Ein bundesweit bislang einmaliges Projekt soll Vorurteile abbauen / Organisatoren erhoffen sich Signalwirkung

Bonner Polizisten lebten in Ausländerfamilien

Nikolaus Förster
3 Min

Seit sieben Jahren haust die libanesische Familie Nassere Din in drei Wohncontainern am Rande von Impekoven, einem kleinen Ort bei Bonn. Über eine selbstgebaute Satellitenschüssel halten sich die Asylbewerber auf dem laufenden über die Entwicklungen im allzu fernen Nahen Osten, "die Verbindung zur Heimat" wie Jamal Nassere Din (39) sagt. Die Container stehen zwischen Parkplätzen und Feldern, abgeschottet von deutschen Nachbarn. Mit einer Abschiebung muß die siebenköpfige Familie jeden Tag rechnen. Asylalltag in Deutschland? Nicht ganz.Ein Polizist sitzt am Tisch, trinkt schwarzen Tee und angelt sich eine Olive vom Teller. Seine grüne Uniform hat er zu Hause gelassen, ebenso seinen gewohnten Alltag. Sein Auftrag lautet: Menschen kennenlernen, Vorurteile abbauen. Eine Woche hat ihn seine Dienststelle freigestellt als freiwilligen Teilnehmer eines bundesweit erstmaligen Pilotprojekts, das die Aktion Courage e. V. zusammen mit der Bonner Polizei initiiert hat. Zehn Polizeibeamte leben eine Woche lang in zehn ausländischen Familien - aus Burundi und Ruanda, aus Palästina und dem Libanon, aus Kolumbien und Tunesien, aus Polen und von den Philippinen. Sie essen und diskutieren miteinander, verbringen ihre Freizeit zusammen, und falls der Platz reicht, übernachten die Polizisten auch bei den Familien. Arabischer Kaffee Berichte über Fremdenfeindlichkeit innerhalb der Polizei haben das Image der Ordnungshüter in den vergangenen Jahren gehörig angekratzt. Eine Studie aus dem Jahr 1995, die die lnnenministerkonferenz in Auftrag gegeben hatte, stellte zwar fest, daß fremdenfeindliches Verhalten kein "systematisches Verhaltensmuster der Polizei" sei, allerdings handle es sich auch nicht um "bloße Einzelfälle". Polizisten seien halt keine Engel, gibt der Bonner Polizeipräsident Dierk Henning Schnitzler zu bedenken: "Sie sind Menschen, keine Computer." Ihm würde es schon völlig ausreichen, wenn die Polizisten mit den Menschen korrekt umgingen - auch mit denen, die gegen Gesetze verstoßen haben. Polizeihauptkommissar Andreas Piastowski (32) ist begeistert von den kulturellen Verbindungen zwischen Europa und dem Orient, die er zusammen mit seinen libanesischen und tunesischen Gastgebern entdeckt hat. Die Gespräche gehen bis tief in die Nacht, dazu gibt es arabischen Kaffee. "Haben Sie den schon mal getrunken?" fragt er vielsagend. Bis vier Uhr morgens habe er anschließend nicht einschlafen können. Doch der Abend hat sich für ihn gelohnt. "Wußten Sie, daß schon Saladin Karl dem Großen einen Elefanten geschickt hat?" Und Fensterscheiben oder Medizin seien ohne den Orient gar nicht denkbar.Zu kontroversen Diskussionen kommt es während des Projekt-Rahmenprogramms, etwa beim Gespräch mit dem Sprecher der Ausländerbeauftragten der Bundesregierung oder beim Besuch im Haus der Geschichte. Das Thema "Gastarbeiter", so die Kritik einer Teilnehmerin kolumbianischer Herkunft, werde in der Ausstellung kaum sichtbar: "Das Ergebnis der Einwanderung wird nicht angesprochen", sagt sie. "Schließlich sind wir doch ein Teil dieser Gesellschaft." Richtige Richtung Die abschließende Podiumsdiskussion wird erregt geführt, beide Seiten verwahren sich gegen Pauschalverurteilungen. Einig sind sich jedoch alle darin, daß solch eine gemeinsame Woche eine außergewöhnliche Chance biete. Es sei ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Damit dies aber nicht reine Kosmetik bleibe, so eine Teilnehmerin, müsse auch etwas an der Struktur der Polizei geändert werden.Die Organisatoren erhoffen sich, daß das Projekt ein Signal setzt und auch in anderen Städten durchgeführt wird. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Klaus Steffenhagen, versichert seine Unterstützung "für alles, was in der Gesellschaft Toleranz fördert". +++

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