Doch für seriöse Dreharbeiten stellen viele Gemeinden ihre Kirche gerne als Drehort zur Verfügung

Auf dem Altar darf nicht getanzt werden

Miriam Hollstein
3 Min

Harald Juhnke hat hier als DDR-Atomphysiker eine Kerze angezündet, Bülowbogen-Arzt Rainer Hunold war als Trauzeuge da, und die beiden Kommissare aus der RTL-Serie "Im Namen des Gesetzes" gingen in der Sakristei auf Verbrecherjagd. Aber auch der Glöckner von Notre-Dame hat Herz-Jesu in Prenzlauer Berg schon heimgesucht - für die Aufnahmen zu einem Musikvideo hing ein Quasimodo-Darsteller mehrere Stunden im Glockengebälk der Kirche.Die katholische Herz-Jesu-Kirche an der Fehrbelliner Straße ist Berlins begehrtestes Gotteshaus, wenn es um Film-, Fernseh- und Fotoaufnahmen geht. Von außen eher unscheinbar zwischen Wohnhäusern versteckt, hat das 101 Jahre alte Gebäude im Innern einiges zu bieten: ein imposantes Kirchenschiff mit vielen geheimnisvollen Nischen, prunkvolle Wand- und Deckenmalereien und aufwändig geschnitzte Beichtstühle. "Herz-Jesu hat einen unglaublich schönen Altar, eine alte Atmosphäre und eine etwas üppigere Ausstattung als andere Kirchen", schwärmt denn auch Regisseur Johannes Grebert, der für einen Videoclip des Sängers Lamar die Kirche vorübergehend in ein Kloster verwandelte. Jeden zweiten Monat hat der Küster der Gemeinde, Matthias Kohl, eine Drehanfrage auf dem Tisch. Doch erst nach sorgfältiger Prüfung gibt die Gemeinde ihre Zustimmung. Die Grundbedingungen: kein Mord in der Kirche, keine Sexszenen, kein Tanz auf dem Altar. 2 000 Mark müssen die Produktionsfirmen pro Drehtag bezahlen, für Filmstudenten gibt es Rabatt. Das Geld wird für die Sanierung der Kirche verwendet. Dafür betreut der 37-jährige Küster die Filmteams, hilft bei Requisiten aus, gibt Tipps zur richtigen Ausstattung und räumt mit manchem Vorurteil über weltfremde Kirchen-Menschen auf . Weil die Nachfrage so groß ist, hat Kohl, der auch selbst schon einen TV-Kurzauftritt als Pfarrer hatte, bei der Erneuerung der Stromleitungen in der Kirche vor drei Jahren zwei Extraanschlüsse für die Filmteams legen lassen."Kirchen sind einfach attraktive Locations", sagt Roland Schmidt, der beim Filmboard Berlin-Brandenburg für die Vermarktung von Drehorten in Berlin und Umland zuständig ist. Schon aus ganz praktischen Gründen: Kirchen haben eine unverwechselbare Architektur, eine gute Akustik und "bis auf unvorhergesehene Todesfälle" ein festes Programm - wichtig für eine verlässliche Planung. Vor allem aber seien Kirchen als "mystische Orte" interessant für ein Medium, das viel mit archetypischen Bildern arbeite: "Da schwingt was mit.""Die Anfragen nehmen zu, viele Produktionen werden nach Berlin verlagert", hat auch Stefan Förner, katholischer Filmbeauftragter der Erzdiözese Berlin, festgestellt. Etwa 20 Produktionsfirmen melden sich jährlich bei ihm mit ganz unterschiedlichen Anliegen.Die Synchronsprecher des Schwarzenegger-Films "End of Days" suchten für eine Szene den deutschen Text eines Sterbegebets, die RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" brauchte eine Kirche mit speziellem Beichtstuhl. Stefan Förner vermittelt Kirchen und gibt Auskunft. Abgelehnt wird, "was die Würde des Raums verletzt". Letztendlich liegt die Entscheidung beim jeweiligen Pfarrer; Drehverträge werden mit der Gemeinde direkt abgeschlossen. Nicht weiterhelfen kann Stefan Förner, wenn sich Regisseure Kapellen im "oberbayrischen Barock" wünschen: "Berlin ist nicht Ottobeuren, und die Dorfkapellen in Brandenburg sind meist evangelisch.""Herz-Jesu hat einen unglaublich schönen Altar. " Video-Clip-Regisseur Johannes Grebert

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