Eher politisch denn poetisch - bei seinem ersten Auftritt als nominierter Präsidentschaftskandidat erklärt sich Barack Obama zum Mann des Volkes

Einer für alle

Olivia Schoeller
8 Min

DENVER. Nur wenige Sekunden nachdem Barack Obama die Bühne betreten hatte, machte er schon Geschichte: "Mit tiefer Dankbarkeit und Bescheidenheit nehme ich die Nominierung an", rief der frisch gekürte Präsidentschaftskandidat der Demokraten seinem Publikum zu. Und die Zuschauer antworteten mit jenem Slogan, der zu Obamas Schlachtruf geworden ist: "Yes we can." Ja wir können, tönte es durch das Football-Stadion von Denver, Colorado, wo sich 84 000 Menschen versammelt hatten, um in dieser lauen Sommernacht am Fuße der Rocky Mountains genau jenem historischen Moment beizuwohnen, den sie nun tatsächlich erlebt haben. Wie eigentlich immer in Obamas Kampagne verlief auch diesmal alles nach Plan.Barack Obama ist nun offiziell der erste Afro-Amerikaner, der für eine der beiden großen Parteien ins Rennen um das Weiße Haus antritt. Umso bewegender war es, dass er just an jenem Tag die Nominierung annahm, an dem der Bürgerrechtler Martin Luther King vor 45 Jahren seine legendäre "I have a dream"-Rede gehalten hatte. Die Übereinstimmung der beiden Daten sei Zufall gewesen, sagten die Wahlhelfer, doch wer die Kulisse für Obamas Rede sah, wusste, dass der Zufall gut genutzt wurde. Hinter dem Rednerpult war ein Säulengang aufgebaut, der an einen griechischen Tempel erinnert, oder eben an das Lincoln Memorial in Washington, vor dem King damals gesprochen hat.Am Tag seiner großen Rede, die sich nicht nur an die Delegierten richtete, sondern vielmehr an die Nation, wollte Barack Obama seinem Idol Martin Luther King offenbar nicht nachstehen. Wie seinerzeit King wollte er einen Augenblick für die Ewigkeit kreieren. So brach er mit den Parteitags-Traditionen, er holte die Delegierten aus dem öden Tagungszentrum und platzierte sie neben Tausenden von einfachen Bürgern im Football-Stadion. Atmosphärisch glich die Veranstaltung eher einer Mischung aus Super Bowl, Bibelstunde und Rockkonzert. Neben Stevie Wonder und Sheryl Crow war im Vorprogramm auch der Musiker Will I am aufgetreten, der jenes Video produziert hatte, das Obama zu einer Pop-Ikone machte. Die Zuschauer tanzten, sangen und weinten vor Freude.Doch war es gerade dieses Image eines Politstars ohne genauere Botschaft, das Obama in den Umfragen der letzten Wochen Zuspruch gekostet hatte. Zuletzt lag er mit seinem republikanischen Konkurrenten John McCain nur noch gleichauf. In Denver musste er sich aus diesem Stimmungstief herausarbeiten. Amerika blickte auf ihn, und so sprach er Amerika persönlich an."Amerika, wir können nicht mehr zurück", rief er den Zuhörern zu. "Acht Jahre George W. Bush sind genug. Wir sind ein besseres Land, als dieses hier." Im Gegensatz zu seinen früheren Reden sprach er diesmal weniger poetisch, sondern eher praktisch. Geschätzte zwanzig Millionen Zuschauer an den Fernsehschirmen wollten sich ihr Bild vom Kandidaten Obama machen, diesmal musste er Klartext reden."Wenn ich die Bühne verlasse, dann werden einige vielleicht nicht mit mir übereinstimmen, aber sie werden wissen, wofür ich stehe", hatte Obama vor seinem Auftritt angekündigt. Offenbar war das eine Reaktion auf die alten Vorwürfe, der Kandidat sei zwar inspirierend, er könne mit seinem Versprechen von Hoffnung und Wandel Massen bewegen, aber er sage nie wirklich, wie sein Wandel aussehen werde. Vor allem die Wähler aus der Arbeiter- und Mittelschicht konnten mit Obamas Hoffnungsreden bisher wenig anfangen. Sie wollen wissen, wie er ihr Leben verbessert