Wenn biologische, kulturelle oder institutionelle Systeme in sich abgeschlossen agieren, verlieren sie zuerst Momentum und später Resilienz. Irgendwann werden sie durch überlegene, im Regelfall besser an neue Anforderungen adaptierte Strukturen assimiliert. Diese Mechanismen der Evolution, auch der Kulturgeschichte, wirken seit Millionen von Jahren und sind hinreichend erforscht. Trotzdem verlieren sich die Erkenntnisse mitunter im politischen Betrieb – was unabsehbare Folgen provozieren kann.
So wurde in den Monaten vor den Wahlen in Ostdeutschland und in Berlin erneut eine Debatte über ost- und westdeutsche Perspektiven provoziert – Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung und mit bemerkenswerter Schärfe. Medien wie die FAZ mit Autoren wie Reinhard Bingener oder der Spiegel mit Nikolaus Blome gingen mit Protagonisten des Ostens hart ins Gericht: vom einfachen Wähler in der anhaltischen oder vorpommerschen Provinz bis zu politischen oder medialen Exponenten ostdeutscher Perspektiven.
Die Emotionalität war nicht neu. Neu war die Intensität. Neu war auch das erkennbare Bemühen, nach punktuellem, energischem Widerspruch die anschwellende Debatte durch die Einbindung ausgewählter ostdeutscher Stimmen rasch wieder einzuhegen.
Anlass war die spürbar wachsende Renitenz in Ostdeutschland. Sie zeigte sich einerseits in den Wahlkabinen, andererseits im öffentlichen Raum den gegenwärtig Mächtigen gegenüber.
Neu ist die Unversöhnlichkeit
Die politischen Ränder links und rechts drohten in erheblichem Umfang Wählerstimmen zu gewinnen, während die traditionellen Volksparteien entsprechend verloren. So kam es auch, wenig überraschend.
Neu an der Debatte ist vor allem die Unversöhnlichkeit. Der aufkeimende Widerspruch gegen die Entwicklungen im Osten macht politische Entscheider und mediale Akteure zunehmend nervös und provoziert eine intensive mediale Befassung.
Ein Wesensmerkmal dieser Debatte besteht darin, dass sie weder offen noch ergebnisorientiert geführt wird. Vielmehr wird ein Diskurs nur simuliert, um der externen Stimulanz von Erkenntnis und Handlungsimpuls auszuweichen.
Gesprächskreise und Fokus bleiben auf die Bestätigung des Status quo ausgerichtet. In der westdeutschen Debattensimulation der FAZ, des Spiegel und der öffentlich-rechtlichen Medien spielen die als arglos akzeptierten Ostdeutschen wie der Soziologe Steffen Mau, die Kolumnistin Sabine Rennefanz oder die Zeit-Autorin Jana Hensel weiterhin die ihnen seit Jahren zugeschriebenen Rollen.
Simulation von Debatte
Damit wird die ostdeutsche Perspektive von Menschen vertreten, die beruflich und materiell in westdeutsch geprägte Institutionen eingebunden sind. So entsteht zumindest die Gefahr eines klassischen Interessenkonflikts: Wie rücksichtslos argumentiert jemand gegen die Interessen und Axiome jener Strukturen, von denen die eigene Existenz abhängt?
So bleibt es bei der Simulation von Debatte – und der erneuten Bestätigung jener westdeutsch normierten Vorstellungen, die den Diskurs seit 35 Jahren prägen. An den eigentlichen Herausforderungen des Ostens wird haarscharf und dennoch immer wieder vorbeigeredet: die Abwanderung junger, leistungsbereiter Menschen, die ökonomische Überforderung lokaler Wirtschaft, die Kriegs- und Sozialstaatslasten und ein eskalierender Vertrauensverlust gegenüber den politischen Institutionen der Bundesrepublik – nicht zuletzt infolge regelmäßig gebrochener Wahlversprechen.
Das produziert in seiner Geschlossenheit zwangsläufig Messfehler in den medialen und politischen Debatten. Später folgen, basierend auf den Messfehlern, falsche Entscheidungen. Infolge der falschen Entscheidungen destabilisiert sich das System.
