Klangexperiment

Dresdner Sinfoniker hatten einen Roboter als Dirigent – jetzt gibt es ein neues Experiment

Die Europasinfonie wird im Juni 2027 uraufgeführt. Sie vereint zehn Orchester und zwei Chöre aus zwölf Nationen. Dabei gibt es eine winzig kleine, aber entscheidende Herausforderung.

4 Min
Die drei Gewinner des Kompositionswettbewerbs für die Europasinfonie stehen fest. Ihre Verkündung wurde live in zahlreiche Länder des Kontinents übertragen.

Die drei Gewinner des Kompositionswettbewerbs für die Europasinfonie stehen fest. Ihre Verkündung wurde live in zahlreiche Länder des Kontinents übertragen.

© Ines Mallek-klein für die Ostdeutsche Allgemeine

Das Experiment könnte die Orchesterwelt revolutionieren. Bei der für Juni 2027 geplanten Europasinfonie werden zehn Orchester und zwei Chöre parallel auftreten. Das Besondere dabei: Sie agieren von zwölf verschiedenen Orten, verteilt in ganz Europa. Mehrere tausend Kilometer trennen die Musiker voneinander, die jeweils in ihren Instrumentengruppen auftreten werden.

Dirigiert wird dieses Konzert von der Dresdner Messehalle aus von dem musikalischen Leiter Andrea Molino. Hier werden 62 Streicher der Dresdner Sinfoniker den Ton angeben. Die elf verbleibenden Orchester und Chöre sollen zugeschaltet werden. Eine besondere Herausforderung sind die Tonverzögerungen bei der Übertragung. Diese Latenz liegt bei bis zu 50 Millisekunden. Eigentlich nur ein Wimpernschlag, der es aber unmöglich macht, über diese Entfernungen hinweg gemeinsam ein Werk von Beethoven oder Mozart zu inszenieren.

Die Europasinfonie braucht daher eigens komponierte Stücke und hat deshalb einen Wettbewerb unter Komponisten des gesamten Kontinents ausgerufen. Sie hatten von Mai bis Ende Juli dieses Jahres Zeit, ihre Arrangements einzureichen. 226 Bewerber waren es am Ende und 19 Stücke kamen in die Endrunde. Sie wurden zu Wochenbeginn von zwölf Jurymitgliedern begutachtet und am Ende gab es einen Gewinner und zwei Preisträger, die sich jeweils über 14.000 Euro Preisgeld freuen können.

Die gesamte Jury umfasste zwölf Musiker aus verschiedensten Ländern, fünf davon präsentierten die Sieger, darunter Markus Rindt (l.) als Intendant der Dresdner Sinfoniker.

Die gesamte Jury umfasste zwölf Musiker aus verschiedensten Ländern, fünf davon präsentierten die Sieger, darunter Markus Rindt (l.) als Intendant der Dresdner Sinfoniker.

© Ines Mallek-Klein für Ostdeutsche Allgemeine

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Sieger ist Damian Dziweńka aus Polen. Der 32-Jährige spielt Fagott und studiert im zweiten Jahr an der Karol-Lipiński-Musikakademie. Auch der zweite Preisträger kommt aus Polen. Andrzej Ojczenasz (34) ist Absolvent der Jagiellonen-Universität in Krakau, einer der ältesten Universitäten Europas. Der dritte Preis ging an Francesco Darmanin, der in Florenz Klarinette studiert hat.

Sie haben nun mehrere Monate Zeit, um ihre Stücke zu erweitern oder etwas völlig Neues auszuprobieren. Wie sich ein Orchester, dessen Musiker bis zu 3500 Kilometer voneinander entfernt sind, anhört, können die drei am 20. Oktober erleben. Dann ist ein erster Probetermin geplant und der wird in der Messe Dresden stattfinden. Hierher werden die Orchester aus den europäischen Städten zugeschaltet. Möglich macht das die tschechische Forschungseinrichtung CESNET aus Tschechien, die ein Hochleistungsnetzwerk mit Datenübertragungsraten von bis zu 400 Gbit/s pro Kanal erreicht.

Mit Robotern am Dirigentenpult

Das Herz der Europasinfonie schlägt in Dresden. Hier sind auch die Ideengeber Zuhause. Die Dresdner Sinfoniker, vor mehr als 25 Jahren gegründet, sind für ihre Freude am Experiment bekannt. Sie stellten schon mehrarmige Roboter an das Dirigentenpult, spielten beim Hochhauskonzert gemeinsam mit den Pet Shop Boys verteilt auf die Balkone der Stadt Dresden und inszenierten 2023 den ersten Long Distance Call.

Im Rahmen eines Festivals für immersive Künste verband das Orchester das Planetarium Bochum mit der Sternwarte Radebeul. Das Publikum erlebte an beiden Orten ein mediales Echtzeit-Konzert, bei dem Jazz-Musiker über hunderte Kilometer hinweg interaktiv im Duett zusammenspielten. Mit der Europasinfonie 2027 möchte man nun in eine neue Dimension vordringen.

Unterstützt wird das Projekt von der Europäischen Union. Sie finanzierte den offiziellen Projektstart als transnationales Kooperationsprojekt. Und auch die Stiftung Allianz Foundation fördert Europasinfonie als zentrales Kunst- und Gesellschaftsprojekt für den europäischen Kulturraum.

Zu erleben ist das Konzert im Juni 2027 in Dresden – hier sogar live mit den Streichern vor Ort. In allen anderen Städten sind kleine Satlittenevents geplant, bei denen der Stream des Konzerts erlebt werden kann. Für Markus Rindt, den Intendanten der Dresdner Sinfoniker, ist dieses Konzert der erste Schritt. Der zweite ist die Übernahme der Forschungsergebnisse in die Ausbildung der nächsten Musikergenerationen.

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