Vorsichtig schieben die Mitarbeiter des Arthandling-Teams das drei Meter hohe Tafelgemälde aus dem Schauatelier der Gemäldegalerie Alte Meister in einen der Haupträume. Vier Jahre lang wurde die „Madonna des heiligen Sebastian“ von Antonio Allegri, genannt Correggio, hier restauriert. Nun wartet ein leerer Rahmen auf das Werk. Millimetergenau wird die schwere Holztafel eingepasst und fixiert.
Zum Schluss wird die historische Rahmenkrone von oben aufgeschraubt – erst jetzt ist das Werk vollständig. Anschließend rollt der Transportwagen mit dem gerahmten Bild langsam ins Winkelmann-Forum. Das sind jene Ausstellungsräume, in denen ab dem 19. September die große Correggio-Retrospektive zu sehen sein wird.
Für die leitende Restauratorin Steffi Bodechtel ist es ein besonderer Moment. Dreieinhalb Jahre praktische Arbeit, insgesamt rund vier Jahre inklusive Voruntersuchungen und Recherche liegen hinter ihr und ihren Kolleginnen Algis Wehrsig und Sabine Posselt. Zu dritt haben sie sich der riesigen Tafel gewidmet. Ein Projekt über vier Jahre müsse gut konzipiert und geplant werden, erzählt die Restauratorin.
Nachdem das Bild in seinen Rahmen eingepasst wurde, konnte diese historische Krone wieder auf den Rahmen aufgeschraubt werden.
© Nora Domschke für Ostdeutsche Allgemeine
Die Herausforderungen seien beträchtlich gewesen. Die Tafel besteht aus fünf Holzplatten, die sich über die Jahrhunderte bewegt hatten. „In den Fugen waren die Farben ausgebrochen und es gab Hohlstellen“, erklärt Bodechtel. Die eigentliche Aufarbeitung des Gemäldes begann mit einer intensiven Untersuchung. An einer winzigen Probe zählten die Restauratorinnen unter dem Mikroskop 15 Firnisschichten. Zwischen diesen Schichten lagen Kittungen und Retuschen früherer Bearbeitungen. Und die Expertinnen fanden heraus: Bereits in Italien war das Werk restauriert worden, ebenso mehrfach in Dresden, wo es unter anderem im Siebenjährigen Krieg und im Zweiten Weltkrieg ausgelagert wurde.
Für den neuen Firnis setzten die Restauratorinnen auf ein Naturharz. „Wir verwenden ein Naturharz, weil wir wissen, wie es altert, und dass man es auch wieder entfernen kann“, sagt Bodechtel. Reversibilität und Lichtechtheit stehen im Zentrum: Was heute aufgetragen wird, soll nicht so schnell vergilben wie die Materialien der Vorgänger. Auch die Retuschen unterscheiden sich bewusst vom Original. „Wenn Sie ganz nah ans Bild gehen, sehen Sie das. Wir haben ganz feine Pünktchen gesetzt“, erklärt sie. Aus der Distanz aber erlebe der Betrachter wieder ein geschlossenes Bild – und die Intention des Künstlers werde wiederbelebt.
Ein Künstler, dessen Wirkung kaum zu überschätzen ist
Für Andreas Plackinger, Kurator für italienische Malerei an der Gemäldegalerie Alte Meister, ist die Ausstellung „Correggio. Berührend menschlich“ (19. September 2026 bis 10. Januar 2027) ein Glücksfall. Rund 130 Objekte werden gezeigt, darunter 20 Gemälde und 20 Zeichnungen von Correggios eigener Hand. Das entspricht etwa einem Drittel seines gesicherten malerischen Werks. Weltweit sind nur rund 60 Gemälde von ihm überliefert. Derzeit wird die Ausstellung aufgebaut und die OAZ darf einen ersten Blick hinter die Kulissen werfen.
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„Sie stehen hier vor einem der wichtigsten Gemälde der europäischen Kunstgeschichte“, sagt Plackinger und deutet auf „Die Heilige Nacht“, das im 18. Jahrhundert wohl berühmteste Bild der Dresdner Sammlung. „Die stärkste Wirkungsgeschichte, die Kunstwerke überhaupt haben können, sehen Sie in diesem Bild.“ Künstler wie Rubens, Maratti oder Anton Raphael Mengs hätten sich an diesem Werk orientiert. Von Goethe über Balzac bis Ibsen: Kaum ein Literat des 18. und 19. Jahrhunderts habe Correggio nicht kommentiert.