Solange es um Talkshows und Leitartikel geht, mag man das hinnehmen. Doch deren Reichweite schwindet. Wenn dann aus den falschen Messdaten relevante politische Entscheidungen abgeleitet werden, entstehen Fehler kritischer Größenordnung. Die Wirksamkeit dieser Fehlerketten zeigte sich, als die CDU jüngst erstmalig aus einem deutschen Landtag ausschied – ein vor Jahren kaum vorstellbarer Konventionsbruch in der politischen Kultur der Bundesrepublik.
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Auch daher interessierte mich, ob dieses Phänomen auch im politischen Raum der Vereinigten Staaten wirkt. Die Gelegenheit war günstig. Zu unserer Überraschung werden wir als einziges ostdeutsches und tatsächlich unabhängiges Medium mit relevanter Reichweite mehr und mehr in die internationalen Boardrooms eingeladen. Nicht in Deutschland, dafür aber in China und Zentralasien, in Russland, in Israel und eben in den USA.
Also stand eine weitere Reise nach Washington an. Nach unseren letzten Terminen in Russland und China war das Interesse an Informationen aus erster Hand dort groß. Wir erhielten Einladungen zu Gesprächen mit Vordenkern amerikanischer Politik.
Traditionelle Quellen transatlantischer Netzwerke wie die Atlantik-Brücke scheinen an Ergiebigkeit zu verlieren. Gleichzeitig besteht Bedarf an authentischen Informationen über die Entwicklungen in Ostdeutschland, Russland und China. Selbst die Washington Post öffnet ihr Blatt für Stimmen mit profunder diesbezüglicher Kenntnis; erst kürzlich publizierte sie einen Beitrag des ehemaligen Chefredakteurs der Berliner Zeitung und weiterhin hochgeschätzten Kollegen Tomasz Kurianowicz.
Das Interesse an unserer Einschätzung wächst auch deshalb, weil die Ostdeutsche Medienholding mit Journalisten vor Ort arbeitet und dort einen respektvollen Umgang pflegt, den manche traditionell transatlantische Strukturen verloren haben. Hinzu kommt etwas Entscheidendes: Wir sind im buchstäblichen Sinne unabhängig.
Zwei Reaktionsmuster
In dem Zusammenhang war interessant zu beobachten, welchen Preis mediale und politische Institutionen zahlen, wenn sie diese Unabhängigkeit gefährden oder aufgeben. So trafen wir Vertreter eines Thinktanks, dessen Glaubwürdigkeit nach einer russischen Einflussoperation während der ersten Trump-Präsidentschaft erheblichen Schaden genommen hatte. Die Gespräche waren schwierig. Ist das Vertrauen in die Integrität erst beschädigt, helfen selbst hochrangige Vertreter staatlicher Institutionen in den jeweiligen Gremien nur begrenzt.
Wir beantworteten viele Fragen und fanden uns regelmäßig in lebhaften Diskussionen wieder. Dabei wurden in den Besprechungsräumen rund um das Weiße Haus zwei Reaktionsmuster erkennbar. Da war zunächst die höfliche, aber energische Abwehr unserer eher ostdeutsch geprägten Perspektiven – insbesondere, wenn wir unseren amerikanischen Gesprächspartnern die eigenen Eindrücke aus aktuellen Gesprächen in St. Petersburg, Moskau, Peking oder Shanghai gegenüberstellten.
Häufig passten unsere Antworten einfach nicht in deren Erwartungsraum. Beispielsweise, wie man Verhandlungen mit Russland führen sollte. Das war der laute, energische Teil der Gespräche. Mitunter folgte ein leiserer, fragender Teil, sobald konkreter diskutiert wurde.
Schließlich zeigen die Entwicklungen der vergangenen Monate, wie stark sich manche politischen Vorstellungen von der Realität entfernen, die sich auf dem Schlachtfeld und den internationalen Märkten abzeichnet. Russland warnt Ausländer vor Angriffen in Kiew, Kanzler Merz fährt trotzdem, und die Russen greifen an.
Resonanzraum exilierter Russen
Auch das ist, ebenso wie der Rauswurf der CDU aus dem Landtag in Mecklenburg-Vorpommern, ein vor kurzem noch unvorstellbarer Konventionsbruch in der europäischen politischen Kultur. Steckt darin ein weiterer Hinweis auf die wachsende Größe des möglichen Messfehlers? In jedem Fall ist es ein Widerspruch, der vor informierten Entscheidungen aufgelöst werden müsste.
