Wer auf der A19 Richtung Ostsee fährt, dem wird schon weit vor Rostock klar gemacht, wer Mecklenburg-Vorpommern regiert. An einer Autobahnbrücke prangt ein übergroßes Graffiti, das stolz verkündet: „Hansa Rostock – egal welche Liga“. Der Verein ist omnipräsent in der Region.
Obwohl die 1. Herrenmannschaft nur in der dritten Liga spielt, fiebern mehrere Hunderttausend Fans jedes Wochenende mit, ob im Ostseestadion oder vor den Bildschirmen. Die tiefe Verbundenheit mit dem FC, der Ende letzten Jahres 60 Jahre alt geworden ist, zeigt sich auch in den Zahlen. Mit 30.105 Mitgliedern im November 2025 ist Hansa nach wie vor der größte Verein in Mecklenburg-Vorpommern.
Aber wie kam es dazu, dass dieser Verein eine solche Sogwirkung entwickelt hat, auch über die Region hinaus?
Die Partei, die Partei, die hat im Fußball recht
Nach dem Abstieg von Motor Wismar in der Saison 1951/52 gab es nördlich von Berlin keinen einzigen Fußballverein mehr, der in der höchsten Liga der DDR, der Oberliga, spielte, in der hauptsächlich sächsische Mannschaften vertreten waren.
Um die Oberliga-Konkurrenz in der DDR besser zu verteilen, schlug die Rostocker SED-Bezirksleitung vor, die Mannschaft der SG Empor aus dem Erzgebirge noch in der laufenden Saison 1954/55 in die Hansestadt zu verlegen.
Das Ostseestadion in Rostock: Der Verein war noch nicht gegründet und das Stadion noch nicht fertig gebaut, da strömten die Fans schon herein.
© Fotostand/Voelker/imago
So reagierten die Fans auf die neue Mannschaft
Das erste Spiel des neuen Empor Rostock fand am 14. November 1954 im noch unvollendeten Ostseestadion statt. Vor 17.000 Zuschauern empfingen die Empor-Kicker das Team von Chemie Karl-Marx-Stadt, von dem sie sich torlos trennten. Eine erstaunliche Zuschauerzahl für ein Spiel einer Mannschaft, die gerade erst angekommen war und aus Sicht der Fans noch keine Fußballseele besaß. Diese Zahl bewies aber den Hunger nach Fußball in der Region.
Die neue Empor-Mannschaft engagierte schnell auch regionale Talente und spielte anfangs erfolgreich in der Oberliga, sodass das Interesse an ihr weiter stieg. Auch weil es in der nördlichen DDR nach wie vor an Konkurrenz fehlte, kamen die Zuschauer nicht nur aus dem Rostocker Raum, sondern aus dem ganzen Norden der DDR, der Fanradius vergrößerte sich immens und erste Fangruppen bildeten sich.
Die Lebensdauer der Fußballsparte von Empor Rostock war jedoch nur kurz. Um ein neues Leistungszentrum speziell für den Fußball im Norden zu etablieren, gliederte die Sportführung der DDR die Sparte aus und gründete Ende 1965 den FC Hansa Rostock. Dieses Sportzentrum war eins von mehreren in der jungen DDR. Die SED sah für diese Zentren eine Sonderstellung im Leistungssport vor, mit dem Ziel, spielstarke Mannschaften für eine Fußball-Liga, auch als Pendant zur Bundesliga der BRD, zu formen. Genau sechs Tage vor der Vereinsgründung des FC Hansa wurde daher der 1. FC Magdeburg als erster Fußballklub in der DDR gegründet. Im Januar 1966 folgten weitere Vereine in Berlin, Chemnitz, Erfurt, Halle und Leipzig.
Hansaflagge mit der Kogge: Seit 1965 ist es das Symbol des Vereins.
© Andy Buenning/imago
„Fahrstuhlmannschaft“ schart ihre Fans um sich
Hansa konnte in den folgenden Jahrzehnten vielen Oberliga-Gegnern nicht das Wasser reichen. Folglich stieg der FC zweimal in die zweitklassige DDR-Liga ab und wurde aufgrund des wiederholten Auf- und Abstiegs als „Fahrstuhlmannschaft“ tituliert. Der Verein kämpfte sich aber stets mit großer Leidenschaft zurück. Die „Kogge“ – Hansas Spitzname und Wappensymbol seit 1965 – war unsinkbar. Dieser Kampfgeist auf dem Rasen begeisterte die Zuschauer. Fortan wuchs die Anhängerschaft von Hansa in den folgenden Jahren trotz des ständigen Auf und Ab weiter.
