Es gibt Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis einer Nation eingebrannt haben, Bilder mit hohem Symbolwert, mit großer Aussagekraft oder solche, die die besondere Dramatik einer Situation vermitteln. In Deutschland gehören gewiss Brandts Kniefall in Warschau, das ausgemergelte Gesicht von Hanns-Martin Schleyer auf dem Entführervideo der RAF, Kohls Versöhnungsgeste mit François Mitterrand in Verdun und der Auftritt Hans-Dietrich Genschers auf dem Balkon der Prager Botschaft im September 1989 dazu.Klar, dass keine historische Dokumentation auf diese Bilder verzichten kann. Auch nicht der Zweiteiler "Bonner Republik", den die ARD heute und am kommenden Mittwoch ausstrahlt und deren zweite Folge über die Jahre 1974 bis 1998 der Sender vorab der Presse vorstellte. Brandt, Schleyer, Kohl, Genscher, Helmut Schmidt und immer wieder Kohl, der ewige Kanzler, mit Gorbatschow, mit Honecker, mit Bush sen.: Bild an Bild reiht der Film, wie in einem Familienalbum klappen die Autoren Dieter Weiss und Rolf Steininger Seite um Seite um - tatsächlich wird es optisch auch ganz ähnlich umgesetzt. Aus dem Off nennt ein Sprecher das historische Ereignis dazu.Dazwischen schneiden die Autoren Interviewpassagen mit den einstigen politischen Akteuren. Man sieht und hört also noch einmal Schmidt, Genscher und immer wieder Kohl, wie sie die damaligen Geschehnisse heute bewerten. Und ihre damaligen Kontrahenten. So berichtet Helmut Schmidt in seiner unvergleichlich selbstgewissen Art über Erich Honecker, er sei ein unsicherer Mann gewesen, schwankend im Urteil, taktisch begabt, aber ein schlechter Stratege.Von Jahr zu Jahr hangelt sich die Dokumentation, streng chronologisch. Thematisch blickt sie vor allem auf die Außenpolitik - KSZE, SS 20, Nato-Doppelbeschluss -, für die 70er-Jahre findet sie im Terrorismus der RAF einen Schwerpunkt, und die Ära Kohl betrachtet sie in erster Linie unter dem Blickwinkel der sich anbahnenden Vereinigung. Dabei bewegt sich der Film im Eilschritt durch die Geschichte, vieles bleibt in Andeutungen und an der Oberfläche hängen, manches gar unvollständig, wenn es zum Beispiel über Kohl heißt, für ihn sei eine Nato-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands selbstverständlich gewesen, aber unterschlagen wird, dass es in der damaligen Koalition auch Gegenstimmen dazu gab. Die einzelnen Bilder fügen sich nicht zu einem Bild.Doch die Schwächen darf man den Autoren nicht anlasten. Ursprünglich war die Dokumentation auf sechs Folgen angelegt, die allerdings den WDR-Zuschauern vorbehalten bleiben. Ausstrahlungstermin: irgendwann im Oktober. Die ARD-Chefredaktion hat dagegen beschlossen, dass fürs Erste eine komprimierte Fassung reicht - eine Fehlentscheidung. 50 Jahre in 90 Minuten, so rasch blättert niemand mit Gewinn durchs Familienalbum.------------------------------Bonner Republik; 23.30 Uhr, ARD; Teil 2 am nächsten Mittwoch------------------------------Foto : Drei Politikergenerationen in einem Cabrio: Kennedy, Brandt und Adenauer am 26. Juni 1963 in Berlin.
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