Trotz der Erfahrung aus deutsch-deutschen Gepflogenheiten war ich überrascht, dass in Washington aktuell kaum ein Interesse daran besteht, diesen wachsenden Widerspruch aufzulösen. Umso interessanter war es, zu erleben, welche Gruppen wie argumentieren.
Die erste Kohorte – nennen wir sie „Die Emotionalen“ – besitzt zurzeit erheblichen Einfluss. Manche Gesprächspartner haben einen russischen oder russisch-ukrainischen Hintergrund, aber längst keinen direkten Zugang nach Russland. Der Verlust unmittelbarer Kontakte und Informationen kann dazu führen, dass emotionaler und moralisierender argumentiert wird. Die entsprechenden Informationen stammen aus dem Umfeld der Geheimdienste, der konkurrierenden Thinktanks oder aus dem Resonanzraum exilierter Russen.
In dieser ersten Kohorte gibt es eine in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzende Untergruppe: Menschen aus dem Westen, die während des Zusammenbruchs der Sowjetunion und in den chaotischen Jahren danach in Russland lebten und arbeiteten. Viele von ihnen waren nicht nur beruflich, sondern auch emotional engagiert. Heute sitzen sie in verantwortlichen Positionen im Westen, in Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Thinktanks und der Tech-Szene – und müssen erleben, wie ihre einstigen Träume der russischen Zukunft gescheitert sind.
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Exponenten dieser Generation finden sich auch in Deutschland, weniger im industriellen als im politisch-medialen Umfeld. Deutschland übernahm nach 1990 über politische Stiftungen, Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen eine Brückenkopffunktion des Westens in der russischen Gesellschaft.
So lebte und arbeitete der heute als Sicherheitsexperte auftretende Nico Lange mehrere Jahre in St. Petersburg; später wechselte er nach Kiew, wo er das Büro der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung leitete. Mittlerweile ist er eine der profiliertesten Stimmen in den deutschen Medien, die ihn regelmäßig als Analyst der militärischen Lage, westlichen Unterstützung und deutschen Sicherheitspolitik befragen. Seine Bedeutung für die öffentliche Debatte liegt vor allem darin, dass er sicherheitspolitische und militärische Entwicklungen pointiert und medienverständlich einordnet. Dabei agiert er ausgesprochen einseitig, den Konflikt befeuernd und das geschlossene Regelsystem bestätigend.
Das gegenläufige und interessantere Beispiel ist Christiane Hoffmann. Sie studierte noch in der späten Sowjetunion in Leningrad, arbeitete später als Journalistin und Moskau-Korrespondentin für die FAZ und wurde schließlich für die Grünen Erste Stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung unter Olaf Scholz.
Hoffmann ist deshalb interessant, weil sie auf jene Jahre differenzierter zurückblickt. In ihrem 2026 erschienenen Buch „Die Träume, die wir hatten“ beschreibt sie das Scheitern einer Hoffnung, die nach 1989 keineswegs absurd erschien: Russland und der Westen könnten nach dem Ende des Kalten Krieges Bestandteil einer gemeinsamen europäischen Friedensordnung werden.
Russische Verantwortung
Hoffmann lässt keinen Zweifel an der russischen Verantwortung für den Angriff auf die Ukraine. Sie verurteilt ihn scharf. Bemerkenswert ist etwas anderes: Sie weigert sich, die Geschichte rückwärts so zu erzählen, als sei der Weg von 1989 zum Krieg von 2022 zwangsläufig gewesen. Sie fragt nach den verpassten Chancen der Neunzigerjahre, nach Entscheidungen des Westens, nach der Nato-Osterweiterung und danach, ob es ein historisches Zeitfenster für eine andere europäische Sicherheitsarchitektur gegeben hätte.
Damit liefert ausgerechnet eine frühere Spitzenvertreterin der Regierungskommunikation eine interessante Gegenprobe zu dem geschlossenen Denken, das große Teile der Russlanddebatte in den USA und in Deutschland bestimmt.
Natürlich kann man Russlands Verantwortung für den Krieg benennen und gleichzeitig untersuchen, ob der Westen die Entwicklung, die diesem Krieg vorausging, jederzeit richtig vermessen hat. Das eine relativiert nicht das andere. Bedauerlicherweise jedoch gehört das Eingeständnis des Scheiterns nicht zu den ausgeprägten Tugenden deutscher politischer Kultur.