Das sogenannte Arthandling-Team setzte das drei Meter hohe Tafelbild in seinen Rahmen ein.
© Nora Domschke für Ostdeutsche Allgemeine
Umso erstaunlicher ist es, dass der 1489 in der italienischen Kleinstadt Correggio geborene Maler Antonio Allegri heute einem breiteren Publikum kaum bekannt ist. „Wir zeigen einen der wichtigsten Künstler der europäischen Kunstgeschichte, den kaum jemand kennt. So eine Konstellation ist sehr selten“, so Plackinger. Ein Grund dafür sei die dünne biografische Überlieferung: Es gebe kein einziges gesichertes Porträt des Künstlers. In der Forschung wird jedoch diskutiert, ob sich Correggio in einem der frühen Altarbilder, das ebenfalls Teil der Dresdner Ausstellung ist, als heiliger Antonius selbst verewigt hat – als versteckte Signatur des Malers, dessen Nachname so viel wie „heiter“ bedeutet.
Diebstahl aus der Kirche
Die Verbindung von Correggios Kunst und Dresden reicht ins 18. Jahrhundert zurück. Kurfürst Friedrich August II. erwarb 1746 die 100 wichtigsten Gemälde der Sammlung des Herzogs von Modena, der sich im Österreichischen Erbfolgekrieg im Exil in Venedig befand und dringend Geld benötigte. Darunter waren die vier großen Altartafeln Correggios, die eigene Paragraphen im Kaufvertrag erhielten. „Es ist nicht so, dass wir einfach eine Ausstellung machen. Correggio ist die DNA der Dresdner Gemäldegalerie“, sagt Plackinger. Die „Heilige Nacht“ galt damals als das bedeutendste Bild der Sammlung – Reisende kamen nicht wegen Raffaels „Sixtinischer Madonna“, sondern wegen Correggio nach Dresden.
Wie begehrt seine Werke waren, zeigt eine Episode aus dem Jahr 1640: Der Herzog von Modena ließ die „Heilige Nacht“ aus der Kirche San Prospero in Reggio Emilia nachts entwenden, nachdem die Kirchgemeinde eine Herausgabe abgelehnt hatte. Im Kirchenbuch vermerkten die Gläubigen den Vorfall als „Sacrilegio“.
Leihgaben kommen unter Polizeischutz nach Dresden
Die Zusammenstellung der Kunstwerke, die ab 19. September in Dresden zu sehen sind, war das Ergebnis jahrelanger Verhandlungen. Leihgaben kommen aus internationalen Museen wie dem Prado in Madrid, der National Gallery in London, der Galleria Borghese in Rom, den Uffizien in Florenz oder dem Kunsthistorischen Museum in Wien.
Aus dem Louvre reisen gleich zwei Hauptwerke nach Dresden, was als ein seltener Glücksfall bezeichnet werden kann: Neben „Venus und Cupido mit Satyr“ (um 1526/1528) wird Correggios „Mystische Vermählung der heiligen Katharina mit heiligem Sebastian“ (um 1525/1527) in der Ausstellung gezeigt, ein Gemälde, das seit seinem Eingang in die Sammlung noch nie außerhalb des Pariser Museums zu sehen war. Für diese Bilder werden eigens Klimarahmen gebaut. Der Prado verlangte als Bedingung für die Ausleihe eine Polizeieskorte von Madrid nach Dresden. „Daran können Sie auch ermessen, was für Werte hier nach Dresden kommen werden“, so Plackinger.
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Ergänzt wird die Schau um Werke von Zeitgenossen wie Parmigianino sowie um Objekte der Alltagskultur – etwa Textilien in grünem Samt und Goldbrokat, antike Münzen und eine Bronzevenus, die Correggio als Vorlage diente. Ein weiterer Ausstellungsbereich wird zu einer Kuppel umgebaut – dort sind Werke Correggios zu sehen, die in Parma ortsgebunden sind: Ein Mitarbeiter des Hauses hat mit einer Drohne in der Kirche San Giovanni Evangelista sowie im Dom Santa Maria Assunta tausende Aufnahmen seiner Fresken gemacht und diese digital zusammengesetzt. Sie werden in die Kuppel projiziert.
Kurator Andreas Plackinger betont zum Schluss, wie bedeutsam die neue Schau in Dresden ist: Es wird die erste Correggio-Retrospektive außerhalb Italiens weltweit sein. „Wir können einen der begehrtesten Künstler in einer Dichte sehen, wie das wahrscheinlich in den nächsten 50 bis 60 Jahren so nicht mehr stattfinden wird.“
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