Im Mai 2030 richtet Dresden das „International Symposium on Circuits and Systems“ (Iscas) aus. Bis zu 1800 Fachleute aus aller Welt werden vier Tage lang in der sächsischen Landeshauptstadt über „Schaltkreise und Systeme für autonome und nachhaltige Intelligenz“ beraten. Die Vergabe gilt als Erfolg für den Mikroelektronik-Standort, dessen Geschichte bis in die 1960er-Jahre zurückreicht.
Auf die Entscheidung machte Professor Ronald Tetzlaff von der Technischen Universität Dresden (TUD) aufmerksam, der zu den örtlichen Organisatoren gehört. Die Iscas sei inzwischen die größte und prestigeträchtigste Jahreskonferenz der „IEEE Circuits and Systems Society“ und gelte weltweit als das wichtigste Vernetzungsforum für Forscher in Theorie, Entwurf und Implementierung von Schaltungen und Systemen, sagte Tetzlaff. Angestoßen worden sei die Tagung 1968 von einer kleinen Gruppe von Schaltungstheoretikern.
Deutschland richte die Konferenz erstmals seit über 50 Jahren wieder aus, betonte Tetzlaff. Ausschlaggebend für die Vergabe nach Dresden seien die Kompetenzen der hiesigen Exzellenz-Universität, der außeruniversitären Forschungsinstitute, der Chipindustrie sowie des gesamten Ökosystems gewesen. Vor Ort beginnt nun ein 70-köpfiges Organisationsteam mit den Vorbereitungen. Zur Leitung gehören neben Tetzlaff auch Professorin Diana Göhringer von der TUD sowie Professor Thomas Mikolajick vom Mikroelektroniklabor „Namlab“. Tetzlaff rechnet zudem mit 5.000 bis 7.000 Hotelübernachtungen und Tausenden internationalen Multiplikatoren aus Wissenschaft und Industrie.
Silicon Saxony: Europas größter Chip-Standort wächst – doch die Konkurrenz in Asien zieht davon
Halbleiterindustrie stützt sächsische Wirtschaft
Die Mikroelektronik stellt für die sächsische Wirtschaft weiterhin einen Stabilitätsanker dar, wie auch Zahlen des Statistischen Landesamtes in Kamenz belegen. 2024 erwirtschaftete der Kern der Branche einen Umsatz von knapp vier Milliarden Euro. Dies stellt zwar einen Rückgang um elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr dar. Dennoch waren laut Landesstatistikern rund ein Prozent der Betriebe für etwa fünf Prozent des Gesamtumsatzes des Verarbeitenden Gewerbes in Sachsen verantwortlich.
Die Chips aus Dresden und Umgebung seien europa- und weltweit gefragt und damit weniger stark an die schwächelnde Wirtschaftslage in Deutschland gebunden als andere Industriezweige, hieß es vom Landesamt. Mit einer Exportquote von 59 Prozent lägen die Halbleiterunternehmen fast 20 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der sächsischen Industrie von 40 Prozent. Wichtigster Abnehmer elektronischer Bauelemente war laut Außenhandelsstatistik Taiwan, gefolgt von EU-Ländern mit Ungarn an der Spitze.
Auch durch eigene Investitionen wirke die Branche stabilisierend, teilten die Landesstatistiker mit. 2024 entfielen 28 Prozent aller Industrieinvestitionen im Freistaat auf Halbleiterbetriebe. Beispiele seien die jüngsten Fabrikneubauten und Ausbauten bei TSMC, Infineon, Globalfoundries, X-Fab oder Jenoptik. Beim Personal verzeichnet die Branche nach Angaben des Verbandes Silicon Saxony allerdings eine Pause nach Jahren stetiger Zuwächse. Zuletzt stagnierten die Mitarbeiterzahlen bei insgesamt rund 81.000 Menschen in 3.650 Unternehmen. Die Kernbelegschaft in den Halbleiter-Fabs selbst umfasst nach Einschätzung der Landesstatistiker etwa 11.500 Beschäftigte.
US-Chipriese investiert Milliarde: Silicon Saxony zieht weitere Unternehmen an
Vom DDR-Forschungszentrum zum europäischen Spitzenstandort
Die Wurzeln des heutigen „Silicon Saxony“ reichen bis ins Jahr 1961 zurück. Damals gründete der Physiker Werner Hartmann mit sieben Mitarbeitern die „Arbeitsstelle für Molekularelektronik“ (AME) in Dresden-Klotzsche. Hartmann hatte nach Angaben des Branchenverbandes Silicon Saxony die Bedeutung des ersten integrierten Festkörperschaltkreises erkannt, den der US-Konzern Texas Instruments 1960 vorgestellt hatte. Die DDR-Führung setzte zunächst stärker auf die Kernphysik, Hartmann blieb jedoch hartnäckig und baute die „AME“ weiter aus.
1968 gelang die Präparation des ersten Festkörperschaltkreises der DDR mit sieben Transistoren. Bis 1974 wuchs die AME auf 950 Angestellte. Nachdem 1971 Erich Honecker seinen Vorgänger Walter Ulbricht als SED-Vorsitzender beerbt hatte, wurden Investitionen in die Mikroelektronik gekürzt und die Staatssicherheit begann, Hartmann zunehmend zu misstrauen. 1974 wurde er beurlaubt – ohne dass ihm ein Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte. Er starb 1988. Aus der AME ging schließlich das „Zentrum Mikroelektronik Dresden“ (ZMD) hervor, das zur Wendezeit rund 3.300 Beschäftigte zählte und den ersten Megabit-Chip der DDR entwickelte – mangels passender Maschinen jedoch nie in Serie fertigte. Teile des ZMD gehören heute dem japanischen Konzern Renesas Electronics sowie dem Unternehmen X-Fab.
Dresden baut erstes Flusswasserwerk für die Chipindustrie
Nach 1990 setzten der damalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und Finanzminister Georg Milbradt auf eine Clusterpolitik mit Dresden als Leuchtturm. Das Konzept war nach Darstellung von Silicon Saxony zunächst umstritten, weil Regionalpolitiker eine einseitige Bevorzugung der Landeshauptstadt befürchteten. 1993 eröffnete SAW Components, 1994 folgte Siemens, dessen Werk heute zu Infineon gehört und rund 3.500 Mitarbeiter beschäftigt. 1996 gründete AMD seine Tochterfirma AMD Saxony, deren Fabs 2009 an Globalfoundries übergingen. Das Werk beschäftigt heute über 3.000 Mitarbeiter und ist das weltweit größte des Konzerns. 2021 entschied sich Bosch im Wettbewerb mit Singapur und New York für einen Standort in Dresden, an dem heute rund 500 Beschäftigte arbeiten.
Nach Verabschiedung des EU Chips Act im Jahr 2023 kündigten Infineon mit einer Investition von fünf Milliarden Euro, Jenoptik mit 70 Millionen Euro sowie TSMC in Kooperation mit Bosch, Infineon und NXP mit zehn Milliarden Euro weitere Werke an. Auch Globalfoundries prüft nach eigenen Angaben eine Erweiterung. Nach Angaben von Silicon Saxony kommt heute jeder dritte in Europa gefertigte Chip aus der Region Dresden.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]