NEW YORK, 8. März. Bis zur letzten Minute hat David Burkner persönlich gekämpft. Mit einem mickrigen Stapel von Flugblättern und einem mit Wahlpostern zugegeklebten Fahrrad stand er am Dienstagabend bis 21 Uhr an der Ecke Park Avenue und 66. Straße. Urlaub hat der Filmcutter für seinen freiwilligen Einsatz im Wahlkampf nicht genommen, er schneidet sowieso erst nachts. Aber an diesem Abend ist er nicht pünktlich ins Studio gekommen, denn er nahm seinen Kampf sehr ernst an diesem wichtigsten Tag der Vorwahlen in den USA. Burkner ist registrierter Wähler der demokratischen Partei. Und er hat nur einen Wunsch: Der Republikaner John McCain soll der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden. Aber die Hoffnung auf dessen Nominierung ist nach dem "Super-Dienstag" so gut wie ausgeschlossen.Aus einer guten FamilieAngewidert von den Sex- und Spendenskandalen im Weißen Haus will Burkner von seiner eigenen Partei momentan nichts wissen. Da Burkner aber als Demokrat nicht für einen Republikaner stimmen darf, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, das Wahlvolk der gegnerischen Partei zu motivieren. Vor dem Wahllokal Park Avenue, Ecke 66. Straße sah er dafür seine besten Chancen. Hier leben die Reichen, die Frauen, die mit Einkaufstaschen wählen gehen und ihren Schoßhund nach seiner politischen Meinung fragen, hatte sich Burkner überlegt. "Warum also nicht auch mich?"Aber offensichtlich waren die Schoßhunde überzeugender als der Demokrat Burkner. Nicht McCain hat die Vorwahlen in New York gewonnen, sondern klar sein Kontrahent George W. Bush. Noch kurz vor dem "Super-Dienstag", an dem bei den Republikanern in dreizehn Bundesstaaten abgestimmt wurde, war die Prognose für den Wahlausgang in New York unsicher. Die Parteispitze der Republikaner wollte hier eigentlich gar keine Vorwahl abhalten, um ihren Favoriten, den texanischen Gouverneur Bush nicht zu gefährden. Darum sollte der Name John McCain gar nicht erst auf den Stimmzetteln erscheinen. Doch das Manöver misslang. Ein Gericht entschied, dass McCain auch in New York auf den Zettel gehört und so wurde der Ostküstenstaat zu einem der wichtigsten Kampfplätze zwischen den republikanischen Kandidaten.In New York sind die Regeln für die Vorwahl anders als in den meisten anderen Vorwahlen in den Vereinigten Staaten. Hier waren nicht nur die Demokraten von der Stimmabgabe für die Republikaner ausgeschlossen, sondern auch die unabhängigen Wähler, die bislang für McCains Siege sorgten.Zum Beispiel auch der Postbote Al Kennan. Er hat Mitte der 80er- Jahre für den republikanischen Präsidenten Ronald Reagan gestimmt und in den 90er-Jahren für den Demokraten Bill Clinton. Im Jahr 2000 ist John McCain sein Held, weil der eine Mischung aus Reagan und Clinton sei. Selbst wenn McCain nicht Präsidentschaftskandidat der Republikaner wird, ist der 34-Jährige begeistert von dessen Standhaftigkeit. "Bei einem wie McCain könnte man sogar hoffen, dass er ein ökologisches Bewusstsein in den USA weckt", sagt er. Doch auf Wähler wie Al Kennan musste John McCain ja nun verzichten. So gingen außer ein paar Rebellen, die dem republikanischen Establishment in New York und Washington eine Lehre erteilen wollten, für die Republikaner nur die in die Wahlkabinen, die anders über den Senator aus Arizona denken."Er hat andere Leute in der Öffentlichkeit beschimpft und eine schmutzige Kampagne geführt", meint Margret Tidse. Sie gab ihre Stimme in der Lower Eastside ab, einem vorwiegend von Weißen bewohnten Stadtteil. McCain hält sie zwar für einen generell konservativen Politiker, aber dass er zwei religiöse Führer beschimpfte, passte ihr überhaupt nicht. "Er hatte kein Recht sie zu attackieren", sagt Margret Tidse, "in diesem Land herrscht Religionsfreiheit."Ihre Stimme gab sie George W. Bush. Aus mehreren Gründen. Er sei jung, ehrenwert und habe hohe moralische Ansprüche. Außerdem will er die Steuern senken. "Und er kommt aus einer anständigen Familie." In George W. Bush sieht Margret Tidse den Führer ihres Landes, den sie lange Zeit vermisst hat. Einen Konservativen, der das Weiße Haus nicht mehr irgendwelchen Leuten zur Übernachtung anbietet und den Etatüberschuss in Sozialprogramme der USA investiert, anstatt das Geld "Leuten in Russland zu geben, die alles in die eigene Tasche stecken".Margorie Gray hält die Clintons, Bill und seine Frau Hillary, für Diebe, die dem amerikanischen Steuerzahler das Geld aus der Tasche