In den letzten Jahren der DDR skandierten Fangruppen im Ostseestadion zudem regimekritische Parolen und begehrten mit Sprechchören, Bannern und provokantem Auftreten gegen die Parteiführung der SED auf. Die Staatssicherheit reagierte darauf, indem sie Fans als inoffizielle Mitarbeiter anwarb und Fanklubs gezielt mit Stasi-Agenten infiltrierte. Wer von ihnen denunziert wurde, musste mit Verhören oder sogar Haft rechnen; einige wurden zudem nach Westdeutschland abgeschoben.
Anhänger von Hansa Rostock im Jahr 2009 mit einem Transparent gegen die Stasi-Vergangenheit: Die Fans stemmten sich auch nach der Wende gegen die Stasi.
© imago sportfotodienst
Mit der Wende kam der größte Erfolg
In der Zeit kurz nach der Wende feierte Hansa in der Saison 1990/91 die größten Vereinserfolge. So gewann der FC die letzte NOFV-Oberliga-Meisterschaft. Und im Jahr 1991 errang Hansa den NOFV-Pokal (zuvor FDGB-Pokal), der ebenfalls zum letzten Mal ausgespielt wurde.
Daran erinnert sich auch Rostocks aktueller Sportsenator Steffen Bockhahn, der in den 1980er-Jahren sein Fußballherz an Hansa verloren hat: „Hansa hat bezogen auf die Wirtschaftlichkeit nach der Wende vieles richtig gemacht. Es gab keinen Zusammenbruch wie bei anderen Ostmannschaften, bei denen die besten Spieler weggekauft wurden. Hier gab es nichts zu holen. Und dann kam sofort der Erfolg.“
Hansa war am Wochenende für viele 120 Minuten Kopf aus, in denen man die Alltagssorgen vergaß.
Sportsenator Steffen Bockhahn
Doch die Fans begeisterte Hansas Meistertitel in der sterbenden Oberliga eher weniger. Die NOFV-Oberliga, aus der viele ostdeutsche Fußballstars von westdeutschen Vereinen abgeworben wurden, galt für die Zuschauer als unattraktiv. Sie liebäugelten eher mit der Bundesliga. Der Lübecker Soziologe Alexander Leistner erklärt in einem Beitrag des NDR das Ausbleiben der Fans: „Der ostdeutsche Fußball hatte auf den ersten Blick eine ähnliche Entwicklung gehabt wie die Gesellschaft. Es passierte ein Zusammenbruch.“
Anfang der Neunziger qualifizierte sich Hansa für die Bundesliga, stieg dann aber gleich wieder in die 2. Bundesliga ab. Parallel dazu ging es mit Rostock auch wirtschaftlich bergab, in der Nachwendezeit stieg die Arbeitslosigkeit rapide an, auf etwa 25 Prozent. In der Folge verließen viele Bürger die Stadt, um woanders Arbeit zu finden. Vor der Wende hatte Rostock 250.000 Einwohner, in den Jahren danach waren es nur noch 190.000.
Hansa wird zum Lichtblick
Hansa gab vielen Menschen in dieser schwierigen Zeit großen Halt. Sportsenator Steffen Bockhahn beschreibt das so: „Das waren am Wochenende für viele 120 Minuten Kopf aus, in denen man die Alltagssorgen vergaß.“ Die Zuschauer identifizierten sich wieder mit dem Verein, der als eine der wenigen ostdeutschen Mannschaften in der Bundesliga antrat. „Da gab es diese emotionale Parallele zur Vorwendezeit bei den Hansa-Fans: Es war wieder das Gefühl da, ‚Wir können das sowieso nicht gewinnen, probieren es aber trotzdem‘“, sagt Bockhahn.
