Ost-West-Debatte

Diesmal bei „Hart aber fair“: Wenn der Wessi dem Ossi erklärt, was er zu fühlen hat

Die AfD könnte in Sachsen-Anhalt bald regieren. Bei Louis Klamroth wird darüber gestritten, ob dahinter reale Missstände stecken oder nur „Gefühle“. Ein Kommentar.

5 Min
Hart aber fair zum Thema: Woher kommt der Frust im Land?

Hart aber fair zum Thema: Woher kommt der Frust im Land?

© IMAGO/Uwe Koch

Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist das Thema der Stunde. Die AfD liegt in den Umfragen weit vorne und könnte in Regierungsverantwortung kommen. Derweil scheitern immer mehr Brandmauern auf lokaler Ebene. Die Professorin Hedwig Richter sieht keine Probleme außer dem Erstarken der AfD. Eine Buchautorin attestiert dem Osten erhöhte Emotionalität, und Nikolaus Blome relativiert Zitate. Derweil gibt Monchi eine ehrliche Antwort darauf, ab wann man eigentlich Ossi ist.

Die Stimmung im Land sei nicht gut, stellt Moderator Louis Klamroth anfangs fest und die Politik sei „ganz weit weg“. Paul Burkhardt, Betreiber einer familiengeführten Straußenfarm aus dem Altenberger Land in Thüringen, bejaht dies. Der Unternehmer beschreibt Probleme mit der Bürokratie und sieht die Lösung eher auf kommunaler Ebene. „Je weiter man auf Landes- oder Bundesebene geht, desto schwammiger wird es.“

Bürokratie: „Typisch für eine moderne Gesellschaft“

Hedwig Richter, Professorin für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München, kann darüber nur lächeln. „Das sind normale Probleme und keine Gründe, eine rechtsextreme Partei zu wählen.“ Was der Unternehmer als Hindernis wahrnimmt, sei „ganz typisch für eine moderne Gesellschaft“.

Man könne vieles besser machen, aber man könne nicht erwarten, dass alles perfekt sein könne, so Richter weiter. Das Vermögen der Menschen im Osten habe sich überdies in den vergangenen 35 Jahren vervierfacht, erklärt die Professorin. Die Schlussfolgerung: Die AfD schüre Ressentiments gegen die Bürokratie und damit auch gegen die Demokratie. „Katastrophal, wenn man damit Stimmen gewinnt.“

Mit ihrer Meinung steht Frau Richter unter den anderen Gästen etwas allein da. „Es läuft nicht“, sagt Nikolaus Blome, Politik-Chef bei RTL/ntv. „Man bleibt einfach zwischen diesen Behörden hängen“, weiß auch Jan „Monchi“ Gorkow, Sänger der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, zu berichten. In seinem Dorf wollte er einen Skatepark errichten; vier Jahre lang hat das gedauert. Er könne verstehen, dass viele nun anders wählen.

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Kommunen gegen Parteiapparate: Die Brandmauer vor Ort

Haben sich die Menschen von den etablierten Parteien entfernt, ist das der Grund für den Frust, will Klamroth wissen. „Parteien sind ein Produkt des 20. Jahrhunderts und passen nicht so richtig ins 21. Jahrhundert“, sagt Luca Piwodda, Bürgermeister der Gemeinde Gartz (Oder) in Brandenburg und einer der jüngsten in Deutschland. Mehr Kompetenzen in den Kommunen könnten die Probleme vor Ort schneller lösen. Denn eigentlich sei die kommunale Ebene der wichtigste Stimmungstest für die Demokratie. Die etablierten Parteien seien „wie Dinosaurier, die nicht verstanden haben, wie die neue Zeit funktioniert“. Eine Brandmauer auf Gemeindeebene gibt es nicht mehr, führt Piwodda aus. Auf dem Land redet man miteinander.

Professorin Richter will das nicht gelten lassen. Spitzenpolitiker seien heute viel zugänglicher. Hunderte E-Mails von Bürgern erreichten viele von ihnen jeden Tag – „die sie alle beantworten“. Nikolaus Blome sekundiert: „Politiker sind besser als ihr Ruf.“ Sie machen im Moment nur eine Politik, die sie nicht erklären können.

Emotionalität, Zugehörigkeit und die Frage nach den Gründen für den AfD-Erfolg

Wenn es nicht die Parteien, nicht die ausufernde Bürokratie und nicht der wirtschaftliche Niedergang sind, was ist es dann, was die Menschen zur AfD treibt? Buchautorin und Moderatorin Carolin Matzko kennt die Antwort: die Gefühlsebene vieler Ossis, die von der AfD geschickt bedient werde. „Was gibt ihnen die AfD auf Gefühlsebene?“, will Matzko von Straußenbauer Paul Burkhardt aus Thüringen wissen und schaut ihn fragend an.

„Das ist eine gute Frage“, sagt dieser. Bevor er antworten kann, grätscht Nikolaus Blome dazwischen: „Es ist, Teil einer Gruppe zu sein, die homogen ist“, und schaut Burkhardt tief in die Augen. Der kommt immer noch nicht dazu, zu antworten, weil sich nun auch Hedwig Richter einschaltet: Was die AfD mache, sei eine „totale Vereinfachung“; es seien immer nur die anderen schuld, ruft sie in die Runde. Im Osten gebe es also keine Probleme, die AfD bediene lediglich Emotionen.

Später will Klamroth von Monchi wissen, ab wann man eigentlich Ossi sei. Monchi: „Wenn du das erste Mal auf der Simme sitzt.“ Allerdings missfällt es Monchi, wenn die Faszination für das Kult-Moped für politische Botschaften genutzt werde. Das sei „so anbiedernd, als wenn ich jetzt so nach Bayern fahre und eine Lederhose trage“, stellt der Punkrocker fest.

Ost-West-Klischees und die Debatte um den Länderfinanzausgleich

Eine pikante Frage stellt Klamroth dann aber doch an Nikolaus Blome: Was hat es mit seiner kürzlich im Spiegel getätigten Aussage auf sich? Blome hatte mit Blick auf eine mögliche AfD-Regierung geschrieben: „Dann ist es an der Zeit, dass der zahlende Westen dagegenhält, und nahegelegt, den Zahlungen an den Osten zu stoppen.“

Nun relativiert der Spiegel-Kolumnist seine Aussage: Er wolle das Geschriebene nicht als Forderung verstanden wissen, den Osten zu bestrafen. Gemeint sei vielmehr die Frage, ob der Länderfinanzausgleich weiterlaufen würde, wenn ein Bundesland von einer rechtsextremen Partei regiert werde. „Wenn die AfD die Ex-DDR zum wahren Deutschland verklärt, bekommen wir eine neue Ost-West-Debatte.“

In der Runde stößt die Formulierung auf Kritik. Luca Piwodda sagt, sie führe „an den eigentlichen Ursachen für den Frust vorbei“. Monchi verweist darauf, dass die AfD längst ein gesamtdeutsches Thema sei: „Was ist denn, wenn das in den nächsten Bundesländern bei Ihnen auch allen passiert?“

Der Eindruck der Debatte bei Klamroth ist: Ostdeutsche Belange sind ein emotionales Problem. Konkrete Erfahrungen mit Löhnen, ärztlicher Versorgung oder ausufernder Bürokratie sollten demütig hingenommen werden. Wenn der Wessi dem Ossi erklärt, was er zu fühlen hat.

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