Draußen zu Techno tanzen für umme? Es klingt erst mal nach einer super Sache. Gemeint ist die Partyreihe „Berlin Beats“, veranstaltet vom Museum Hamburger Bahnhof in Berlin-Mitte. Schon zum vierten Mal fand sie im Sommer 2026 statt. Drei Monate lang, also insgesamt an zwölf Donnerstagabenden jeweils von 19 bis 22 Uhr.
Rund 65.000 Menschen kamen allein dieses Jahr zusammen, um im Vorhof des Hamburger Bahnhofs zu elektronischen Klängen zu feiern. Über die vier Jahrgänge hinweg waren es zusammengezählt circa 250.000 Gäste. Aufgelegt haben Top-DJs, darunter Berghain-Resident Ben Klock oder die im Underground wie im Mainstream geschätzte Ellen Allien.
„Es kommen Leute, die sich sonst nicht trauen würden“
„Es wurde auch Zeit, dass ein Museum so etwas veranstaltet“, sagte uns Ellen Allien im Juni 2026 im Vorfeld ihres Auftritts bei „Berlin Beats“. Sie habe das Gefühl, dass Techno mittlerweile als Musikkultur ernst genommen werde: „Hier bei unseren Raves vorm Hamburger Bahnhof ist außerdem das Schöne: Es kommen Leute, die sich vielleicht sonst nicht trauen würden, nicht reingelassen würden oder oft auch schlichtweg nicht das Geld dafür haben.“
Außerdem, so fügte Ellen Allien damals in unserem Interview hinzu, habe sie sogar gehört, dass der Hamburger Bahnhof seit den „Berlin Beats“-Raves „noch deutlich besser besucht ist von jungen Leuten“.
Es klingt nach einem klassischen Win-win: Die Gäste können gratis Techno-Luft schnuppern, niedrigschwellig, ohne Angst vor übertrieben strengen Türstehern oder davor, sich in Unkosten zu stürzen. Und nebenbei werden sie vielleicht neugierig, das Museum auch mal (wieder) von innen zu sehen. Super Marketing für das Museum und die Hochkultur, die um das junge Publikum buhlt.
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Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? Offenbar doch nicht. Zwei in der Berliner Clubwelt sehr bekannte Namen üben nunmehr heftige Kritik daran, wie „Berlin Beats“ bislang funktioniert – im Interview mit dem Szene-Magazin Groove: Dimitri Hegemann, der Gründer des legendären Berliner Technoclubs Tresor, und Marcel Weber, der Vorstand der Clubcommission Berlin, also der Interessengemeinschaft der Berliner Clubs.
„Was mich sauer gemacht hat: Hier wird sich in unser Kerngeschäft eingemischt, das wir seit über 35 Jahren mühsam aufgebaut haben“, sagt Hegemann im Interview mit Groove. Das Museum feiere sich dafür, elektronische Musik zugänglich zu machen, ignoriere aber völlig die Akteure, die diesen Standort überhaupt erst attraktiv gemacht hätten.
„Man bucht zwar namhafte Künstler:innen, aber die Institutionen wie der Tresor oder andere Clubs, die seit Jahrzehnten für dieses Kulturphänomen kämpfen, werden komplett ignoriert“, sagt Weber im Groove-Interview. Man habe versucht, mit dem Hamburger Bahnhof (genauer gesagt: mit der Kuratorin Charlotte Knaup und dem Direktor Till Fellrath) ins Gespräch zu kommen, um Kooperationen auszuloten – sei dort aber auf „Abwehr“ gestoßen.
Steuersubventionierte Konkurrenz für die Clubs?
Der Hamburger Bahnhof habe bisher „herzlich wenig“ dafür getan, dass Berlin ein Zentrum für Clubkultur wurde, meint Weber. „Jetzt profitiert man von diesem Image, nutzt aber nicht einmal die eigene museumspädagogische Aufgabe, um den Besucherinnen und Besuchern die Hintergründe der Szene zu vermitteln.“
Hegemann rechnet beispielhaft an seinem Club vor: Am Donnerstagabend, wenn die Leute umsonst vor dem Museum tanzen, müsse der Tresor 110 Angestellte bezahlen und von seinen Gästen 15 Euro Eintritt verlangen, um wirtschaftlich zu überleben. Soll wohl heißen: Private Clubs haben es auch in der Hauptstadt immer schwieriger.
Die Schließungen von Watergate und SchwuZ stehen paradigmatisch dafür, dass selbst etablierte Läden der Berliner Clubwelt zunehmend wirtschaftlich straucheln, bis sie irgendwann dichtmachen müssen: gestiegene Personal- und Energiekosten (durch Mindestlohn beziehungsweise Kriege), aber auch die postpandemische Ausgeh-Müdigkeit vieler junger Menschen sind Teil des Problems.
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Berliner Clubs: Geht alles vor die Hunde oder gibt es nicht doch Hoffnung?
