Wieder einer dieser strahlenden Frühlingstage in Oberrothenbach: An den erzgebirgischen Talhängen grasen schlanke Pferde, wachsen die Osterlämmer zu Pfingstbraten heran. Unten ziehen sich an Talstraße und Bachweg gepflegte Fachwerkhäuser und schicke neue Eigenheime entlang. Dazwischen plätschert der Bach. "Scheen jemietlich wohn mer hier, scheen stille", sagt Erhard Dürrschmidt und schiebt sein Fahrrad auf den Hof hinter seinem Haus ganz am Ende der Talstraße. In wenigen Tagen, wenn die Blätter voll ausgetrieben sind, wird auch das unheimliche Problem Oberrothenbachs aus seinen Augen verschwunden sein. Nur einen Katzensprung weiter ist Schluß mit der Idylle: Ein gewaltiger Damm sperrt das Tal ab. 1,70 Meter Mensch stehen vor 60 Meter Steilwand. Kleine gelbe Schilder mit schwarzem Kranz warnen vor Radioaktivität. Hinter dem Damm wabern 45 Millionen Tonnen strahlender Schlamm. In jedem Liter Flüssigkeit 6,5 Milligramm Uran, 70 Milligramm Arsen, 700 Millibequerel Radium. Bedrückende Hinterlassenschaft von 40 Jahren Uranbergbau in der Region. Tote Landschaft "Das Wismut-Zeuch riecht mer nich un schmeckt mer nich", hatte Herr Dürrschmidt noch gesagt. Und daß seine jüngst verstorbene Nachbarin 100 Jahre alt geworden ist. Das eindrucksvolle Anwesen des einheimischen Jungunternehmers Nicola Nacinovich-Mitrovich liegt etwas höher am Hang. Nichts verstellt den Blick auf den Damm, und der kräftige Mittdreißiger betrachtet ihn skeptisch: "Jeder denkt sich so seinen Teil, und die Wismut wird schon ihre Gründe haben, wenn sie sagt, alles sei sicher", orakelt er. "Aber ob das für die Kinder so gut ist " Plötzlich hat Herr Nacinovich keine Zeit mehr, muß sich seiner Kältetechnik-Firma widmen. Das Leben geht weiter. Auch hinter dem Damm, 60 Meter Schlammspiegel über dem Grund, geht das Leben weiter. Nur, daß hier der Schlamassel unübersehbar ist. Tote Landschaft mit strahlendem See. 1957 bis 1962 leiteten die sowjetischen Wismut-Alleinbetreiber den zu Feinstaub vermahlenen radioaktiven Abfall der Aufbereitungsanlage Crossen in das Becken, ohne den von geologischen Störungen durchzogenen Talgrund abzudichten. Ab 1962 war die DDR beteiligt, 1990 war Schluß. Nun saniert die bundeseigene Wismut GmbH.13 Milliarden Mark zahlt der Bund für die Sicherung von insgesamt 35 Quadratkilometer belasteter Wismutfläche: 56 Tagebaue, 1 400 Kilometer Stollen, 48 Abraumhalden, 16 Schlammteiche. "Eine Arbeit für mindestens zehn Jahre", schätzt der technische Geschäftsführer der Wismut, Dr. Manfred Hagen. In sieben Jahren soll der Uransumpf über Oberrothenbach trockengelegt sein. Der aufgespülte Feinstaub, der einst bei jedem Windstoß seine Radioaktivität über die Gegend trug, ist schon abgedeckt. Trotzdem fährt kein Fahrzeug vom Gelände, ohne daß Räder und Boden abgespritzt werden. Seit Sommer vorigen Jahres zieht eine hochmoderne Anlage stark belastetes Wasser aus dem Schlamm und leitet schwach belastetes Wasser in die Mulde. "Weit unter den Grenzwerten", versichert Herr Gatzweiler, Hauptabteilungsleiter für Sanierungsvorbereitung bei der Wismut. Das zurückbleibende Arsen-Radium-Giftgemisch binden die Experten mit Zement und verteilen die dann wasserunlöslichen gelben Brocken am Rand des Teiches. Abgedeckt sollen sie dort für die Ewigkeit ruhen. Und das aus dem Wasser entfernte Uran? Schulterzucken bei den Experten. "Das wird noch in Behältern aufbewahrt." Und zwar bis die Entscheidung fällt, ob es "verkaufsfähig gemacht" oder ebenfalls gebunden und am Teichrand abgelagert wird. Viereinhalb Millionen Jahre vergehen, bis die Strahlung von Uran auf die Hälfte sinkt. Risse im Damm Doch auch der staubtrockene, im Teich zurückbleibende Rest strahlt weiter, denn es steckt immer noch Radium drin. "Wir decken die Fläche mit Kunstsstoff ab und füllen einen halben Meter Schotter drauf", sagt Herr Gatzweiler. Der Schotter kommt von Uranbergwerkshalden und "strahlt auch ein bißchen". Ganz obenauf kommt Erde, dann Grünes - und irgendwann verschwindet die Altlast aus den Augen der Menschen.Bis dahin