Nach der Logik der Jahrestage müssten wir noch drei Jahre warten, bis wir wieder einmal öffentlich darüber reflektieren können, was uns 1989/90 bewegt hat und was daraus geworden ist. Weil aber niemand weiß, ob der Berliner Republik, die ihre Existenz auf den Herbst 89 stützt, zu ihrem 40. Jahrestag nicht Ähnliches widerfährt, wie der DDR zu dem ihrigen, sei mir hier ein vorgezogenes Nachdenken zum ungeraden Jahrestag zugestanden.
Damals hatten wir nicht erwartet, dass wir uns eines Tages in Verhältnissen wiederfinden, in denen nur eine Meinung als richtig und zulässig gilt. Nie wieder wollten wir von einer „Elite“ beherrscht werden, die sich anmaßt, darüber zu bestimmen, was als öffentliche Meinung gelten darf und was nicht.
Und das ist keine rein westliche Strömung: Auch im Osten hat sich – auf den Spuren von Joachim Gauck und Angela Merkel – eine eitle Zunft formiert, die uns über „Aufarbeitung“ und „Demokratiepädagogik“ mit den westlichen Werten vertraut macht, um uns aus unserem „Demokratiedefizit“ herauszuhelfen. Diejenigen, die ihr Expertenwissen über die Topographie des Gesinnungskorridors gern in erzieherischer Weise unters Volk bringen, sehen den Herbst 89 als ihren Gründungsmythos – den sie nicht mit anderen teilen mögen.
Schon seit Jahren ist spürbar, dass die offizielle Erinnerung an die Wendezeit nicht mit den Menschen gestaltet wird, die die Träger der Ereignisse waren, sondern eher neben ihnen oder gar gegen sie. Das beginnt schon mit dem Namen für das Ereignis selbst: Wir sollen nicht mehr „Wende“ sagen, sondern „Friedliche Revolution“.
Die Sprache des Volkes lässt sich aber nicht dekretieren. Die Allianz der politisch Korrekten kann das Wort Wende noch so lange unterdrücken: abends um elf in der Gastwirtschaft wird niemand sagen „vor der friedlichen Revolution“ und „nach der friedlichen Revolution“. Die Menschen, die diese Revolution getragen haben, werden ihr Leben lang die Zeit einteilen in „vor der Wende“ und „nach der Wende“. Wer ein anderes Ziel verfolgt, sollte sich fragen, ob der Herbst 89 für Freiheit oder für Volkserziehung und Indoktrination steht.
Vielleicht ist das damalige Geschehen tatsächlich besser als Wende beschrieben. Eine Wende, die sich aus unzähligen individuellen Umkehrprozessen ergibt, die braucht keine Revolutionsführer.
So wichtig die Rolle der Oppositionellen bei der Anbahnung der Massenproteste und vor allem für deren gewaltfreien Verlauf war: Der entscheidende Träger der revolutionären Ereignisse war die vorher angepasste Mehrheit, die nun ihre Angst verloren hatte.
Wir dürfen nicht vergessen, wovon sich die Menschen damals befreien wollten. Das, was bei der DDR-Bevölkerung einen so großen Überdruss erzeugt hatte, war der allgegenwärtige Anpassungsdruck; die subtile Nötigung zu äußerlicher Anpassung bis hin zur handfesten Verstrickung in das System.
Oft hatte man nicht nur abzuwägen, was man selbst auf sich nimmt, sondern auch, welches Risiko man seinen Angehörigen auferlegt. Wer sich der Anpassung verweigerte, musste damit rechnen, dass seine Kinder nicht studieren durften oder seine Eltern keinen Reisepass bekamen. Die überwiegende Mehrheit der Ostdeutschen wollte so nicht mehr leben.
