Im aufsehenerregenden Mordprozess gegen die US-Amerikanerin Lindsay Clancy geht die Jury am Freitag in den siebten Beratungstag. Nach Angaben von AP teilte die Vorsitzende der Geschworenen dem Gericht mit, ein einzelnes Jurymitglied weigere sich, die Vorgaben zum Grundsatz des begründeten Zweifels anzuwenden.
Verteidiger Kevin Reddington beantragte daraufhin dessen Ausschluss. Richter William Sullivan lehnte dies jedoch ab.
Die zwölf Geschworenen hatten bereits in den Vortagen erklärt, kein einstimmiges Urteil erzielen zu können. Sollte die Blockade anhalten, könnte Sullivan den Prozess für gescheitert erklären. Die Staatsanwaltschaft müsste dann entscheiden, ob sie Clancy erneut vor Gericht stellt, die Anklage fallen lässt oder eine Verständigung mit der Verteidigung anstrebt.
Clancy sprang nach Tötungen aus dem Fenster
Die 36 Jahre alte frühere Krankenschwester hatte eingeräumt, ihre fünfjährige Tochter Cora sowie ihre drei Jahre und acht Monate alten Söhne Dawson und Callan im Januar 2023 im Keller ihres Hauses in Duxbury bei Boston mit Trainingsbändern stranguliert zu haben. Anschließend verletzte sie sich selbst und sprang aus einem Fenster. Seitdem ist sie von der Hüfte abwärts gelähmt.
Ihre Verteidigung argumentiert, Clancy habe während der Tat an einer postpartalen Psychose gelitten und sei deshalb nicht strafrechtlich verantwortlich gewesen. Die Staatsanwaltschaft erkennt zwar an, dass sie psychische Probleme hatte. Clancy habe jedoch gewusst, dass ihr Handeln falsch war, ihren damaligen Ehemann gezielt aus dem Haus geschickt und die Tötungen geplant.
Bei einer Verurteilung wegen Mordes ersten Grades droht ihr lebenslange Haft ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung. Spricht die Jury sie wegen fehlender strafrechtlicher Verantwortlichkeit frei, könnte sie dennoch in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen werden.
Fall wird zur politischen Debatte über Versorgungslücken
Der sechswöchige Prozess hat sich in den USA inzwischen weit über die Schuldfrage hinaus zu einer Debatte über die medizinische Versorgung von Frauen während und nach einer Schwangerschaft entwickelt.
Unterstützerinnen demonstrierten vor dem Gerichtsgebäude unter dem Motto „She Needed Help“ („Sie brauchte Hilfe“). Betroffene und Fachleute kritisieren, dass psychische Erkrankungen nach der Geburt häufig zu spät erkannt und Mütter zwischen verschiedenen Ärzten und Einrichtungen weitergereicht würden.
Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC leidet etwa jede achte Frau in den Vereinigten Staaten an einer postpartalen Depression (auch Wochenbett-Depression genannt). Eine postpartale Psychose tritt Reuters zufolge dagegen nur bei etwa einer bis zwei von 1000 Geburten auf. Sie kann mit Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Verwirrung und Paranoia einhergehen und gilt als medizinischer Notfall.
Lindsay Clancys Verteidiger spricht vor dem Gerichtsgebäude
© Joseph Prezioso/AFP
Druck auf US-Gesundheitspolitik steigt
Der Fall Clancy erhöht den Druck auf Gesundheitspolitik und Fachverbände, verbindlichere Standards für Früherkennung und Behandlung zu schaffen. Das „American College of Obstetricians and Gynecologists“ empfiehlt zwar psychologische Untersuchungen während und nach der Schwangerschaft. Eine spezielle Ausbildung in reproduktiver Psychiatrie ist nach Angaben von PBS jedoch weder für angehende Psychiater noch für Geburtsmediziner verpflichtend.
Zudem gibt es in den USA kaum spezialisierte Einrichtungen, in denen schwer erkrankte Mütter gemeinsam mit ihren Babys behandelt werden können. Die Wochenbett-Psychose wird auch nicht als eigene Diagnose im maßgeblichen US-Handbuch für psychische Erkrankungen geführt. Fachleute warnen laut PBS, dies erschwere Ausbildung, Diagnose und einheitliche Therapierichtlinien.
Postpartale Psychosen gehen nicht zwingend mit Gewalt einher
Der Prozess hat nach Darstellung von PBS eine Debatte darüber ausgelöst, ob postpartale psychische Erkrankungen im amerikanischen Gesundheitssystem ausreichend erkannt und behandelt werden. Fachleute verweisen auch auf fehlende Spezialkenntnisse, Versorgungslücken und eine mangelnde Zusammenarbeit zwischen medizinischen Einrichtungen.
Zugleich mahnen sie, postpartale Psychosen nicht pauschal mit Gewalt gegen Kinder gleichzusetzen. Die Krankheit sei vorübergehend und behandelbar – eine solche Gleichsetzung könne das Stigma verstärken und Betroffene davon abhalten, rechtzeitig Hilfe zu suchen.
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