Erinnerungen werden wach: Wenn die Maibowle suppenkellenweise auf den Veloursteppich, statt ins Glas kleckert, und die liebevoll zubereiteten Käseigel und Mettplatten auf den Fliesenwohnzimmertischen der Republik drapiert werden, weil ein Pfarrer im Analogfernsehen von einer fanfarenhaften Hymne abmoderiert wird – dann ist es wieder soweit: Das Finale des Eurovision Song Contests (ESC) steht unmittelbar bevor. Weil die Pop-Oper-EDM-Ballade „Wasted love“ des österreichischen Countertenors JJ im letzten Jahr die meisten Punkte holte, findet der weltgrößte Liederwettbewerb am bevorstehenden Sonnabend in Wien statt.
35 überwiegend europäische Länder haben in diesem Jahr ihre Teilnahme am Eurovision Song Contest zugesagt - so wenige wie seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht. Spanien, die Niederlande, Irland, Slowenien und Island haben sich aus Protest gegen die Teilnahme Israels vom Wettbewerb zurückgezogen. Russland wurde bereits 2022 wegen des Angriffs auf die Ukraine aus der Europäischen Rundfunkunion EBU ausgeschlossen. Belarus wurde im Jahr zuvor wegen Verletzung der Medienfreiheit suspendiert. Die betont unpolitische Musikveranstaltung, deren Motto auch dieses Jahr wieder „United by music“ lautet, ist politischer denn je.
Laura Nahr aus Magdeburg will zum ESC: „Ost-West? Im Ausland ist Deutschland Deutschland“
ESC 2026: Israel darf antreten – erste Länder kündigen Boykott an
Neben dem finnischen Beitrag „Liekinheitin“ (deutsch: „Flammenwerfer“), der unter Buchmachern als haushoher Favorit gehandelt wird, gleicht die – durchaus eingängige, aber ansonsten in jeder Hinsicht durchschnittliche – Pop-Nummer „Fire“, mit der Deutschland antritt, eher einem schwach glimmenden Streichholz. Aber sei's drum. Der diesjährige ESC-Beitrag wird wohl zumindest nicht mit einer durch und durch deutschen Tradition brechen: einer Platzierung im unteren Drittel des Teilnehmerfeldes. Und auch seine Interpretin reiht sich ganz in deutsche ESC-Konventionen ein: Sarah Engels ist Westdeutsche.
Acht Ostdeutsche in 70 Jahren
Nur acht Personen, die als Interpreten Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten haben, stammen aus Ostdeutschland. In Anbetracht von mehr als 40 Jahren deutscher Teilung ist das erstmal nicht besonders ungewöhnlich: Während die Bundesrepublik als einziges Land an jeder der 69 Austragungen des Eurovision Song Contest teilgenommen hat, bleibt die DDR – wie alle anderen Länder des Warschauer Pakts – dem Wettbewerb fern. Zwischen 1977 und 1980 nimmt sie immerhin an dem wesentlich weniger bekannten sozialistischen Pendant, dem Intervision Song Contest, teil.
Lugano, 1956: Walter Andreas Schwarz
Der erste ESC-Sieger hätte ein Ostdeutscher sein können. Zum „Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea“, wie der im schweizerischen Lugano ausgetragene Wettbewerb damals offiziell heißt, darf jedes der sieben teilnehmenden Länder zwei Lieder darbieten. Die Bundesrepublik Deutschland schickt den Österreicher Freddy Quinn und Walter Andreas Schwarz, der aus Aschersleben im heutigen Sachsen-Anhalt stammt. Unpolitisch ist der Schlagerwettbewerb schon bei seiner ersten Austragung nicht. Nur wenige Jahre nach dem Holocaust und den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs ist es ein politischer Akt, Musiker aus sieben verschiedenen Ländern auf eine Bühne zu stellen, auf der sie für ein europäisches Publikum in ihren Landessprachen singen.
Schwarz, selbst Überlebender der Konzentrationslager der Nazis, mahnt in seinem Lied „Im Wartesaal zum großen Glück“ dazu, die gegenwärtigen Freuden des Lebens zu schätzen, anstatt das eigene Glück auf einen zukünftigen Moment zu verschieben, der womöglich nie kommen wird.
Zwar werden weder die Bewertungen der Jurys noch die Platzierungen aller Lieder, die am ersten Song Contest teilgenommen haben, je offiziell bekanntgegeben. Es gibt aber das Gerücht, dass der deutsche Beitrag von Walter Andreas Schwarz den zweiten Platz belegt habe – und nur nicht gewonnen habe, weil sich Luxemburg als einziges Teilnehmerland keine eigene Jury leistete und die Schweizer Jury an seiner Stelle hat abstimmen lassen. Am Ende holt die Schweizerin Lys Assia mit ihrem Chanson „Refrain“ den ersten Titel und geht in die Geschichtsbücher ein.
