Energie

Droht Europa neuer Energieschock? Sefe und Uniper bestätigen LNG-Preisrisiko

Die EU steigt 2027 aus Russland-Gas aus. Nun warnt ein Energiehändler vor LNG-Preisschocks durch zu wenige Langfristverträge. Sefe und Uniper reagieren.

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LNG-Tanker „Ocean Oasis“ von Cosco Shipping am 8. April 2026 am LNG-Importterminal in Mukran auf Rügen

LNG-Tanker „Ocean Oasis“ von Cosco Shipping am 8. April 2026 am LNG-Importterminal in Mukran auf Rügen

© Joerg Boethling/imago

Europa könnte seine hohe Abhängigkeit von kurzfristigen LNG-Käufen schon im kommenden Winter teuer zu stehen kommen. Bleibt die Straße von Hormus bis zum Ende des Winters beeinträchtigt, hält der Chef des Schweizer Energiehändlers MET Group, Huibert Vigeveno, europäische Gaspreise von bis zu 100 Euro je Megawattstunde für möglich. Seine Diagnose: Europa hat zu wenig Flüssigerdgas über langfristige Verträge abgesichert.

„Ein großer Teil der langfristigen LNG-Lieferungen weltweit geht nach Asien, während Europa weiterhin stärker vom Spotmarkt abhängig ist – und man kann sich fragen, wie klug das ist“, sagte Vigeveno gegenüber Bloomberg. Mehr Langfristverträge hätten Europa demnach bereits beim diesjährigen Preisschock geholfen. Selbst wenn Hormus wieder vollständig öffnet, könne es mindestens drei Monate dauern, bis die Exporte wieder hochgefahren seien.

Europas Gaspreis auf Dreijahreshoch – plus 125 Prozent in einem Jahr

Vor allem in Deutschland will MET sein Geschäft nun ausbauen. Der Schweizer Energiehändler ist hier bereits im Gas- und LNG-Markt aktiv und will seine Präsenz in Deutschland und anderen Ländern Nordwesteuropas weiter vergrößern.

Schon heute liegt der Gaspreis an der europäischen Börse TTF etwa bei rund 72 Euro pro Megawattstunde: so hoch wie seit Anfang Januar 2023 nicht mehr. Vor rund einem Jahr lag er noch bei 32 Euro. Steigt der Preis weiter, dürfte die Gasrechnung auch für normale Verbraucher schließlich noch höher ausfallen.

Hormus ist zudem nicht das einzige Risiko für Europas Gasversorgung. 2027 endet auch der Bezug russischen Gases in der EU: Langfristige russische LNG-Lieferungen fallen aufgrund der Sanktionen ab Januar weg, spätestens zum 1. November auch das verbliebene Pipelinegas, das etwa über TurkStream nach Südosteuropa fließt. Deutschland selbst bezieht bereits seit 2022 kein russisches Pipelinegas mehr direkt und seit 2024 auch kein russisches LNG.

Nach Nord Stream: Warum Deutschland bei langen LNG-Verträgen zögerte

Nach dem russischen Lieferstopp über Nord Stream setzte die Ampelregierung zunächst vor allem auf Tempo: Unter Wirtschaftsminister Robert Habeck (Die Grünen) entstanden schwimmende LNG-Terminals in Rekordzeit.

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Bei sehr langen Lieferverträgen gab es dagegen einen Zielkonflikt: Deutschland brauchte Ersatz für russisches Gas, wollte sich mit Blick auf die Klimaneutralität 2045 aber nicht über Jahrzehnte an neue fossile Mengen binden.

Inzwischen sichern deutsche Importeure größere LNG-Mengen langfristig ab. Sefe mit Hauptsitz in Berlin, die frühere Gazprom Germania, teilt ausdrücklich die Einschätzung, dass Deutschland und Europa mehr langfristige LNG-Verträge benötigen.

Das Unternehmen habe sein Portfolio in den vergangenen Jahren vor allem durch solche Verträge diversifiziert. „Und wir werden dies auch weiterhin tun“, teilt Sprecher Christoph Gottstein der Berliner Zeitung mit.