Folglich stiegen die Zuschauerzahlen wieder stark an und viele Fangruppen organisierten sich neu. Sie waren stolz, als Rostocker und auch als Ostdeutsche Hansa-Fans zu sein. Dadurch entwickelte Hansa eine enorme Strahlkraft für die Region und weit darüber hinaus. „Hansa-Fans, die nach der Wende abgewandert waren, haben ihre Vereinstreue mitgenommen und in der Ferne Fanklubs gegründet“, erklärt Bockhahn die Expansion der Szene.
In den 1990er-Jahren schossen diese Fanklubs wie Pilze aus dem Boden, 1995 waren es bereits über 170. Die meisten davon sind im Nordosten Deutschlands zu finden, es gibt sie aber auch im Rest der Republik und im Ausland: in Polen, Skandinavien, und sogar in China und in den USA.
Auch die Spieler packt die Leidenschaft
Diese unabdingbare Liebe für den Verein übertrug sich auch auf die Spieler. Ein gutes Beispiel dafür ist Stefan Beinlich. Zur Saison 1994/95 wechselte er vom englischen Premier-League-Club Aston Villa nach Rostock. Er wurde in dieser Saison gleich Führungsspieler und hatte großen Anteil am Aufstieg Hansas in die 1. Bundesliga.
Seine große Verbundenheit mit Hansa und den Fans spiegelte die Rückkehr zur Kogge im Jahre 2006 wider. Und auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere, in der er für Bundesliga-Vereine wie Bayer Leverkusen, Hamburger SV und Hertha BSC Berlin gekickt hat, zog es ihn zurück zum FC, als er 2010 das Management in Rostock für zwei Jahre übernahm. Auf der Vereinsseite sagt Beinlich in einem Video zum Jubiläum: „Das ist der geilste Verein, mit allen Höhen und Tiefen, den es geben kann. Im Grunde genommen wie eine Ehe.“
Stefan Paule Beinlich bei Hansa Rostock.
© Andy Buenning/imago
In den 1990er- und 2000er-Jahren produzierten Hansa-Fans aber auch viele negative Schlagzeilen. Bei Spielen gegen Rivalen kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, zudem zündeten die Fans verbotene Pyrotechnik. Das kam den Verein teuer zu stehen: Hansa war die allererste Mannschaft, die vom DFB-Sportgericht zu Geisterspielen verdonnert wurde.
Die siebtmeisten Fans unter deutschen Profivereinen
Das änderte aber nichts an der großen Beliebtheit von Hansa Rostock. Laut einer im Fußballmagazin 11 Freunde veröffentlichten Marktstudie hatte Hansa 2007 bundesweit 1,97 Millionen Fans. Damit hatte Hansa die siebtmeisten Fans unter allen deutschen Profivereinen. Dass Hansa auch weit über Rostock hinaus beliebt ist, erklärt sich Bockhahn so: „Ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft, in der sich so viel auseinanderentwickelt, gar nicht so viele Adressen haben, wo sich Menschen zusammenfinden und für die gleiche Sache sind. Der FC Hansa Rostock ist so etwas.“
Der FC Hansa entwickelte sich in den folgenden Saisons mit bis heute zwölf Bundesliga-Teilnahmen (1. und 2. Bundesliga) nicht nur zum erfolgreichsten Fußballverein aus dem Nordosten im wiedervereinigten Deutschland, auch ist trotz des Abstiegs nach der Saison 2023/24 in die 3. Liga der Beliebtheitsgrad unverändert hoch.
Auch in der Gegenwart ist das Interesse an FC Hansa Rostock ungebrochen. Bei den Mitgliederzahlen verzeichnet der Fußballklub weiterhin deutliche Zuwächse: Mit weit über 30.000 Mitgliedern (Stand 2025) ist der FC nicht nur nach wie vor der größte Verein in Mecklenburg-Vorpommern, sondern zählt auch bundesweit zu den mitgliederstärksten Klubs außerhalb der Bundesliga.
Sicherlich wünscht sich der ein oder andere Hansa-Fan einen baldigen Wiederaufstieg seines Vereins in die 2. Bundesliga. Um den zu schaffen, muss der FC auf seine bewährten Tugenden setzen: Kampfgeist und Leidenschaft. Vor allem aber braucht er die Unterstützung seiner Fans – auf die er in ganz Deutschland zählen kann.
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