Derweil, so kann man es zwischen den Zeilen bei Hegemann und Weber herauslesen, agiert der Hamburger Bahnhof aus einer relativ komfortablen Position heraus. Als staatlich finanziertes Museum muss er nicht auf dieselbe knallharte Weise wirtschaftlich haushalten wie ein privatwirtschaftlicher Club. Entzieht „Berlin Beats“ also mit steuerfinanziertem Gratis-Techno den ohnehin klammen privaten Hauptstadt-Clubs die Gäste?
So ist es tatsächlich nicht. „Berlin Beats“ werde vollständig aus privaten Fördermitteln finanziert und komme ohne öffentliche Programmmittel aus, versichert die Pressestelle des Hamburger Bahnhofs auf Anfrage der Berliner Zeitung. Wahrscheinlich schielt die Berliner Clubszene trotzdem neidisch auf solche Drittmittel durch privates Sponsoring. Aber immerhin: Steuergeld ist nicht im Spiel bei „Berlin Beats“.
Gegen den Konkurrenzgedanken spricht allerdings noch ein ganz anderer Punkt: Die „Berlin Beats“-Abende enden immer schon um 22 Uhr. Dass ein passionierter Clubgänger wirklich eine Clubnacht cancelt, nur weil er von 19 bis 22 Uhr schon ein bisschen tanzen war? Eher unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Für manche ist „Berlin Beats“ sicher das Warm-up für ein Wochenende in den Clubs. „Der Hamburger Bahnhof versteht ‚Berlin Beats‘ auch als Beitrag zur Sichtbarkeit und Zugänglichkeit von Club- und Technokultur“, heißt es aus dem Museum.
Warum schmeißt ein Museum Technopartys?
Gleichwohl kann man natürlich fragen: Warum veranstaltet ein Museum überhaupt Technopartys? Gehört das zu seinem Auftrag? Der Hamburger Bahnhof beschäftige sich seit seiner Gründung vor 30 Jahren intensiv mit den Schnittstellen von bildender Kunst, Performance und Musik, heißt es dazu aus dem Museum. Diese Verbindung sei ein wichtiger Bestandteil der Sammlung und des Programms. Viele „Berlin Beats“-Besucher würden bei der Gelegenheit übrigens auch im Museum vorbeischauen, das an jenen Abenden bis 20 Uhr geöffnet ist.
Derzeit zeigt man in den gigantischen Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs beispielsweise die erste Retrospektive des japanischen Multimediakünstlers Ryuichi Sakamoto in Europa. Sakamoto ist auch ein Pionier der elektronischen Tanzmusik. In den späten 1970ern spielte er mit seiner Band Yellow Magic Orchestra schon eine Vorform von Techno. Die Bezüge sind also zweifelsfrei gegeben durch die Programmatik des Hamburger Bahnhofs. Auch wenn man monieren könnte, dass der Bildungsaspekt bei „Berlin Beats“ nicht direkt im Vordergrund zu stehen scheint. Noch nicht?
Helfen Soli-Groschen und Flyer?
Dimitri Hegemann und Marcel Weber geht es allerdings noch um etwas anderes: Hegemann schlägt dem Hamburger Bahnhof einen Solibeitrag vor: zwei bis drei Euro pro Ticket. „Bei 5000 bis 7000 Gästen kämen da pro Abend schnell Beträge zusammen, die direkt in die Nachwuchsförderung, gemeinnützige Projekte der Clubcommission oder in Bildungsprogramme wie unsere Akademie fließen könnten.“
„Warum stellt man nicht bei jedem Event ein Berliner Label oder Newcomer-Künstler:innen vor?“, fragt Marcel Weber. „Warum gibt es um 22 Uhr zum Ende des Events keine Durchsage oder Flyer, die auf die Clubs verweisen, die danach öffnen?“ Ob es die tatsächlich braucht in diesen Zeiten, wo der nächste Partytipp nur ein paar Smartphone-Klicks entfernt wartet? Vielleicht nicht. Andererseits könnte man es ja auch einfach mal probieren.
„Uns verbindet das Interesse an der Technokultur“
Hegemann und Weber jedenfalls wollen ihre Vorschläge noch mal fein sortiert beim Hamburger Bahnhof einreichen: „Wir möchten einen gemeinsamen Weg finden“, betont Hegemann. „Es verlangt niemand, dass sie die Reihe einstellen.“ Das wäre ja auch noch schöner.
Und vom Hamburger Bahnhof heißt es, man prüfe, wie die Berliner Clubkultur im Rahmen des Programms künftig noch stärker sichtbar werden könnte: „Uns verbindet das Interesse an der Berliner Techno- und Clubkultur und an offenen Räumen für die Stadtgesellschaft.“
Unter solchen Vorzeichen könnte man ja vielleicht final doch noch auf Augenhöhe zusammenfinden. Und darum geht es ja beim Techno auch, oder etwa nicht?
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