stehlen. Ihrer Meinung nach haben sie sich in acht Jahren Präsidentschaft von der Filmindustrie in Hollywood aushalten lassen. Diese Leute hätten ihnen auch beigebracht, wie man spricht und schauspielert, damit die Bevölkerung begeistert ist. Vieles davon hat die 60-jährige Mrs. Gray toleriert, doch als Bill Clinton sich weigerte, seinen jährlichen Gesundheitsbericht veröffentlichen zu lassen, war ihr klar: "Da stimmt etwas nicht." Nun sei endgültig die Zeit gekommen, dass das Weiße Haus wieder republikanisch wird.In Hells Kitchen, einem Arbeiterviertel an der West Side, lebt und wählt die Schauspielerin Carla Everhart. Nichts könnte sie mehr erschrecken als ein Mann wie George W. Bush an der Spitze des Staates. Die 34-Jährige muss zwei Jobs auf sich nehmen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und könnte durch Bushs versprochene Steuersenkungen etwas mehr Geld in ihrem Portemonee behalten. Trotzdem hat sie Al Gore gewählt. Carla Everhart hat Angst davor, mit einem Präsidenten Bush einige ihrer persönlichen Freiheiten zu verlieren. Sie hat Angst, dass er seine Macht nutzen könnte, um wesentliche Errungenschaften der Liberalen in den USA zu ändern wie zum Beispiel das Recht auf Abtreibung. Nur Vizepräsident Al Gore, denkt Everhart, wird ihr diese Rechte garantieren. Obwohl, so beschreibt sie sich, ihre Ansichten radikaler seien als die von Gore. Eigentlich stünde sie politisch Bill Bradley viel näher. Doch mit Bradley konnte sie persönlich nichts anfangen.Auch bei den Demokraten sollte New York ein spannendes Duell zwischen den Kandidaten Al Gore, dem Vize-Präsidenten, und dem ehemaligen Senator Bill Bradley werden. Doch obwohl Bradley bis zum letzten Tag vor allem in New York und bei den Minderheiten Wahlkampf führte, sanken seine Chancen immer weiter.Vor allem seine Anstrengungen, Stimmen bei der African-American Bevölkerung zu gewinnen, misslangen. Die Ursache dafür sieht Pamela Green aus Harlem weniger bei Gore, als bei Präsident Bill Clinton. "Am liebsten würde ich Clinton noch einmal wählen", sagt die 41-Jährige, die ein Gemeinschaftszentrum an der 111. Straße leitet und seit jeher demokratisch wählt. Nie gab es einen Präsidenten, der uns seine Hand so weit entgegengestreckt hat, nie in der Geschichte der USA haben so viele Schwarze Jobs im Weißen Haus gehabt, wie unter dem derzeitigen Präsidenten. Sie habe Gänsehaut bekommen, als Clinton am vergangenen Wochenende zum Gedenken des Friedensmarsches in Selma, Alabama, vor 35 Jahren gesprochen habe. "Clinton war einzigartig. Aber Gore ist uns auch wohlgesonnen." Bill Bradley aber habe nichts dergleichen für ihre Gemeinschaft aufzuweisen.Auch Auria Rivera aus Spanish Harlem, die fünf Straßenblocks weiter ihre Stimme abgab glaubt fest daran, dass nur Gore die Interessen der Minderheiten ernst nimmt. "Als Basketball-Spieler für die New York Knicks habe ich Bradley bewundert, aber als Präsident finde ich ihn zu schwach." Auch Bush ist für sie keine Alternative. "Wenn er meint, ich wähle ihn, nur weil er drei Worte spanisch spricht, irrt er sich. Das sind nur Lippenbekenntnisse."Drei Worte SpanischBradley habe immer müde ausgesehen, so, als habe er keine Kraft und als mache ihm der ganze Wahlkampf keinen Spaß, sagt Michell Magazin, die gerade ihre eigene Internet-Firma gegründet hat. Auch sie hält Gore für den besten Kandidaten. "Er ist intelligent, hat Regierungserfahrung und will sich für eine bessere Umwelt einsetzen." Magazin wählte an der Parkavenue, Ecke 66. Straße. In diesem Wahldistrikt haben einige wenige Wähler ihr Herz für die Rebellen Bradley und McCain erwärmen können. "Ich habe für Bradley gestimmt, weil er das Establishment attackiert", sagt die 79-jährige Mary Taylor, aber sie habe lange überlegt. Vor allem wegen Bradleys Frau Ernestine. Aber obwohl Ernestine die Tochter eines Luftwaffenpiloten sei, habe sie sich schließlich für Bradley entschlossen. "Man kann sie dafür nicht verantwortlich machen", begründet sie ihre Entscheidung. Die Kandidatur von Männern wie Bradley und MacCain seien für die USA wichtiger, als derartige Kleinlichkeiten. Von einem Sieg des Ex-Senators wagt sie nicht zu träumen. Sie hofft aber, dass die Stimmen, die an Bradley gegangen sind, in Washington als Warnung ankommen. "Sie sollen wissen, dass es Menschen in diesem Land gibt, die wollen, dass der Einfluss des Geldes auf die Politik ein Ende hat."
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