Die zweite Welle der Schweinegrippe in Deutschland lässt die Kritiker leiser werden

Interesse an der Impfung wächst

Anke Brodmerkel
6 Min

Auf einen Tiger habe man sich vorbereitet, doch aus dem Urwald sei nur ein Kätzchen gekommen. Einprägsamer hätte Alexander Kekulé vom Institut für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle seine Kritik an der Schweinegrippe-Impfung kaum formulieren können.Kekulés Worte sind in den Köpfen der Deutschen offenbar hängen geblieben: Noch immer scheint die Angst vor möglichen Nebenwirkungen der Impfung größer zu sein als die Angst vor der Schweinegrippe selbst. In den meisten Bundesländern wurde das Impfangebot zunächst nur zögerlich angenommen.Dabei scheint die zweite Welle der Schweinegrippe endgültig in Deutschland angekommen zu sein. Die Zahl der Neuinfektionen habe sich in nur einer Woche von 1860 auf 3075 erhöht, berichtete Jörg Hacker, der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Anfang der Woche in Berlin. Neue Zahlen will das RKI am Montag herausgeben; der Trend, so die Sprecherin Susanne Glasmacher, zeige weiter nach oben. Neun Deutsche sind bislang nach einer Infektion mit dem H1N1-Virus gestorben.Vor diesem Hintergrund ist in den vergangenen zwei Tagen nicht nur die Nachfrage nach dem Impfstoff deutlich gestiegen, auch die Töne der Impfkritiker werden leiser. Hatte der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, noch vor wenigen Wochen erklärt, er halte die Impfung nicht für absolut notwendig, fordert er die Deutschen inzwischen auf, sich "aus bevölkerungsmedizinischen Gründen" per Spritze vor dem Virus zu schützen.Auch Kekulé beabsichtigt, sich impfen zu lassen -obwohl er noch immer der Ansicht ist, dass Deutschland auf den falschen Impfstoff gesetzt hat. Seine Kritik richtet sich gegen den in Pandemrix enthaltenen Wirkverstärker, der das Immunsystem zu Höchstleistungen anspornen soll. "Es wäre besser gewesen, sich nicht von vorneherein auf einen adjuvanzierten Impfstoff festzulegen", sagt der Virologe.Er hält das Vorgehen der USA für sinnvoller: "Hier wurde zuerst ausprobiert, ob sich der normale saisonale Impfstoff an das neue Virus anpassen lässt." Nun habe man in den Staaten einen Impfstoff, der milliardenfach erprobt sei und auch Schwangeren und Kindern bedenkenlos verabreicht werden könne.Johannes Löwer, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) in Langen, das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständig ist, widerspricht: "Die USA hatten bloß kein Konzept für einen pandemischen Impfstoff", sagt er. Bislang wisse man noch gar nicht, inwieweit der US-Impfstoff überhaupt wirksam sei. Zudem hätten die USA derzeit massive Schwierigkeiten, alle Impfwilligen mit Impfstoff zu versorgen.US-Zeitungen wie die New York Times werfen den Verantwortlichen sogar vor, nicht auf das europäische Konzept gesetzt zu haben. Denn mit Hilfe der Adjuvanzien lassen sich schneller große Mengen an Impfstoff produzieren. Während ein gewöhnlicher Grippeimpfstoff in der Regel 15 Mikrogramm (millionstel Gramm) Viruspartikel pro Impfdosis enthält, kommt Pandemrix dank der Wirkverstärker mit 3,75 Mikrogramm aus. Pro Woche kann so die vierfache Menge Impfstoff hergestellt werden.Dessen ungeachtet hat AS03 diesseits des Atlantiks einen schlechten Ruf. Verfolgt man die Diskussionen im Internet, scheint sich die Mehrheit der Deutschen als Versuchskaninchen der Pharmaindustrie missbraucht zu fühlen. Dabei ist die Datenlage zu Pandemrix und anderen zugelassenen Schweinegrippe-Impfstoffen gar nicht so dünn wie die meisten meinen.AS03 ist in Studien bereits mehr als zwanzigtausend Menschen injiziert worden -ohne schwerwiegende Nebenwirkungen. Und das sehr ähnliche Adjuvanz MF59, das in dem Schweinegrippe-Impfstoff Focetria enthalten ist, steckt auch in einem saisonalen Impfstoff namens Fluad, der in Deutschland schon seit dem Jahr 2000 auf dem Markt ist. Weltweit wurde Fluad bisher mehr als 40 Millionen Mal verabreicht. Dass die in beiden