Entsprechend groß ist die Versuchung, etablierte Erklärungsmodelle auch dann noch zu verteidigen, wenn die Messdaten zum Zweifeln motivieren. Viel zu häufig ist eben das in den Talkshows und Nachrichtensendungen des ÖRR zu erleben, wenn etwa Nico Lange zu seinen Einschätzungen befragt wird.
Ist Russland militärisch zu schlagen?
Und so bestätigen sich die Beteiligten im geschlossenen Regelsystem gegenseitig in ihren Sichtweisen. Und je stärker diese von der Realität abzuweichen drohen, desto energischer werden sie verteidigt:
Russland sei militärisch zu schlagen, die Oligarchen seien erpressbar, Geld dürfe keine Rolle spielen. Die Überforderung europäischer und deutscher Leistungsfähigkeit durch ausbleibende Sozialstaatsreformen oder fehlende Effizienzgewinne technologischer Entwicklung geraten dabei völlig aus dem Blick. Ebenso die geostrategische Abkehr großer Volkswirtschaften von Deutschland und dem europäischen Kontinent, der in Binnenkonflikten versinkt.
Hier berühren sich die Versuchsanordnungen. So, wie die CDU im Osten strukturell verliert, weil sie die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr richtig vermisst, kann der von den USA geführte Westen in der Ukraine strategische Fehler begehen, wenn seine Instrumente nur das messen, was seine Grundannahme bestätigt. Gleiche Logik, gleicher Messfehler – mit einem ungleich tragischeren Ergebnis.
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Es gibt eine zweite Kohorte – nennen wir sie „Die Rationalen“ –, die diese Logik im Gespräch durchaus bestätigt. Messfehler werden gesehen und ihre Folgen anerkannt. Doch der Zugang dieser Stimmen zur Administration scheint seit Trump 2.0 schwieriger zu sein. Kurzfristig bestimmen die Midterms den Horizont. Mittel- und langfristig orientieren sich die Vordenker und Entscheider auf den wirtschaftspolitischen und potenziell militärischen Konflikt mit China.
Aus dieser Perspektive erscheint der Krieg in der Ukraine als einer von mehreren Stellvertreterkonflikten. Solange Europa zahlt, könne er weitergeführt werden. Zu gewinnen sei er nicht; zugleich liefere er wertvolle Erkenntnisse für die Entwicklung zukünftiger Waffensysteme und ihrer Einsatzszenarien. So war es in Korea, so war es in Vietnam, und so war es in Afghanistan; es zeigt sich die kalte Rationalität geopolitischer Pragmatiker.
Wie es ein Mitglied des White House Security Councils in einem früheren Gespräch treffend beschrieb: Wir bauen die Plattform für die nächste Runde. Mister Putin habe der aktuellen und nächsten Generation in Russland keinen Gefallen getan.
Auf meine wiederkehrende Frage, wie ein übergreifendes politisches Szenario für Europa nach dem Ende des mörderischen Konflikts aussehen könnte – im positiven wie im negativen Sinn – erhielt ich keine überzeugende Antwort. Das war vielleicht die interessanteste Erkenntnis der Reise.
Etablierte Parteien verlieren
In Moskau und Peking wirkten die Antworten zumindest klarer. Moskau signalisierte die Bereitschaft, den Krieg mit allen damit verbundenen Kosten durchzustehen, formulierte zugleich jedoch das Interesse an einer übergreifenden und abgesicherten europäischen Sicherheitsarchitektur. In Peking konzentriert man sich auf Handel, wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand – während man sich jede militärische Option offenhält.
In Washington wie auch in Berlin wirkt die Situation unklar. Man interpretiert, warum die Instrumente Messwerte liefern, die mit der beobachteten Wirklichkeit nicht zusammenpassen. Nicht nur in Deutschland, auch in der Ukraine oder im Iran.
Vielleicht liegt die Ursache nicht in der Wirklichkeit. Vielleicht liegt sie in den Messungen. Es wäre ein doppelter Fehler. In Deutschland führt er dazu, dass etablierte Parteien ganze Regionen und Bevölkerungsgruppen verlieren, während sich die politische und mediale Klasse versichert, ihre Lagebewertung sei zutreffend.
Im Verhältnis zwischen den USA, dem Westen und Russland sind die Konsequenzen ähnlich, nur ungleich schwerwiegender. Dort geht es nicht um Mandate. Dort verlieren Generationen die Perspektive auf ein friedliches Leben in Freiheit und Wohlstand.
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