Der Ansatz der App namens Seen Live ist einfach zu erklären. Als persönliches Archiv des Nachtlebens präsentierten die Macher das brandneue Smartphone-Programm. Will heißen: User sollen Events in ihrer Übersicht auflisten können – versehen mit Fotos und mit Videos. Und mit einer Bewertung. Eigentlich. Doch nach viel Kritik in der Club-Szene ziehen die App-Macher nun die Reißleine.
Die Bewertungsfunktion wurde kurzerhand aus der Seen-Live-App eliminiert. Denn während die App-Macher, etwa gegenüber dem Branchenmagazin Mixmag, beteuerten, nur Gutes im Schilde geführt zu haben, in der Hoffnung, dass die App-Features dazu führen, dass Leute Neues in der Musiklandschaft entdecken, hagelte es in der Branche Kritik.
Viele Kommentatoren monierten sinngemäß, die Punktevergabe sei Symptom eines dem Zeitgeist geschuldeten Quantifizierungszwangs. Einige Kritiker assoziierten den Bewertungsdruck gar mit dystopischen Szenarien der britischen Nahzukunft-Sci-Fi-Serie „Black Mirror“, die oft als Beispiel herhalten muss, wenn uns eine schlimme neue Welt dämmert.
Darf es im Nachtleben Noten geben wie in der Schule?
Und auch Promis aus der DJ-Szene meldeten sich zu Wort. „Was mich an Seen Live stört, ist die Vorstellung, dass Kunst – also die Art und Weise, wie etwas auf einen wirkt, oder auch die Erinnerungen, die man von einem Erlebnis mitnimmt – irgendwie gemessen und bewertet werden muss“, sagte die britische DJ Elisa Bee (die in Berlin oft im Berghain und in der Renate auflegt) gegenüber dem Nachtlebenportal Resident Advisor.
Man betrachte, so Elisa Bee in ihrem Statement weiter, doch auch ein Gemälde und verspüre nicht sofort das Bedürfnis, es zu rezensieren, zu bewerten oder ihm fünf Sterne zu geben. Im Nachtleben sollte es nach ihrem Dafürhalten genauso sein, ohne den Druck, alles auf einer Bewertungsskala festzuhalten: „Manche Erfahrungen sollte man einfach erleben, fühlen und in Erinnerung behalten können, ohne sie in eine Punktzahl oder eine Meinung verwandeln zu müssen.“
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Sunil Sharpe, ebenfalls DJ (und in Berlin hauptsächlich bekannt durch seine Sets im Tresor), sieht es ähnlich: Er bezeichnete die Vorstellung, DJs zu bewerten, „als wären sie die örtliche Domino’s-Pizzeria“, als „eine gewisse Abwertung des Handwerks“.
Ob die Pizzabäcker das genauso sehen? Vielleicht wollen auch sie nicht ständig im Netz nach fadenscheinigen Kriterien bewertet werden. Teils vielleicht sogar von der direkten Konkurrenz. Die Macher der App Seen Live lenken jedenfalls ein, statt zu kontern: Das Bewertungssystem wurde aus der App eliminiert.
Noten wie in der Schule gibt es also vorerst im Nachtleben nicht, zumindest nicht in dieser App. Im privaten Tagebuch kann freilich jeder nach wie vor den Berghain- oder Tresor-Nächten eine 1+ mit Sternchen geben.
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