Für ganz viele war die Wende ein Bruch mit dem eigenen Mitläufer-Verhalten. Sie war eine individuelle Umkehr, die deswegen als befreiend erlebt wurde, weil man sich plötzlich als Teil eines kollektiven Umkehrprozesses wiederfand. So wird die 89er-Wende als ein millionenfacher Vollzug individueller Umkehr verstehbar. Eine Erinnerung an die Wendezeit muss diese Umkehr der Mehrheit wertschätzen.
Mit Großdemonstrationen, Stasi-Besetzungen und Runden Tischen haben Menschen aus allen Teilen der DDR in wenigen Monaten die Politbürokratie des SED-Staates überwunden. Auch die Zusammenhänge mit der Perestroika-Politik Gorbatschows, den Freiheitsrevolutionen im östlichen Europa und die vielfältige Unterstützung aus dem Westen sollten in die Erinnerung einfließen.
Ihr identitätsstiftendes Potenzial wird die Geschichte vom Herbst 1989 jedoch nicht entfalten, solange wir uns auf kein gemeinsames historisches Datum als „Erinnerungsort“ für unsere Selbstbefreiung verständigen.
Ergreifend sind die Bilder vom Mauerfall am 9. November 1989, als die Menschen auf den Straßen tanzten. Dennoch war das wirklich bedeutsame Geschichtsdatum der Wendezeit ein anderes: Es war der 9. Oktober von Leipzig. Die dortige Großdemonstration war der Durchbruch zur ostdeutschen Selbstbefreiung. Vorbereitet durch die Ereignisse der Vortage in Plauen und Dresden kam es in Leipzig zu einer Entscheidung für das ganze Land.
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Am 9. Oktober 1989 war in Leipzig eine Bürgerkriegsarmee aus Kampfgruppen, Bereitschaftspolizei und Stasi zusammengezogen. Panzer standen am Stadtrand, alles war vorbereitet für eine gewaltsame Niederschlagung der Proteste. Mit den von Woche zu Woche anschwellenden Montagsdemonstrationen sollte Schluss gemacht werden – und zwar „mit der Waffe in der Hand!“ So stand es wenige Tage vorher in der Leipziger SED-Zeitung.
Trotz der offenkundigen Lebensgefahr kamen über 70.000 Menschen in die Leipziger Innenstadt. Es kam zur mit Abstand größten Demonstration, die die DDR seit dem Juniaufstand von 1953 gesehen hatte. „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“ waren die prägenden Rufe der Demonstranten.
Das „Wunder von Leipzig“ geschah: Die machtvolle Demonstration zog über den Leipziger Ring, ohne dass die bereitstehenden Einsatzkräfte einschritten. Die unerwartet hohe Zahl der Demonstranten zwang den SED-Staates zum Rückzug. Aber auch Aufrufe zur Gewaltfreiheit auf beiden Seiten spielten eine wichtige Rolle.
Der 9. Oktober 1989 war der entscheidende Wendepunkt: Nach dem 9. Oktober konnten sich in der Hoffnung auf einen gewaltfreien Verlauf regelmäßige Demonstrationen auf das ganze Land ausdehnen. Es waren insbesondere die Wochen vor dem Mauerfall, die bei einer Mehrheit der Ostdeutschen mit der Erfahrung verbunden sind, Freiheit und Demokratie selbst errungen zu haben.
Da die Freiheit eine Voraussetzung für die Einheit war, markiert nicht der Mauerfall am 9. November, sondern der Leipziger 9. Oktober die historische Zeitenwende: Das Ende des Kalten Krieges, das Ende des Sowjetkommunismus und das Ende der deutschen wie der europäischen Teilung – ebenso wie die Hoffnung auf eine freie und demokratische Entwicklung in Europa.
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Der 9. Oktober 1989 war ein Ereignis, mit dem sich alle, denen diese Werte etwas bedeuten, identifizieren können. Es war denkbar knapp, aber es fiel kein Schuss an jenem Tage. Der 9. Oktober ist kein Tag zum Gedenken, sondern ein Tag zum Feiern! Warum ist er eigentlich nicht zu unserem Nationalfeiertag geworden? Zu einem Feiertag, der eine Geschichte hat, die die Menschen selbst geschrieben haben?