Während Freddy Quinn als größter Schlagerstar im deutschsprachigen Raum im Laufe seiner Karriere rund 60 Millionen Tonträger verkauft, gerät Walter Andreas Schwarz nach seinem Auftritt als Musiker weitgehend in Vergessenheit. Er stirbt 1992 in Heidelberg.
Cannes, 1959: Die Kessler-Zwillinge
Die vierte Ausgabe des Schlagerwettbewerbs findet im französischen Cannes statt, nachdem der Franzose André Claveau im Jahr zuvor gewonnen und es sich eingebürgert hat, dass das Austragungsrecht des „Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne“ auf den Sieger des Vorjahres übergeht.
Für die Bundesrepublik Deutschland gehen die damals 23-jährigen Zwillingsschwestern Alice und Ellen Kessler an den Start, die gebürtig aus dem sächsischen Nerchau kommen und in Taucha aufgewachsen sind. Vier Jahre vor ihrem Auftritt beim Grand Prix siedeln sie aus der DDR über, als sie ihren Vater in Düsseldorf besuchen.
Die Kessler-Zwillinge Alice und Ellen im Jahr 2004: Beim Grand Prix erreichen sie den achten Platz.
© Jörg Carstensen/dpa
Zum Zeitpunkt des Eurovision Song Contest haben sich die Kessler-Zwillinge bereits einen Namen als Sängerinnen, Tänzerinnen und Schauspielerinnen gemacht. 1962 wandern sie nach Italien aus, ziehen aber Ende der Achtziger Jahre gemeinsam in das Haus ihrer Mutter im bayerischen Grünwald. Dort sterben die Zwillingsschwestern im November 2025 durch assistierten Suizid.
An dem Grand Prix 1959 nehmen elf Länder teil - ein Teilnehmerrekord. Die Kessler-Zwillinge erreichen mit ihrem Lied „Heute Abend wollen wir tanzen geh’n“ den achten Platz.
Luxemburg, 1962: Cornelia Froboess
Drei Jahre später findet der Grand Prix in Luxemburg statt. Für Deutschland nimmt die Berlinerin Conny Froboess mit dem Schlager „Zwei kleine Italiener“ teil. Obwohl das Lied beim Wettbewerb selbst in einem Teilnehmerfeld von 16 Ländern nur den sechsten Platz belegt, avanciert es europaweit zu einem kommerziellen Erfolg. „Zwei kleine Italiener“ gilt als erster Schlager, der das Thema der Gastarbeiter in der Bundesrepublik aufgreift.
Conny Froboess wird im brandenburgischen Wriezen geboren, wohin ihre Mutter während des Bombenkriegs aus Berlin evakuiert wurde. Mit dem Schlager „Pack die Badehose ein“ wird sie schon als Siebenjährige im Nachkriegsdeutschland als Kinderstar und stereotypische Berliner Göre bekannt. Ihre Musikkarriere beendet sie zu Beginn der Siebziger Jahre zugunsten eines festen Engagements als Schauspielerin bei den Münchner Kammerspielen. Froboess lebt heute im Münchner Umland.
Jerusalem, 1979: Wolfgang Heichel (Dschinghis Khan)
Auch einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Beiträge beim Eurovision Song Contest, „Dschinghis Khan“, kommt nicht ohne ostdeutsche Beteiligung aus: Wolfgang Heichel – einer der Sänger der gleichnamigen sechsköpfigen Gruppe – ist in Meißen geboren, zieht aber als Kind mit seiner Familie nach Berlin. Beim Eurovision Song Contest in Jerusalem belegt er als Teil der Gruppe Dschinghis Khan den vierten Platz und erobert im Anschluss Platz 1 der israelischen Charts.
Im Jahr 2018 wird Heichel vom damaligen Außenminister der Mongolei, Damdiny Tsogtbaatar, zum Kulturbotschafter der Mongolei ernannt. Im selben Jahr verleiht ihm der mongolische Staatspräsident Chaltmaagiin Battulga in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar die Freundschaftsmedaille, die höchste Auszeichnung des Landes, und er wird zum Ehrenbürger von Khentii, der Geburtsregion des historischen Dschingis Khan, ernannt. Vor wenigen Monaten starb Wolfgang Heichel in seinem Zuhause am Bodensee.
Der Schlagerproduzent Ralph Siegel stellt Dschinghis Khan eigens für den Wettbewerb in Jerusalem zusammen – doch die Musikgruppe ist alles andere als eine Eintagsfliege: „Dschinghis Khan“ und später „Moskau“ werden zu großen Erfolgen in ganz Europa und gehören noch heute zu den bekanntesten deutschsprachigen Schlagern überhaupt.
