Dora Abodis Mode feiert Transsilvanien und seine Mythen. Der angesagte Fotograf Szilveszter Makó inszenierte ihre künstlerischen Lookbooks.
Dora Abodi wurde Ende der 80er-Jahre im transsilvanischen Cluj-Napoca, dem rumänischen Klausenburg, geboren – das genaue Jahrhundert behält sie mit einem Augenzwinkern für sich.
Um eine Audienz bei der multidisziplinären Künstlerin zu bekommen, korrespondieren wir zunächst mit ihrer Assistenz Raven. Die Designerin habe einen „rather unpredictable schedule“, schreibt sie uns – einen eher unberechenbaren Zeitplan also.
Das passt zum Kosmos, den Abodi erschafft: Vampire, Burgen und Märchenfiguren gehören hier nicht der Vergangenheit an, sondern schreiben sich selbstverständlich in die Gegenwart ein. Bei unserem schriftlichen Interview stelle ich sie mir vor, wie sie mit einem Laptop im Sarg liegend die Fragen beantwortet.
Tragbare Kunst: Der märchenhaft illustrierte Mantel „Landscape of Dreams“ aus der Kollektion „The Transylvanian Chronicles“ der Designerin Dóra Abodi.
© Szilveszter Mako
Frau Abodi, Ihre Kollektionen übersetzen transsilvanische Mythen in zeitgenössische Mode. Wie prägt die Region Siebenbürgen Ihre Identität?
Transsilvanien ist für mich mehr als ein Ort. Es ist eine Art, die Welt zu sehen. Uralte Wälder, nebelverhangene Berge und mittelalterliche Festungen bieten den perfekten Nährboden für Geschichten. Ich wuchs zwischen Wäldern auf, die ihren eigenen Rhythmus haben, und mit einem Familienarchiv, in dem das 15. Jahrhundert wie gestern wirkt. Szeklerische Wurzeln bedeuten, Erinnerungen hartnäckig zu bewahren: Man vergisst weder seine Toten noch seine Stickereien noch den Berg hinterm Haus.
Ich habe multikulturelle Wurzeln: ungarische, rumänische, sächsische, niederländische. Diese Identitätsschichten prägen meine Designsprache. Die melancholische Schönheit Osteuropas, Transsilvaniens geheimnisvolle Atmosphäre und Folklore leben in meiner Arbeit weiter. Meine Entwürfe sind Zeitreisende – sie tragen Fragmente der Vergangenheit in die Gegenwart.
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© Szilveszter Mako
So eine Zeitreisende ist Ihre „Vampire Castle Bag“, die aus dem Vampirmythos ein verspieltes Luxusobjekt macht. Wie passen Horror und Humor zusammen?
Horror und Humor sind verwandt – beide durchbrechen das Gewohnte. Ein Vampir ist eine elegante Metapher für unsterbliches Begehren. Ihn in eine Handtasche zu verwandeln, erscheint mir eher ehrlich als makaber. Der Vampir ist für mich aber mehr als eine Horrorfigur. Er symbolisiert Sehnsucht, Verwandlung, Unsterblichkeit und die Verbindung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Dracula ist nur ein Kapitel von vielen. Dahinter liegen Jahrhunderte der multikulturellen Erinnerung.
Der perfekte Begleiter für die Nachtschicht: Die „Vampire Castle Bag“ aus schwarzem Leder mit markanten Turmdetails und goldenen Elementen.
© Abodi
Mode als Rüstung: Designerin Dóra Abodi nutzt die düstere Ästhetik ihrer Heimat, um mit ihrem Label Abodi zeitlose weibliche Stärke neu zu definieren.
© Szilveszter Mako
The Chronicles zeigt Elisabeth Báthory, die ungarische Adelige des 16. Jahrhunderts, die als sagenumwobene „Blutgräfin“ bekannt wurde – als Symbol dämonisierter weiblicher Macht. Welche Rolle spielen Frauen im heutigen Rumänien – und wie können sie aus historischen Figuren Kraft schöpfen?
Báthory interessiert mich als Beispiel dafür, wie weibliche Macht historisch durch Misstrauen erzählt wurde. Eigenschaften, die bei Männern als Zeichen von Autorität gelten – Autonomie, Ehrgeiz, strategisches Denken –, wurden bei Frauen oft als Gefahr umgedeutet. Dieses Muster ist nicht verschwunden, es ist nur subtiler geworden.
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Heute sind Frauen in Mittel- und Osteuropa selbstverständlich präsent in Führungspositionen in Kultur und Wirtschaft. Zugleich bewegen sie sich noch immer innerhalb überlieferter Vorstellungen davon, wie Macht auszusehen hat. Sich mit Figuren wie Báthory auseinanderzusetzen bedeutet nicht, Geschichte zu romantisieren. Es geht darum, Frauen jenseits der ihnen auferlegten Mythen lesen zu dürfen – und ihnen Komplexität zuzugestehen, ohne sie dafür zu bestrafen.
Das skulpturale „Bokály-Kleid“ aus der Kollektion „The Chronicles“ von Dora Abodi ist der Silhouette eines traditionellen siebenbürgischen Keramikkrugs nachempfunden.
© Szilveszter Mako
Wie würden Sie den transsilvanischen Charakter beschreiben?
„Kirchenglocken fehlen ihm noch“ beschreibt jemanden, der so erschöpft aussieht, dass nur noch das Beerdigungsdetail fehlt. Düster, aber liebevoll – vielleicht ist das typisch transsilvanisch.
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Viele Marken greifen Folklore auf. Ihre Arbeit erschafft jedoch eine ganze Welt. Ist Abodi ein Modehaus oder betreiben Sie World-Building?
Abodi war eine Welt, nicht nur eine Garderobe. Kleidung als isoliertes Objekt interessiert mich nicht sonderlich – mich fesselt die Mythologie darum herum.
Düstere Romantik: Kampagnen-Illustration für die Kollektion „The Chronicles I“ von Abodi Transylvania mit den ikonischen, burgzinnenförmigen Handtaschen.
© Szilveszter Mako
Das Minikleid „Mirror Dress I“: Die echten Spiegelelemente und barocken Goldstickereien thematisieren Eitelkeit und Selbstreflexion, inspiriert von osteuropäischer Folklore.
© Szilveszter Mako
Warum verfangen Mythen heute wieder so stark?
Weil die Zukunft schneller kam, als wir sie begreifen konnten. Mythen bieten Symbolik, Tiefe und die Freiheit, irrational zu sein. Mythische Erzählungen verführen mit dem Unheimlichen – das wirkt heute überraschend modern. In einer Zeit technologischer Angst und polierter Oberflächen haben Geister fast etwas beruhigend Bekanntes.
Was sollen Menschen in Ihren Stücken finden?
Ich plane nicht, was jemand fühlen soll. Ich erschaffe etwas, lasse es los und beobachte, was entsteht.
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