beobachten die Oberrothenbacher Kommunalpolitiker mit gemischten Gefühlen den Damm. Ungewöhnlich starke Niederschläge hatten im vergangenen Herbst den Wasserspiegel bedrohlich ansteigen lassen. Fast wäre die unheimliche Brühe übergeschwappt. Im Winter entdeckten Kontrolleure des sächsischen Umweltministeriums dann auch noch Risse im Bauwerk. Medien prophezeiten einen Dammbruch und eine Umweltkatastrophe unbekannten Ausmaßes, sollten sich die Millionen Tonnen Uranschlamm über die Gegend ergießen. "Panikmache", meint Gerald Türschmann, Gemeinderatsmitglied in Oberrothenbach. "Wir waren informiert, konnten Wismut-Akten einsehen und das Risiko abschätzen." Trotzdem hat die Gemeinde die Katastrophenpläne überarbeitet, die Einwohner in Alarmtrupps aufgeteilt. Skepsis bleibt, schließlich kennt man seine Pappenheimer: "Viele von der Wismut, die jetzt für Sanierung und Umweltkontrolle zuständig sind, waren früher an den Sauereien beteiligt."Schon 1986 hatten sich einige Bürger in einer Umweltgruppe zusammengefunden. "Mit Gorbatschow und Glasnost wurde das ja möglich", erinnert sich Türschmann. "Und nach der Wende wählten uns die Bürger dann geschlossen in die Gemeindevertretung." Seither passen sie auf, daß die Sanierung in ihrem Sinne verläuft. Die Lage am Damm hat sich inzwischen entspannt. Die 120 Meter langen Risse in der unbefestigten Oberfläche schlossen sich mit steigenden Temperaturen. Sie rührten vom harten Dauerfrost, bestätigt Dr. Jürgen Staupe vom sächsischen Umweltministerium. Höchstens ein Erdbeben brächte es fertig, Damm und Schlamm ins Rutschen zu bringen. "Unwahrscheinlich, aber in unserer Gegend nicht ausgeschlossen", meint Gemeindevertreter Türschmann. Und obwohl mit jedem abgepumpten Liter Wasser der Druck auf den Damm sinkt, hat das Dresdener Umweltministerium viele Meßgeräte installiert: "Das dürfte der bestüberwachte Damm Europas sein", sagt Dr. Staupe. Auch der Garten von Frau Queck vor dem Damm zählt zu den gut überwachten Flecken Erde. Aus Fichtenzweigen leuchten kleine gelbe Dosen. Bundesamt für Strahlenschutz steht darauf. Radonmeßgeräte. Das radioaktive Edelgas ist ein ständiger Begleiter von Uranerz-Abbau. Frau Queck besorgt das nicht: "Die saachen, es is ooch nich doller als annerswo." Und dann erzählt sie von der Hundertjährigen aus der Nachbarschaft. Andererseits seien viele Junge an Krebs gestorben. Damit rührt die alte Frau an das sensibelste Thema der Region. Die Kommunalpolitiker kämpfen energisch gegen das Negativ-Image als ökologische Notstandsregion. Es schreckt Investoren ab. Der Ruf gründet sich vor allem auf Angst vor der ständigen Niedrigstrahlung. 5 800 Bergleute starben nachweislich an Lungenkrebs. Die Bergbau-Berufsgenossenschaft registrierte zwischen 1991 und 1995 etwa 6 000 neue Anzeigen über Bergbau-Berufskrankheiten. Doch Karl Matko, Landrat des Kreises Aue-Schwarzenberg, wankt nicht: "Die Statistiken zeigen kein verstärktes Auftreten strahlenbedingter Krankheiten. Wer das behauptet, redet unsere Region schlecht. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis." Das bestätigte auch Bundesumweltministerin Angela Merkel bei einem Besuch in der Wismutregion: "Außer bei Bergleuten weist in der Bevölkerung nichts auf erhöhte Krebszahlen hin." Endgültigen Aufschluß erhofft sie sich von zwei umfangreichen Studien, die ihr Ministerium finanziert. Keine Mißbildungen Gerald Türschmann möchte gern an die gute Botschaft glauben, wagt es aber nicht. Schließlich gab es weder früher noch heute spezielle Reihenuntersuchungen unter den Bewohnern der Wismut-Region. Und der Arzt Dr. Braun aus dem benachbarten Mosel berichtet, ihm fielen auf Anhieb 15 Krebsfälle ein. Andererseits, macht sich Gerald Türschmann Mut, gäbe es trotz der Belastung weit und breit keine Mißbildungen bei Kindern. Deshalb zögen sogar Leute ins Dorf, in neue Siedlungen mit Einfamilienhäuschen. Und dann erzählt auch er von der Frau, die erst mit 100 Jahren starb. Obwohl sie dicht am Damm wohnte. +++
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