Dass der 9. Oktober nicht zum deutschen Nationalfeiertag wurde, lag nicht an einer Ignoranz des Westens, sondern an kleinlicher Verzagtheit auf östlicher Seite. Reinhard Höppner, der damalige Vizepräsident der DDR-Volkskammer, hat mir diese Geschichte einmal erzählt:
Die Terminplanung zum Festakt für die Wiederherstellung der deutschen Einheit im Herbst 1990 lief über sein Büro. Der 9. Oktober stand als Vorschlag im Raum. Doch die Ostdeutschen begegneten dem mit der bangen Frage, wie man denn den 41. Jahrestag der DDR begehen solle, der am 7. Oktober 1990 anstand. Also verständigte man sich auf einen Termin vor dem 7. Oktober: auf den 3. Oktober. Das war sehr kurzfristig gedacht – und ist aus heutiger Sicht sehr bedauerlich!
Bürgerrechtler beim Friedensgebet am 9. Oktober 1989 in der Nikolaikirche in Leipzig.
© Waltraud Grubitzsch
Eine der eindrucksvollsten Erinnerungen an den 9. Oktober 1989 von Leipzig ist der Essay „Als wir nicht erschossen wurden“ von Jörg Bernig, der 2019 bei Cicero erschienen ist. Der Schriftsteller Bernig war ein Teilnehmer dieser Demonstration. Er beschreibt, wie es sich anfühlte, „in die Mündungen von Turmgeschützen gepanzerter Fahrzeuge geschaut“ zu haben.
Und Bernig resümiert: „In den Stunden danach dämmerte uns, dass wir das Schlimmste vielleicht überstanden hatten. Überstanden die offenen und die versteckten Drohungen, die Einschüchterungen, die Anfeindungen, die Verleumdungen, die Lügen und auch die Denunziationen. Wir glaubten, wir hätten das hinter uns gelassen mit jenem großen Leipziger Schritt ins Freie am 9. Oktober 1989 – dem Tag, an dem wir nicht erschossen wurden.“
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In Leipzig gibt es die gute Tradition, jährlich an den 9. Oktober 1989 zu erinnern. Unter anderem mit einer „Rede zur Demokratie“ in der Nikolaikirche. Eigentlich wäre Jörg Bernig prädestiniert, zu einer solchen Rede eingeladen zu werden. Vielleicht gerade deswegen, weil er zu jener wachsenden Minderheit gehört, die all dies auch heute wieder erfahren muss: „die offenen und die versteckten Drohungen, die Einschüchterungen, die Anfeindungen, die Verleumdungen, die Lügen und auch die Denunziationen“.
Aber die Leipziger Veranstalter pflegen eine andere „Erinnerungskultur“: Sie beziehen sich auf den Bürgermut und die Zivilcourage der unangepassten Widerständler von 1989, zu denen auch einige von ihnen gehörten. Inzwischen aber verkörpern sie eine ängstliche Anpassung an die heute herrschende Klasse, die Pluralität und Meinungsfreiheit bestenfalls aus Sonntagsreden kennt.
Sie sprechen von „Courage“ und grenzen couragierte Stimmen der Gegenwart aus. Den Wende-Slogan der Nikolaikirche, „Offen für alle“, der vorbehaltlos alle Menschen unabhängig von ihrer politischen Einstellung in die Kirche einlud, übersetzen sie als einen Aufruf zu „Anti-Rassismus“.
Und die Rede zur Demokratie wird in diesem Jahr eine deutsch-amerikanische Politologin halten, die als „eine der profiliertesten Transatlantischen Stimmen der Gegenwart“ gilt – und uns unter dem „nuklearen Rettungsschirm“ der USA sehen möchte. Das „neue Denken“, mit dem wir uns 1989 auf den Weg begaben, hatte unsere Blicke in eine andere Richtung geöffnet.
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