Rom, 1991: Jutta Niedhardt (Atlantis 2000)
Ein vergleichbarer Erfolg ist einer weiteren Retortenband, die im ersten Jahr nach der Wiedervereinigung am Eurovision Song Contest in Rom teilnimmt, nicht vergönnt: Atlantis 2000 belegt mit „Dieser Traum darf niemals sterben“ den 18. Platz bei 22 teilnehmenden Ländern. Die Gruppe löst sich kurz nach ihrem Auftritt beim ESC wieder auf und erntet den Spott der Republik für ihr enttäuschendes Ergebnis. Schon bei der deutschen Vorentscheidung im Berliner Friedrichstadtpalast quittieren die Zuschauer den Beitrag mit Buh-Rufen.
Sarah Engels hadert vor ESC-Auftritt mit Pessimismus: Ist das Negative wirklich typisch deutsch?
Oliver Pocher lästert über deutschen ESC-Beitrag: „Hab ich die Nummer nicht schon mal gesehen?“
Immerhin ist Atlantis 2000 ein deutsch-deutscher Misserfolg: Zum einen kommt die Sängerin Jutta Niedhardt aus Harzgerode in Sachsen-Anhalt. Außerdem sind die federführenden Sendeanstalten der West-Berliner Sender Freies Berlin (SFB) und der Deutsche Fernsehfunk (DFF), das Staatsfernsehen der DDR. Beide gehen nach dem Eurovision Song Contest 1991 in den neuen Rundfunkanstalten Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB) – später Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) – auf. Mecklenburg-Vorpommern tritt dem NDR bei.
Dublin, 1994: Katy Karney (Mekado)
Für eine erfolgreichere deutsch-deutsche Kooperation sorgt erst wieder der westdeutsche Ralph Siegel: Beim Eurovision Song Contest 1994 in Dublin erklimmt das Trio Mekado, bestehend aus Melanie Bender, Kati Karney und Dorkas Kiefer, mit ihrer Popnummer „Wir geben 'ne Party“ das Siegertreppchen. 128 Punkte (darunter zwei Höchstwertungen aus Rumänien und Ungarn) reichen für Platz 3. Kati Karney, die gebürtig aus Frankfurt (Oder) stammt, ist damit bis heute die bestplatzierte ostdeutsche Interpretin beim Eurovision Song Contest.
Nach Lebenszeichen von Lena Meyer-Landrut: „Weiß jemand, warum sie keine Musik mehr macht?“
Berlin ist der heimliche Sieger: Warum ESC-Gewinner Nemo lieber in Berlin als in Zürich lebt
Höhere Platzierungen erreichten nur die beiden westdeutschen ESC-Gewinnerinnen Nicole und Lena, sowie Katja Ebstein, Lena Valaitis und die Gruppe Wind, die jeweils zweite Plätze belegen.
Kopenhagen, 2014: Yvonne Grünwald (Elaiza)
Zum vorerst letzten Mal kommt es beim Eurovision Song Contest 2014 in Kopenhagen zu einem Auftritt mit ostdeutscher Beteiligung: Das Trio Elaiza um Frontfrau Elżbieta Steinmetz vertritt Deutschland mit dem Folk-Pop-Song „Is it right“ und erreicht einen respektablen 18. Platz – ein Ergebnis, das in den 11 Jahren seitdem nur noch dreimal übertroffen wird. Die Gruppe hat sich zuvor in Clubkonzerten eine Wildcard für den deutschen Vorentscheid erkämpft und dort überraschend etablierte westdeutsche Musikgrößen wie Unheilig und Santiano hinter sich gelassen.
Ein nicht unwesentlicher Anteil des Charmes von „Is it right“ ist dem Akkordeonspiel der gebürtigen Salzwedelerin Yvonne Grünwald zu verdanken - denn gerade auf einen hohen musikalischen Wiedererkennungswert kommt es beim Eurovision Song Contest an. Immer wieder schneiden dort kulturell unverwechselbare, landestypische Kompositionen erfolgreicher ab, als die immergleichen, radiofreundlichen Pop-Hymnen.
Das vielbeschworene „Europa der Regionen“ ist nirgendwo sonst so greifbar wie am Finalabend des ESC. Diese Idee verkörpern in diesem Jahr der komplett in Landessprache gesungene finnische Beitrag „Liekinheitin“ und das sehr slawisch klingende, chorale „Andromeda“ der kroatischen Ethno-Pop-Band Lelek, aber auch der ukrainische Gewinnersong „Stefania“ von Kalush Orchestra im Jahr 2022. Auch Ostdeutschland hat das Potenzial, Beiträge mit starker regionaler musikalischer Identität zum ESC zu schicken – wenn der inzwischen federführende Südwestdeutsche Rundfunk es erkennen würde. Aber in diesem Jahr wird es erstmal die Kölnerin Sarah Engels richten müssen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]