Filmlegenden

„Das Jüdische aus dem Gesicht nehmen“: Dustin Hoffman rechnet mit Regisseur Nichols ab

27 Ohrfeigen, ein geplatztes Trommelfell, ein launischer Regisseur: Hoffman über den Dreh der „Reifeprüfung“ und darüber, was mit der Szene geschah.

4 Min
„Die Reifeprüfung“ (USA 1967) Szene mit Dustin Hoffman und Anne Bancroft als Benjamin Braddock und Mrs. Robinson

„Die Reifeprüfung“ (USA 1967) Szene mit Dustin Hoffman und Anne Bancroft als Benjamin Braddock und Mrs. Robinson

© Imago

Fast 60 Jahre nach dem Kinostart von „Die Reifeprüfung“ blickt Dustin Hoffman im Zorn zurück. In einem Essay im New Yorker, der am Wochenende erschien, beschreibt der 89-Jährige die Dreharbeiten als „eine schreckliche Erfahrung“. Der Text stammt aus seinen Memoiren „Look at Me“.

Hoffman wollte die Rolle nie

Hoffman war damals ein aufstrebender Theaterschauspieler und wollte nicht einmal vorsprechen. Die Figur des Benjamin Braddock war für ihn der „ultimative Wasp“, ein wohlhabender, sportlicher Kalifornier. Er, der jüdische Schauspieler aus der New Yorker Theaterszene, sei dafür völlig falsch.

Beim Make-up: „Was machen wir mit der Nase?“

Schon beim Probe-Make-up wuchs Hoffmans Unbehagen. Der Regisseur Mike Nichols ließ die Augenbrauen zupfen, fand den Hals zu dick und fragte die Maskenbildner schließlich, was man mit der Nase machen könne. Hoffman dachte, man wolle ihm „das Jüdische aus dem Gesicht nehmen“.

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27 Takes für eine Ohrfeige

Am Set sei Nichols ein anderer Mensch gewesen als bei den Proben, schreibt Hoffman. Gereizt gegenüber allen, aber ihm gegenüber habe sich „ein gewisser Sadismus“ eingeschlichen.

Besonders hart traf es ihn bei der Szene, in der Katharine Ross ihn ohrfeigen musste. Nichols ließ sie 27-mal drehen und forderte immer wieder, sie solle fester zuschlagen. Hoffman bat nur darum, sein Ohr zu verschonen. Ein paar Mal traf sie es trotzdem. Am Abend war ihm schwindelig. Die Ohrfeige, so Hoffman, habe Nichols nicht einmal im Film verwendet.

Geplatztes Trommelfell, Ohnmacht in der Hitze

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Am nächsten Tag drehte Hoffman im Taucheranzug im Pool. Nach einigen Takes tropfte Blut aus seinem Ohr. Die Schläge vom Vortag und der Wasserdruck hatten das Trommelfell verletzt.

Bei Hitze im kalifornischen La Verne wurde Anne Bancroft ohnmächtig und musste mit Sauerstoff wiederbelebt werden. Hoffman musste die Szene, in der Ben zur Kirche rennt, so oft wiederholen, bis er glaubte, das Bewusstsein zu verlieren.

Nichols’ Selbsthass? Hoffmans Deutung

Hoffman glaubt, dass Nichols selbst eine andere Erklärung für sein Verhalten fand. Nichols, der als siebenjähriger Junge aus Deutschland in die USA floh, habe später gesagt: „Mein Unbewusstes hat diesen Film gemacht.“ Der in Berlin geborene Regisseur habe sich selbst ein Leben lang hässlich gefühlt und in Ben ein Alter Ego gesucht. Deshalb habe die Besetzung Jahre gedauert, und vielleicht sei er deshalb so hart zu ihm gewesen. „Ich war ein Stellvertreter, der Mikes eigenen Selbsthass aufnehmen sollte“, schreibt Hoffman.

Der Film wurde ein Welterfolg und erhielt sieben Oscar-Nominierungen. Nichols gewann den Regie-Oscar und starb 2014. Hoffmans Schilderungen sind seine Sicht der Dinge.

Auch Hoffman selbst stand in der Kritik

Hoffman sah sich 2017 selbst mehreren Vorwürfen sexueller Belästigung ausgesetzt. Die Autorin Anna Graham Hunter berichtete, er habe sie 1985 als 17-jährige Praktikantin am Set des Fernsehfilms „Tod eines Handlungsreisenden“ belästigt. Die Schauspielerin Kathryn Rossetter warf ihm vor, sie am Broadway wiederholt begrabscht zu haben. Hoffman entschuldigte sich bei Hunter und sagte, das spiegle nicht wider, wer er sei. Sein Anwalt wies die Vorwürfe weiterer Frauen als „verleumderische Unwahrheiten“ zurück.

Auch zur „Reifeprüfung“ selbst gibt es eine Anekdote. Laut einem Daily-Mail-Bericht von 2017 kniff Hoffman Katharine Ross beim Screentest in den Po. Sie habe ihn angeschrien, das nie wieder zu tun. In seinem Essay erwähnt Hoffman den Vorfall nicht.

Memoiren erscheinen am 10. und 11. November

„Look at Me“ erscheint am 10. November auf Englisch. Die deutsche Ausgabe veröffentlicht Goldmann einen Tag später.

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