Für das Publikum ist die Neubrandenburger „dokumentART“ vor allem ein internationales Filmfestival mit Tradition. Für die sechsköpfige Programmkommission - darunter die beiden Festivalleiterinnen Magda Jaroszewicz und Lisa Siomicheva - bedeutet sie zunächst viele Tage voller Konzentration und Debatten. Am 6. Oktober hebt sich der Vorhang zur 32. Auflage.
Es ist ein cineastischer Marathon, der für die Juroren erst am Samstag endete. Rund 1000 Dokumentarfilme aus etwa 30 europäischen Ländern und zahllose Stunden vor der Leinwand liegen hinter ihnen. Doch nun steht fest, welche 45 Filme den Sprung in den Wettbewerb geschafft haben.
Technische Perfektion allein reichte nicht, um in die Endrunde zu gelangen. Gesucht wurden auch dieses Mal wieder Filme mit eigener Handschrift und einer Bildsprache, die im Kopf bleibt. Starke Freundschaften und familiäre Beziehungen, KI und neue Technologien im Filmemachen, Fragen rund um Geschlechterrollen, Migrationserfahrungen und die Folgen von Krieg prägen viele der diesjährigen Einreichungen. Auch gesellschaftlicher Wandel spielt eine zentrale Rolle.
„Uns interessieren Filme, die etwas auslösen“, sagen die beiden Festivalleiterinnen Magda Jaroszewicz und Lisa Siomicheva. Genau darin liegt seit Jahrzehnten der Kern der dokumentART: Filme nicht nur zu zeigen, sondern Gespräche auszulösen – manchmal unbequem, manchmal überraschend, oft politisch. Und politisch war die Geschichte dieses Festivals von Anfang an, auch schon zu DDR-Zeiten.
Ein Festival mit DDR-Wurzeln
Die Ursprung der dokumentART geht auf das Jahr 1978 zurück. Damals trug das Festival noch den sperrigen Namen „Nationales Festival Dokumentar- und Kurzfilm der DDR für Kino und Fernsehen“ und war Teil der staatlich gelenkten Kulturlandschaft. Veranstalter waren das Ministerium für Kultur, die Staatliche Filmkommission beim Ministerrat der DDR und der Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR in Zusammenarbeit mit dem Rat des Bezirkes Neubrandenburg
Trotz staatlicher Lenkung entwickelte sich das Neubrandenburger Festival in den späten 1980er Jahren zunehmend zu einem Ort, an dem dokumentarische Filmkunst Freiräume suchte, gelegentlich auch fand. Es war eng verbunden mit der renommierten Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche, die international zu den wichtigsten Foren des Dokumentarfilms zählte.
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In Neubrandenburg liefen zahlreiche Werke, die heute als Klassiker des DDR-Dokumentarfilms gelten. Damit war das Festival weit mehr als eine regionale Filmschau. Als der einstige Arbeiter- und Bauernstaates schließlich verschwand, lösten sich plötzlich auch viele ostdeutsche Kulturinstitutionen sang- und klanglos auf. In Neubrandenburg fiel aber eine andere Entscheidung. Der Stadtrat beschloss 1991, die Festivaltradition fortzuführen, allerdings unter völlig neuen Vorzeichen.
Mit neuem Konzept zum internationalen Forum
Im Jahr 1992 erfolgte der Neustart unter dem bis heute bestehenden Namen „dokumentART“. Die prägende Figur dieser Geburt war damals die Kulturwissenschaftlerin Claudia Dietrich. Sie entwickelte das neue Konzept und leitete das Festival bis 1996. Ihr Ansatz war programmatisch: „Was uns vorschwebte, war ein Festival, das in freundschaftlich-kreativer Atmosphäre Filmemacher und Zuschauer vereint.“
Was als vergleichsweise kleines Festival in Mecklenburg-Vorpommern begann, ist inzwischen ein internationales Forum für unabhängige Filmkunst. Die dokumentART hat sich dabei einen Ruf als Autorenfestival mit persönlicher Atmosphäre erarbeitet. Seit vielen Jahren arbeitet das Festival intensiv mit Polen zusammen. 2025 ist daraus eine deutsch-polnisch-französische Zusammenarbeit geworden.
Drei Preise werden vergeben, darunter der Publikumspreis.
© Ingmar Nehls
Festivalleiterin Magda Jaroszewicz steht exemplarisch für diese internationale Ausrichtung. Die polnische Regisseurin arbeitete unter anderem für Arte, BBC und Al Jazeera, ihre Filme liefen auf renommierten Festivals wie Slamdance. Dokumentarfilmer, Berlinale-Kuratoren, Künstler aus Deutschland, Polen, der Ukraine und anderen Ländern prägen inzwischen das Profil des Festivals.
Seit 1992 liefen insgesamt 1298 Filme in den Wettbewerben der bislang 31 Festivals. Weitere 45 Dokumentarfilme kommen nun im Herbst hinzu, wenn vom 6. bis 11. Oktober die dokumentART im Kino Latücht und Cinestar Neubrandenburg in ihre 32. Auflage geht.
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