DINEA

Arno Widmann
4 Min

Ich traue mich nicht, eine Freundin zum Essen bei DINEA in der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz einzuladen. Es wirkt ein wenig sehr stillos. Jetzt bin ich allein hier, habe von John Updike "Geld. Die maritimen Gedichte" dabei und freue mich auf seine großartigen Verse über die Seemöwen.Vielleicht liegt es daran, dass ich lustlos an den ausgebreiteten Herrlichkeiten in den zahllosen Schüsseln und Schalen vorbeigehe. Es gibt Warmes und Kaltes, Süßes und Saures, Asiatisches und Deutsches, Nudeln und Würste. Aber ich mag nicht. Die Haut des Gänseschlegels beginnt sich - so lange liegt er schon hier - vom festen, gar zu festen Fleisch zu lösen und einen eigenen Tod zu suchen. Die dazu gehörigen Klöße scheinen wie aufgelöst im sie beherbergenden Wasser. Es ist 19 Uhr. In einer Stunde schließt der Kaufhof. Wir sind wenige. Ein Herr von Mitte fünfzig hat ein Schnitzel genommen, ein paar Kartoffeln, Blumenkohl und eine Flasche Wein. Ich begnüge mich mit ein wenig Gemüsepfanne - 2,55 Euro - und einem Glas Blutorangensaft für 2,50 Euro.Jetzt sitze ich an einem riesigen Fenster in einem weiten Raum mit lindgrünen Wänden und blicke hinunter auf die Weltzeituhr am Alexanderplatz. Im Sommer werde ich mich dort unten verabreden und von hier oben hinabschauen auf mein Rendezvous. Es ist ein Blick wie ihn in unseren Kindheitsträumen Gottvater hatte. Ich träume davon, hier oben den Rest meines Lebens zu verbringen.Am Tisch hinter mir sitzen zwei russische Ehepaare. Die Frauen verschwinden, kommen wieder und deponieren neue prall gefüllte Plastiktüten bei ihren Männern, verschwinden wieder. Die Herren unterhalten sich. Freundlich und leise. Wie bei Tschechow in der Abenddämmerung.Drei Tische weiter vor mir ein Pärchen um die vierzig, das sich lange ansieht, ein paar wenige Worte wechselt, dann wieder schweigt. Sie wirken merkwürdig desinteressiert aneinander. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, dass das hier ein wunderbarer Ort ist, um sich zu streiten. Man ist unter Leuten und doch sind die zu weit weg, um mitzubekommen, um welcher Kleinigkeiten willen man einander mit sorgfältig ausgesuchten Gemeinheiten piesackt.Ganz hinten am anderen Ende der Halle - bin ich versucht zu sagen - sitzt ein einsamer Mann. Er ist Mitte fünfzig, trägt eine geöffnete Windjacke, unter der ein dunkelrotes Flanellhemd zu sehen ist. Er ist fertig mit dem Essen. Er trinkt nicht. Er raucht nicht. Er sitzt einfach nur sehr aufrecht, sehr gerade da und schaut. Nicht hinaus, wo es etwas zu sehen gibt, sondern hier in den Saal, dessen überschaubare Bevölkerung der geübte Blick eines Voyeurs nach wenigen Minuten abgeweidet hat.DINEA nährt jährlich in der ganzen Bundesrepublik 60 Millionen Gäste und erzielt damit einen Umsatz von 230 Millionen Euro. Hier über dem Alexanderplatz herrscht - inzwischen ist es 19.35 Uhr - ein fast jenseitiger Friede. Das freut mich. Ich habe meinen Teller bis auf ein paar Karotten leer gegessen. Soll ich mir noch einen Nachtisch holen? Nein, ich bleibe einfach noch sitzen, trinke den frischen Saft, sehe hinaus, drehe mich nach den Russen um, die mir freundlich zulächeln. Ich lächele zurück, überlege, ob ich mein einziges russisches Wort sage, aber was für einen Sinn soll es haben, ihnen ein Spassibo, ein Dankeschön, zuzurufen? Wir würden - wenn alles gut ginge - einander laut anlachen und uns zuprosten. Ich lasse das also, könnte mich jetzt endlich auf John Updikes Seemöwen werfen, aber ich tue es nicht. Ich sehe stattdessen nach dem Mann am anderen Ende des Saales. Er sitzt noch immer aufrecht und sieht in den Saal. Unsere Blicke begegnen sich nicht. Mit einem Mal wird mir klar, dass ich jetzt genau so dasitze wie er. Morgen lade ich eine Freundin ein, zeige ihr diese himmlische Wartehalle und lege ihr den Alexanderplatz zu Füßen.------------------------------DINEAGaleria KaufhofAlexanderplatzÖffnungszeiten: Montag-Samstag 9-20 UhrKreditkarten: alle

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