Adjuvanzien enthaltene Substanz Squalen rheumatoide Arthritis oder andere Autoimmunerkrankungen hervorruft, wie vielfach kolportiert wird, war dabei nicht zu beobachten.Zu rechnen sei allerdings damit, dass Hautreaktionen, Fieber und Gliederschmerzen bei einer Impfung mit Pandemrix häufiger und stärker auftreten würden als bei einer gewöhnlichen Grippeimpfung, sagt Kekulé. Das hätten auch die Erfahrungen aus Schweden gezeigt, wo Pandemrix seit Mitte Oktober verimpft wird. In dem Land hatten kürzlich fünf Menschen für Aufregung gesorgt, die nach einer H1N1-Impfung gestorben waren. Inzwischen ist die Vermutung, dass Pandemrix an dem Tod der Menschen schuld sein könnte, widerlegt.Kritisiert wird der Impfstoff aber nicht nur wegen seiner Adjuvanzien, sondern auch wegen des darin enthaltenen Thiomersals. Die quecksilberhaltige Substanz dient als Konservierungsmittel und wurde aus Impfstoffen für Kinder vor einigen Jahren entfernt. Möglich wurde das, weil diese Impfstoffe in Einzeldosen verpackt sind.Pandemrix aber wird in Fläschchen mit zehn Dosen geliefert -weil so rascher und preisgünstiger produziert werden kann. Die in einer Impfdosis enthaltene Quecksilber-Menge von 2,5 Mikrogramm liege allerdings weit unter dem Wert von 89 Mikrogramm pro Woche, der selbst für Kinder und Schwangere als unbedenklich gelte, sagt PEI-Präsident Löwer. Und Kekulé fügt hinzu: "Wer viel Seefisch isst, nimmt eine ähnliche Dosis Quecksilber auf."Inzwischen fordert auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) dazu auf, Kinder gegen die Schweinegrippe zu impfen: Ab einem Alter von sechs Monaten sollten Eltern ihren Nachwuchs immunisieren lassen -insbesondere wenn dieser an chronischen Erkrankungen leide.Weniger eindeutig ist die Situation für Schwangere. Zwar ist bekannt, dass die Schweinegrippe bei ihnen oft einen schweren Verlauf nimmt. Trotzdem schreibt die Stiko in ihren Empfehlungen, "dass Schwangere bis zum Vorliegen weiterer Daten mit nicht-adjuvantierten Spalt-Impfstoffen geimpft werden sollen". Solche Impfstoffe, die frei von Wirkverstärkern sind, aber keine vollständigen Viren enthalten, sind hierzulande jedoch noch gar nicht zugelassen.Alexander Kekulé hat auch zu diesem Thema eine klare Meinung: "Wenn eine Schwangere partout nicht vermeiden kann, viel Kontakt zu möglicherweise Infizierten zu haben, sollte sie sich ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel mit Pandemrix impfen lassen." Ansonsten seien Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen die bessere Alternative.------------------------------Was Pandemrix enthältDer Wirkstoff von Pandemrix ist ein sogenanntes Influenza-Spaltvirus. Das heißt, er besteht nur aus Teilen des Schweinegrippe-Erregers H1N1. Auf seiner Oberfläche trägt er charakteristische Eiweiße, die Antigene. Sie werden vom Immunsystem als fremd erkannt, das daraufhin Abwehrreaktionen einleitet.Für die Herstellung der Spaltviren werden die H1N1-Viren zunächst in bebrüteten Hühnereiern vermehrt, dann gespalten und mehrfach gereinigt. Patienten mit einer Hühnereiweißallergie sollten sich nicht mit Pandemrix impfen lassen.Um die Immunantwort zu verbessern, enthält Pandemrix einen Wirkverstärker: das Adjuvans AS03, das sich aus Vitamin E, Squalen und Polysorbat 80 zusammensetzt. Squalen kommt natürlicherweise in Fisch- und Olivenöl vor. Polysorbat 80 ist, erkennbar an der Nummer E 433, vielen Lebensmitteln als Stabilisator zugesetzt.Als keimhemmendes Mittel wurde dem Impfstoff quecksilberhaltiges Thiomersal zugesetzt, das sich auch in einigen Augen- oder Ohrentropfen befindet.Weitere Bestandteile von Pandemrix sind Wasser, Octoxynol 10, das eine emulgierende Wirkung hat, und die Salze Natriumchlorid, Natriummonohydrogenphosphat, Kaliumdihydrogenphosphat, Kaliumchlorid und Magnesiumchlorid. (bro.)------------------------------Foto: Meinungsumschwung: Immer mehr Menschen melden sich zur Impfung an - es gibt erste Lieferschwierigkeiten.

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