Kommentar

Doppelstandard beim Deutschlandfunk: Was Ikkimel darf – Sydney Sweeney aber nicht

Beim Deutschlandfunk hat man zum selben Thema, der Inszenierung weiblicher Sexualität, mal die eine, mal die andere Position – offenbar je nach öffentlicher Meinung.

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Ikkimel und Sydney Sweeney: Was bei der einen als Befreiung gelesen wird, gilt bei der anderen als Rückschritt.

Ikkimel und Sydney Sweeney: Was bei der einen als Befreiung gelesen wird, gilt bei der anderen als Rückschritt.

© Soeren Stache/dpa, Alessandro Bremec/Imago

Es ist nicht so schwierig, eine negative Meinung über die Schauspielerin Sydney Sweeney zu haben, entspricht sie doch ganz gekonnt dem Klischee des amerikanischen blonden Blödchens, gepaart mit einer ordentlichen Portion Tradwife-Geschwafel.

Jüngst hat Sweeney mit einem freizügigen Werbeclip für einen Sportwettenanbieter eine heftige Debatte ausgelöst.

Zum Schluss gibt es sogar eine Art Happy End

Zahlreiche Sportlerinnen kritisierten die Kampagne als Rückschritt, weil Frauen darin vor allem über ihre Attraktivität und nicht über ihre Leistungen wahrgenommen würden. Auch ein Beitrag des Deutschlandfunks griff das auf: Gleich zu Beginn ist von „nackter Haut statt Höchstleistung“ die Rede, für Sportlerinnen sei der Spot „ein Schlag ins Gesicht“. Bemerkenswert ist allerdings, wie der Beitrag endet: Nicht mit Klage, sondern mit einer Art Happy End. Die Empörung habe eine weltweite Welle des Protests ausgelöst, in der Athletinnen zeigen, wozu Frauen im Sport wirklich fähig sind.

Die Sprinterin Amy Hunt wird zitiert, das sei „der eigentliche Gewinn dieser Debatte“, die Reaktion habe den ursprünglichen Anlass fast in den Schatten gestellt. Der Sender bewertet den Spot also durchaus kritisch, rahmt die ganze Geschichte am Ende aber vor allem als eine, in der sich Frauen im Sport selbstbewusst zur Wehr setzen und gewinnen.

Doch beim Sender misst man gerne mit zweierlei Maß: Wo der Amerikanerin dumme Rückwärtsgewandtheit attestiert wird, ist eine Deutsche mit vergleichbar provokantem Auftritt eine Kämpferin für die Selbstermächtigung. So porträtierte der Deutschlandfunk die Berliner Rapperin Ikkimel anlässlich ihres Albums „Poppstar“ bereits unter dem Titel „Derbe Selbstermächtigung“. Der Begriff ist Programm: Das Empowerment ihrer Fans wird ausführlich beschrieben, ihre Provokation als Umkehrung männlicher Sexismen eingeordnet.

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Interessanterweise bleibt der Beitrag dabei nicht unkritisch – die Rezensentin merkt selbst an, es sei „ein bisschen schräg“, dass ein Album mit diesem feministischen Anspruch fast ausschließlich von Männern produziert und mitgeschrieben wurde, und resümiert am Ende nüchtern, das Album sei „sehr wenig weitergedacht“ und bediene vor allem Streaming-Algorithmen. Nicht weniger verwirrend bleibt es trotzdem, wenn man die beiden Beiträge nebeneinanderlegt.

Gut und böse – ist es wirklich so einfach?

Ikkimel arbeitet bewusst mit drastischer Sprache, sexuellen Anspielungen und einer provokanten Selbstdarstellung. Schon die Überschrift des Beitrags benennt diese Strategie als Form weiblicher Selbstermächtigung. Welch vermeintlich frischer Gedanke, dass eine Frau offensiv mit Sexualität spielt und traditionelle Rollenbilder aufbricht, das wird hier zunächst vor allem als Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung gerahmt, auch wenn der Beitrag selbst am Ende einräumt, dass daran nicht alles stimmig ist.

Abgesehen davon, dass das seit den 70ern ein alter Zopf ist, fällt das Urteil darüber im direkten Vergleich trotzdem unterschiedlich aus. Im Fall der Schauspielerin lautet die erste Einordnung: Sexualisierung, Reduktion, Rückschritt – auch wenn am Ende die Selbstermächtigung der Sportlerinnen gefeiert wird. Im Fall der Rapperin heißt es von Anfang an: Selbstermächtigung, Tabubruch, Befreiung, allerdings mit kritischen Fußnoten erst gegen Ende.

Klar, es gibt Unterschiede. Der Frauensport kämpft seit Jahrzehnten darum, nicht auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden. Wer Sportlerinnen hauptsächlich über ihr Aussehen vermarktet, berührt deshalb einen wunden Punkt. Das macht die Kritik am Sweeney-Spot verständlich. Doch die Frage bleibt: Kann dieselbe Form der Selbstdarstellung abhängig vom Kontext gleichzeitig als Problem und als Fortschritt gelten?

Oft lautet die Antwort, entscheidend sei die Selbstbestimmung. Wenn Frauen ihre Sexualität selbstbewusst einsetzen, sei das Empowerment. Wenn sie von anderen auf ihren Körper reduziert werden, sei das Sexismus. Im konkreten Fall wird die Trennlinie jedoch unscharf. Schließlich hat sich Sydney Sweeney höchstwahrscheinlich nicht gegen ihren Willen instrumentalisieren lassen. Nach Medienberichten ist sie sogar wirtschaftlich an dem beworbenen Unternehmen beteiligt – ein Detail, das in der Wucht der Kritik meist untergeht.

Damit verschiebt sich die Debatte. Vielleicht geht es weniger um die Frage, ob Sexualität gezeigt wird, als vielmehr darum, wer sie zeigt und in welchem Milieu dies geschieht. Die provokante Rap-Künstlerin gilt schon in der Überschrift als Kämpferin für Selbstermächtigung. Die Schauspielerin in einer Wettkampagne wird dagegen zunächst zum Symbol eines überholten Frauenbildes, ehe die Geschichte sich im Verlauf des Beitrags zu einer Erzählung von weiblicher Solidarität wandelt.

Genau darin liegt der eigentliche Widerspruch. Wer sexuelle Selbstinszenierung grundsätzlich als Ausdruck weiblicher Autonomie versteht, sollte konsequenterweise auch akzeptieren, dass Frauen diese Autonomie unterschiedlich nutzen, auch wirtschaftlich, wie im Fall Sweeney. Wer dagegen jede Form öffentlicher Sexualisierung kritisch sieht, müsste dieselben Maßstäbe ebenso auf die Rap-Kultur anwenden. Doch da gilt sie zuerst als subversiver Kommentar und ironische Brechung patriarchaler Struktur, die eigene Ambivalenz des Beitrags dazu kommt erst im Nachsatz.

Es entsteht so der Eindruck, dass identische Mechanismen je nach politischer oder kultureller Einordnung unterschiedlich gewichtet werden: Was bei der einen zuerst als Befreiung eingeführt wird, gilt bei der anderen zuerst als Rückschritt. Irgendwie verwirrt.

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