stadt, was macht sie wirklich aus, was sind ihre charmanten Macken? Es gab viel zu entdecken. Ich habe Hunderte Bilder der Kiewer Straßenkunst gemacht und mich mehrmals in dem Labyrinth des unterirdischen Einkaufszentrums Metrograd verirrt. Eine russische Freundin in Berlin hat mir seit meinem Rückkehr erzählt, ich spreche jetzt Russisch mit einem ukrainischen Akzent. Ich habe gelernt, was für leidenschaftliche Kaffeetrinker die Kiewer sind, wie gern sie dazu ein belegtes Croissant essen und dass Corgis die eindeutige Mehrheit unter Kiews Hunden bilden. Und ja, es gibt auch Sachen, die die Berliner von den Kiewern lernen könnten, vor allem im digitalen Bereich: Ich habe in Kiew keinen einzelnen Laden, kein Café besucht, wo ich nicht mit Karte bezahlen konnte.
Nach Schließung der Kyiv Post: Das Ende einer „Oase der Unabhängigkeit“
Unter all diesen Sachen, die Kiew zu einer charmanten und besuchswerten europäischen Metropole machen, liegt aber eine entschlossene Unverwüstlichkeit. Es gibt hier unzählige Menschen, ob Künstler, Technoparty-Veranstalter oder die entlassenen Journalisten der Kyiv Post – die jetzt ihr neues unabhängiges Medium The Kyiv Independent gegründet haben –, die ihre Stadt und ihr Land auf einen neuen Kurs bringen wollen, alte Muster loswerden, nach denen korrupte Oligarchen alles vorgeben.
Die Ukraine will die EU anschließen - oder doch nicht?
Kiew hat eine Bestimmtheit an sich, die sich an den Flaggen der Europäischen Union zeigt, die neben den ukrainischen Flaggen an vielen öffentlichen Gebäuden hängen – auch wenn die Chancen auf einen baldigen EU-Beitritt gering sind. Das heißt aber nicht, dass das ganze Land diese Hoffnung teilt. Es gibt in der Ukraine viele verschiedene Meinungen dazu, in welche Richtung sie sich jetzt bewegen sollte, wie eng sie mit Russland oder Europa verbunden sein sollte, welche Politiker – intern und extern – ihr Bestes im Sinn haben. Diese Fragen sind vielseitig und komplex, und ich werde viele weitere Besuche dieses Landes brauchen, um nur die geringste Chance zu haben, sie von allen Blickwinkeln zu verstehen.
Ein von der Euromaidan-Revolution von 2014 inspiriertes Kunstwerk deutet auf die ukrainische Strebungen nach Europa. In der Realität bleibt Europa für das Land ein umstrittenes Thema.
© EPA
Die größte Lektion aus den zwei Monaten in Kiew war aber vielleicht diese: Es ist sehr schade, dass nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern die führenden Medien ihre Auslandskorrespondenten nur in Moskau stationieren, von wo aus sie über ganz Osteuropa oder den postsowjetischen Raum berichten sollen. Ein Schicksal, das der bedeutungsvollen Lage der Ukraine nicht entspricht. Sie ist die Bühne für viele der brennendsten Fragen unsere Zeit: Welche Grenzen zwischen Ost und West gibt es noch heute, 30 Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges; welche Bedeutung hat die Nato noch; was für eine Rolle spielt der Populismus? Die Orte und Menschen, die ich in Kiew kennengelernt habe, werden Zeuge davon sein, wie die Geschichte der Ukraine weitergeht – und wie sie ihre Zukunft gestalten, wird mich, uns und ganz Europa betreffen.
Elizabeth Rushton ist Volontärin bei der Berliner Zeitung am Wochenende. Zwei Monate lang ist sie mit einem IJP-Stipendium Gastjournalistin in Kiew und schreibt von dort aus regelmäßig eine Kolumne.
Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.
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