und die Nation aus ihrer Wirtschaftskrise befreit.Genau das hat ihnen der Kandidat jetzt gesagt. Als Präsident würde er die Steuern für die Mittelschicht senken, erklärte Obama, er würde in erneuerbare Energie investieren und die Abhängigkeit der USA von Ölimporten in zehn Jahren beenden. Er würde das Bildungswesen verbessern und endlich eine Krankenversicherung für alle einführen. "Amerika soll wieder zur letzten, besten Hoffnung der Welt werden", sagte Obama und versprach seinen Landsleuten auch noch, das Ansehen des Landes in der Welt zu reparieren. Es waren dann doch wieder die großen Worte, mit denen er das Herz Amerikas erreichen wollte.Die Tage vor Obamas Rede waren angespannte Tage für sein Wahlkampfteam. Lange Zeit galten die Demokraten als die ausgemachten Sieger der kommenden Präsidentschaftswahl. Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung fühlt, dass sich das Land in die falsche Richtung bewegt, der Amtsinhaber George W. Bush hat die niedrigsten Umfragewerte, seit diese Zahlen gemessen werden, und seine Partei hat enorm an Glaubwürdigkeit verloren. Umso überraschender ist es für viele Beobachter, dass Barack Obama nicht deutlich vor John McCain führt. Es sieht so aus, als sei es Obama noch nicht gelungen, die Wähler von sich zu überzeugen. Das sollte sich mit der Rede von Denver ändern.Mehr als sonst betonte Obama, dessen Vater aus Kenia in die USA zum Studium kam, diesmal seine amerikanische Lebensgeschichte. "Mein Großvater ist mit Pattons Armee marschiert", sagte Obama. "Er hat gekämpft wie andere Amerikaner." Seine Großmutter nannte er eine hartarbeitende Frau und seine Mutter eine hilfesuchende Studentin. Solche Vergleiche sollen offenbar die Wähler davon überzeugen, dass Obama ein durchschnittlicher Mann ist, der die Alltagssorgen der Amerikaner kennt. Mehrmals in seiner Rede betonte Obama, dass seine Mutter aus Kansas stammt. Das sollte seine amerikanischen Wurzeln bestätigen. Die Biografie seiner Mutter hingegen kürzte Obama darauf ab, dass sie "daran glaubte, dass jedes Kind im Leben erreichen kann, was es erreichen will". Über seine Jugend in Indonesien, wo er einige Zeit mit seiner Mutter und deren zweitem Ehemann lebte, und die Jahre in Harvard sprach Obama kaum. Offenbar wollte er nicht abgehoben oder distanziert wirken.Dennoch ist es fraglich, ob es Barack Obama an diesem Abend gelungen ist, sich den Amerikanern als Präsident der kleinen Leute zu empfehlen. Ein Stadion mit 84 000 Zuschauern ist kein guter Ort für Intimitäten.Aus Obamas Sicht war es nur konsequent, so viele Menschen wie möglich zu seiner Nominierungsrede einzuladen. Schließlich wiederholt er immer wieder, dass es nicht um ihn persönlich, sondern um seine Unterstützer gehe. "Ihr habt das möglich gemacht", rief Obama immer wieder seinen Anhängern zu, die sich selbst als Bewegung verstehen. Deshalb sollten nicht nur Parteimitglieder, sondern gewissermaßen Volksvertreter das Ereignis seiner Ansprache miterleben können.Den Republikanern hat Obamas Großveranstaltung nur neue Nahrung für Kritik gegeben. Die Idee, eine Kandidatenrede in einem Football-Stadion zu halten, nannten die Republikaner "anmaßend". Als dann noch bekannt wurde, dass die Kulisse einem griechischen Tempel nachempfunden sei, war die Häme groß: Das Weiße Haus sei ihm wohl nicht genug, hieß es im McCain-Team, nun wolle der demokratische Aspirant gleich in den Pantheon. "Barackopolis" nannte es das Gebilde, vor dem Obama seine Nominierung annahm.Schon Obamas Reise nach Berlin, wo der Kandidat vor 200 000 Menschen aufgetreten war, hatten die Republikaner sarkastisch kommentiert. Sie montierten Filmausschnitte seiner Rede vor der Siegessäule mit Fotos von Britney Spears und Paris Hilton und verspotteten den Politiker als Celebrity - als eine Show-Berühmtheit.Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Noch nie zuvor in seinen Reden hatte sich Obama so angriffslustig gezeigt wie diesmal. Immer wieder sprach er von der McCain-Bush-Politik, die das Land in den Abgrund gewirtschaftet habe. Er stellte seinen Rivalen als realitätsfernen Mann dar: "Es ist nicht so, dass John McCain sich nicht für die Alltagsprobleme der Amerikaner interessiert. Er versteht sie einfach nicht", sagte Obama. Später wagte er es sogar, den Vietnamkriegsveteranen dort anzugreifen, wo seine vermeintlich größte Stärke liegt, in seiner militärischen Kompetenz."Wenn John McCain debattieren will, wer das bessere Temperament und das bessere Urteilsvermögen hat, um als Oberbefehlshaber zu dienen, dann bin ich bereit, diese Debatte zu führen", sagte er. Die Demokraten seien die Partei von Roosevelt und Kennedy und fähig, das Land zu verteidigen, rief Obama seinen Zuhören zu. Worauf diese "USA-USA" skandierten und das Sternenbanner schwenkten.John McCain reagierte freundlich auf Obamas Rede: Er gratuliere dem Senator, sagte er in einer Fernsehbotschaft. "Morgen streiten wir uns wieder, aber heute sage ich, gut gemacht!" Am nächsten Morgen beginnt der Parteitag der Republikaner in Minneapolis. McCain wird Obamas Rede beantworten und einen anderen Ton anschlagen.Aber auch Barack Obama hat gelernt zu kämpfen. Noch in seiner Rede warnte er die Republikaner davor, seinen Patriotismus in Frage zu stellen. "Ich liebe mein Land, so wie ihr es liebt und wie John McCain es liebt", sagte Obama. Damit solle man keine Spielchen treiben.Doch so ernst die Lage in diesem Rennen um die Präsidentschaft in den nächsten Wochen noch werden wird, so wenig schienen die Zuschauer in Denver davon etwas wissen zu wollen. Viele sahen so aus, als wollten sie lieber die Einheit im Stadion genießen und die Nacht in ihrer Erinnerung verewigen. Von jenem Moment an, da Obama auf die Bühne trat, bis zum Schlussbild mit seiner Frau Michelle und den beiden Töchter Malia und Sascha, blitzten im Publikum Tausende von Kameras. Niemand wollte eine Sekunde dieser historischen Nacht versäumen, in der der erste schwarze Politiker eine Partei in den Kampf ums Weiße Haus führt.Als am Ende die Feuerwerksraketen in Rot-blau-weiß den Himmel über Denver erleuchteten und die Konfetti-Maschinen bunte Schnipsel durch die Luft wirbelten, markierte Obamas Auftritt nicht nur den Abschluss des Parteitages und die Kür eines Kandidaten, er bedeutete auch das Ende eines langen Weges für die Demokraten.Nach den erbittert geführten Vorwahlen war lange unklar, ob und wie die Anhänger von Hillary Clinton Obama unterstützen würden. Nun setzen die Clintons allen Spekulationen ein Ende. Hillary Clinton forderte ihre Anhänger auf, Obama zu unterstützen, und Bill erklärte, dass dieser "bereit ist, Präsident zu sein". Als Gegenleistung erwähnte Obama in seiner Rede erstmals den ehemaligen Präsidenten und lobte dessen Wirtschaftspolitik. Darauf hatte man lang gewartet. Auch in diesem Sinne wurde Geschichte geschrieben. Die Ära Clinton ist zu Ende, die Ära Obama hat begonnen.------------------------------"Ich werde diesen Krieg im Irak verantwortungsvoll beenden." Barack Obama------------------------------Foto: Schlussbild mit Ehefrau: Barack und Michelle Obama. Zuvor hatte der demokratische Präsidentschaftsbewerber beim Parteitag in Denver Grundzüge seines politischen Programms vorgestellt.

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