Viele Frauen schweigen über die Gewalttaten ihrer Männer. Zohra Mohammad Gul hat Schutz gesucht. Sie und Verwandte haben Anzeige erstattet – dreimal. Trotzdem starb sie am vergangenen Freitag an einer Straßenkreuzung in Pankow. Der Vater ihrer sechs gemeinsamen Kinder wusste, dass sie dort entlanggehen würde.
Hätte die Tat verhindert werden können? Angehörige von Zohra Mohammad Gul würden diese Frage mit Ja beantworten.
Schwester und Cousine der Verstorbenen erheben in einem übersetzten Brief, der der Berliner Zeitung vorliegt, schwere Vorwürfe gegen die Berliner Behörden: „Zum Mord an ihr kam es, nachdem sie und ihre Umgebung die Behörden in Berlin über ihre Bedrohung durch den Mann informiert hatten, der sich als ihr Eigentümer sieht. Unserer Schwester wurde der Schutz verwehrt, der ihr das Leben hätte retten können, und der ihren Kindern die traumatische Erfahrung des Verlusts erspart hätte.“
Frau in Pankow getötet: Schwester erhebt schwere Vorwürfe
Die Getötete und ihre Angehörigen informierten die Polizei über häusliche Gewalt, Verfolgung und Morddrohungen. So habe es ihr die Familie erzählt, sagt Ava Moayeri, die sich bei der Frauenrechtsorganisation Zora engagiert. Die Beamten sollen gesagt haben, es gebe zu wenig Beweise. Die Angehörigen wollen noch nicht mit der Presse sprechen, sie stehen unter Schock, sagt Moayeri.
Polizei Berlin bestätigt, dass sie informiert war
Thilo Cablitz, Sprecher der Berliner Polizei, bestätigte der Berliner Zeitung, dass im Zusammenhang mit diesem Fall drei Anzeigen wegen häuslicher Gewalt eingegangen seien. „Es wurden bereits Prüfungen eingeleitet, ob es Versäumnisse gab und die Polizei Berlin alles unternommen hat, um ihren Schutzauftrag zu erfüllen“, sagt Cablitz.
Man hätte die Frau rund um die Uhr beschützen und ihr glauben sollen.
Ava Moayeri, Frauenrechtsorganisation Zora
Eine einstweilige Verfügung sollte erwirkt werden, der Mann sei zuletzt allerdings schwer auffindbar gewesen, da er wohnungslos gewesen sei. Ein Kontaktverbot sollte offenbar vorbereitet werden. Laut einer Sprecherin des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) ging die Trennung des Paares mit einem Hausverbot in der Unterkunft für Geflüchtete einher.
Ein Kontaktverbot allein hätte nicht gereicht, meint Moayeri. Einem potenziellen Mörder sei das egal. „Man hätte die Frau rund um die Uhr beschützen und ihr glauben sollen“, sagt sie. In Frauenhäusern sei oft nur Platz für ein Kind, es fehle für breitflächigen Schutz natürlich auch an finanziellen Mitteln.
Berlin-Pankow: Sechsfache Mutter erstochen, Verdächtiger festgenommen
Am vergangenen Montag organisierte Zora Berlin eine Gedenkveranstaltung am Tatort. Während ihrer Moderation sprach Moayeri ein paar Sätze Farsi (Persisch), erzählt sie. Daraufhin kam ein Mann auf sie zu und sagte, dass sie in ihrer Rede erwähnen solle, dass die Polizei nicht geholfen habe.
Es war der Mann der Schwester von Zohra Mohammad Gul. Sie und ihre Cousine saßen an diesem Tag trauernd und aufgelöst vor den dort niedergelegten Blumen, Moayeri kam mit ihnen auf der Veranstaltung und danach ins Gespräch.
Ava Moayeri von Zora Berlin am Donnerstag
© Maria Häußler
Schwester und Cousine der Getöteten haben sich daraufhin zusammengesetzt und den Brief verfasst, Moayeris Eltern übersetzten ihn ins Deutsche. Ein gemeinsames Verfassen mit den Aktivistinnen von Zora Berlin sei gar nicht nötig gewesen, sagt Moayeri.
Besonders die Cousine der Getöteten positioniere sich politisch, ihr sei in Deutschland immer wieder Rassismus begegnet.
So auch, als sie Anzeige gegen den Beschuldigten erstatten wollte, da er nach der Trennung die ganze Familie bedrohte. „Lern erst mal Deutsch“, habe man ihr auf der Wache gesagt. „Ich glaube, da hat sich viel angestaut“, sagt Moayeri. Auch die Schwester habe ihr deutlich gesagt, dass sie sich in diesem Land wie ein Mensch zweiter Klasse fühle.
Die Frauen werfen der Polizei Rassismus vor
Die Frauen werfen den Behörden im Brief unter anderem Rassismus vor: „Sie war nicht das erste Opfer einer Schutzlosigkeit, die man nicht anders erklären kann als mit der zynischen Geringschätzung des Lebens von Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund“, heißt es dort. Frauen würde allgemein oft nicht geglaubt, Frauen mit migrantischem Hintergrund und wenig Deutschkenntnissen noch weniger, meint Moayeri.
Rassismus ist auch ein Thema, wenn es um die Kommunikation von Polizei und Medien in solchen Fällen geht. Der Tagesspiegel berichtete, dass der Mann der Schwester bei der Polizei gewesen sei, weil sein Ex-Schwager sich „in seiner Ehre verletzt gefühlt“ habe.
Darauf angesprochen verweist Moayeri auf patriarchale Strukturen, die in vielen Kulturen bestünden. „In der muslimischen Kultur mag es Begriffe wie Ehre geben. In jeglichen Kulturen gibt es das aber, dass sich der Mann als Besitzer der Frau fühlt“, sagt sie.
Für Kritik sorgte, dass die Polizei bisher nicht wegen Mordes ermittelt, sondern wegen eines vorsätzlichen Totschlags. Moayeri sagt, das sei bei Femiziden häufig der Fall.
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