Der Verlauf der Mauer, die Berlin 28 Jahre lang in Ost und West teilte, wird wieder kenntlich gemacht. Mit symbolischen Pinselstrichen gaben der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen und Bausenator Jürgen Klemann gestern das Startsignal für eine Aktion, mit der 20 Kilometer der einstigen Grenze durch einen roten Farbstreifen auf dem Asphalt nachgezeichnet werden sollen."Nicht gegen den Wind stellen beim Malen", warnte die Referentin des Bausenators ihren Chef vorsorglich, bevor dieser sich den Farbeimer in die Hand drücken ließ. Auch Eberhard Diepgen versuchte seinen blauen Wintermantel vor der grellroten Farbe zu schützen, die die beiden Politiker einträchtig auf die Straße pinselten. Vergebens: Diepgens gutes Stück wies hernach vier deutliche Flecken auf, und auch seine linke Hand war rot bemalt. Straßenarbeiter erbarmten sich und malten das restliche Stück fertig.Der symbolträchtige Ort am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie war mit Bedacht gewählt worden für eine nicht minder symbolträchtige Aktion: Nachdem die Mauer zumindest im City-Bereich fast vollständig abgetragen worden ist, soll nun zumindest ihr einstiger Verlauf markiert werden, um die Erinnerung an die Trennung von einst wachzuhalten. Den Vorsatz dazu gab es schon lange: Bereits im September 1995 hatte das Abgeordnetenhaus einstimmig eine Kennzeichnung beschlossen und den Senat aufgefordert, bis März 1996 einen Bericht dazu vorzulegen. Er scheint nun mit einjähriger Verspätung im wesentlichen fertig zu sein und wird gerade durch die betroffenen Referate der Senatsverwaltung zur sogenannten "Mitzeichnung" gereicht.In der Zwischenzeit rief die Marketing-Gesellschaft "Partner für Berlin" aber bereits die "Aktion Mauermarkierung" ins Leben. Deren Geschäftsführer Volker Hassemer, selbst ehemaliger Senator für Stadtentwicklung, bat die Berliner gestern um Spenden für den roten "Mauerstreifen", der sich vorerst an fünf Stellen durch Berlin-Mitte schlängeln wird. Die ersten 150 Meter hat die Interessengemeinschaft Friedrichstraße bereits finanziert. Das Ganze ist allerdings nur vorläufig. Die rote Kaltplastikfarbe wird - wie alle Straßenmarkierungen - ein Opfer der Witterung werden und allmählich verblassen. Spätestens dann soll der Farbstreifen durch eine Doppelreihe Pflastersteine ersetzt werden und die Initiative auf die Senatsbauverwaltung übergehen. Die dürfte in Sachen Mauergedenken einen aktiven Sommer vor sich haben. So soll nicht nur das seit Jahren geplante Mauermuseum an der Bernauer Straße in diesem Sommer fertiggestellt werden. Auch die künstlerische Gestaltung der ehemaligen Grenzübergänge wird noch 1997 beginnen. Dann werden Leuchtkästen am Checkpoint Charlie wechselnde Porträts von sowjetischen und amerikanischen Soldaten zeigen - als Symbol für die Militär-Präsenz an diesem Übergang. An der Oberbaumbrücke sollen zwei riesige Neonhände das Spiel "Stein, Schere, Papier" und so die menschliche Entscheidungsschwäche darstellen. Und an der Chausseestraße könnten 120 im Bodenbelag eingelassene Metall-Kaninchen die friedliche Unterwanderung des Grenzstreifens demonstrieren. Allerdings werden aus finanziellen Gründen zunächst nur zwei der insgesamt sieben ausgewählten Projekte verwirklicht. Für die PDS geißelte der kulturpolitischer Sprecher Thomas Flierl den "typischen Westblick" der gestrigen Aktion. Aufgezeichnet wurde nämlich der Verlauf, wie er von West-Berlin aus wahrgenommen wurde, nicht die Hinterlandmauer, die für DDR-Bürger die Grenze war. +++
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