Sefe sieht kein Mengenproblem, verweist jedoch auf Preisunterschiede je nach Vertragslaufzeit

Ein akutes Versorgungsproblem sieht Sefe daher nicht. „Aktuell gibt es kein Mengenproblem“, sagt Gottstein. Trotz höherer Preise sei auf dem globalen Markt weiterhin ausreichend LNG verfügbar. Dabei müsse allerdings zwischen kurzfristigen Spotpreisen und langfristig vereinbarten Vertragskonditionen unterschieden werden.

Gerade auf dem Spotmarkt entscheidet der Preis. LNG werde weltweit dorthin geliefert, „wo die Nachfrage und Zahlungsbereitschaft am größten sind“, erklärt Gottstein. Europa konkurriert damit bei kurzfristig benötigten Ladungen unmittelbar mit Käufern etwa aus Asien.

Sefe versucht, dieses Risiko durch eine breite Beschaffung zu begrenzen. Der staatseigene Konzern verfüge über mittel- und langfristige Verträge mit Lieferanten in Europa, Nord- und Südamerika sowie im Nahen Osten. Neue Partnerschaften habe er unter anderem mit Argentinien, Aserbaidschan, Kanada und Oman aufgebaut – nach eigenen Angaben teilweise als erstes deutsches Unternehmen überhaupt.

Langfristig bedeutet allerdings nicht automatisch günstig. Beim Kanada-Deal von Sefe hatten Experten gerade die hohen Beschaffungskosten kritisiert. „Kanadisches LNG wird für EU-Kunden zum teuersten LNG werden“, betonte Ana Maria Jaller-Makarewicz, Energieanalystin am US-Institut für Energiewirtschaft und Finanzanalyse, früher auf Anfrage.

Uniper: Langfristverträge schützen vor kurzfristigen Preissprüngen

Auch Uniper sieht Deutschland heute deutlich besser abgesichert als noch während der Energiekrise. Die Gasversorgung sei breiter diversifiziert, zusätzliche LNG-Importmöglichkeiten seien geschaffen und neue Lieferbeziehungen aufgebaut worden, teilt der Konzern der Berliner Zeitung mit. Langfristige Verträge seien dabei ein wichtiger Baustein: Sie sicherten Mengen und reduzierten die Abhängigkeit von kurzfristigen Marktbewegungen.

Zugleich verweist Uniper auf die Konkurrenz mit asiatischen Käufern. Geopolitische Spannungen oder Einschränkungen wichtiger Transportrouten könnten sich „auf die Preise und die Verfügbarkeit auswirken“. Uniper selbst spürt durch die aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten nach eigenen Angaben keinen direkten Mengeneffekt, weil der Konzern kein LNG aus der Golfregion bezieht. Steigende Weltmarktpreise können Europa dennoch treffen.

Nur zu 57 Prozent gefüllt: Deutschland diskutiert über neue Speicherpflicht

Gleichzeitig geht Deutschland mit einem ungewöhnlich kleinen Puffer in den Winter. Die deutschen Gasspeicher sind derzeit laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE/AGSI) nur zu rund 57 Prozent gefüllt – ein historisch niedriger Stand für diese Jahreszeit. Das Ziel zum 1. November liegt bei etwa 70 Prozent.

Die hohen kurzfristigen Gaspreise erschwerten im Sommer die Vorsorge: Einspeichern lohnte sich für Händler zeitweise wirtschaftlich kaum. Die Bundesregierung griff deshalb bereits mit Ausschreibungen ein, bei denen Händler dafür bezahlt werden, Gas für Engpasssituationen verfügbar zu halten. Zudem führte Berlin Gespräche mit den staatseigenen Konzernen Sefe und Uniper über zusätzliche Einspeicherungen.

Trotz Russland-Ausstieg: Sefe sieht Versorgung stabil

Für 2027 wird nun sogar über einen Systemwechsel diskutiert. Nach aktuellen Informationen könnten Versorger, Kraftwerksbetreiber oder Händler künftig verpflichtet werden, zu bestimmten Stichtagen Mindestmengen Gas vorzuhalten. Das Wirtschaftsministerium betont allerdings, konkrete Vorschläge gebe es bislang nicht.

Auch den vollständigen Ausstieg aus russischem Gas hält Sefe aus heutiger Sicht für abgesichert. Zusätzliche LNG-Mengen aus den USA und anderen Ländern könnten Engpässe im Nahen Osten ausgleichen. Der weltweite Ausbau der LNG-Produktions- und Exportkapazitäten dürfte nach Einschätzung des Unternehmens zugleich preisdämpfend wirken.

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