Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Peter Schmidt lässt fünf Monate nach dem Tod seiner Mutter verstreichen, ehe er sich am 8. August 2009 daranmacht, ihren papiernen Nachlass durchzusehen. Als ihm das Geburtenbuch in die Hände fällt, glaubt er seinen Augen nicht. Was er dort liest und was er erst im Alter von 66 Jahren erfährt: Peter Schmidt ist als Peter Pavlik und als uneheliches Kind von Marie Pavlik zur Welt gekommen. Otto Schmidt, von dem er sein Leben lang glaubte, er sei sein Vater, war es nicht. Sein leiblicher Vater ist ein Franzose.
„Ein Schlüsselerlebnis stellte mein Leben auf den Kopf“, beschreibt der Finsterwalder seinen Gemütszustand im Vorwort seiner besonderen Familiengeschichte, die jetzt – nach 17 Jahren aufwendiger Recherche – endlich gedruckt als Buch mit 540 Seiten erschienen ist.
Peters Mutter, Marie Pavlik, ist erst 15 Jahre jung, als sie aus ihrer südmährischen Heimat zur Zwangsarbeit ins Nazi-Deutschland und hier nach Finsterwalde geschickt wird. Sie lebt mit 100 anderen tschechischen und slowakischen Zwangsarbeiterinnen zunächst im Wohnlager Waldfrieden, der heutigen Gaststätte im Finsterwalder Norden. Hier lernt Marie den französischen Kriegsgefangenen Marc Mouret kennen. Beide verlieben sich. Als Marie mit 18 Jahren in das Lager Wiesenhain an der Bürgerheide unweit des Tellerberges – wo sich heute eine Kleingartenanlage befindet – „verlagert“ wird, ist sie bereits mit Peter schwanger.
Kontakt zu einer Gruppe Ortschronisten
Jahrelang suchte Schmidt nach seinem leiblichen Vater, der noch als Kriegsgefangener vor Kriegsende erfolgreich aus Finsterwalde fliehen konnte und – nachdem er erfuhr, dass Marie inzwischen geheiratet hatte – auch in Frankreich eine Familie gründete und einen Sohn hatte. Doch Schmidts Halbbruder, den er ausfindig machen kann, wollte keinen Kontakt zu ihm.
Nach vielen Recherchen bekam Schmidt Kontakt zu einer Gruppe von Ortschronisten in dem kleinen Örtchen Barbentane, im Süden Frankreichs an der Provence, gegenüber der Papststadt Avignon gelegen. Diese Ortschronisten kannten den Lebenslauf von Marc Mouret und hatten sogar den Stammbaum bis in die sechste Generation ermittelt. In Barbentane lebte Schmidts Vater, der hier am 22. September 1975 im Alter von nur 64 Jahren gestorben war. Seine leise Hoffnung, seinem Vater noch lebend gegenüberzustehen, zerschlug sich.
Das Wohnlager Waldfrieden in Finsterwalde
© Archiv Schmidt
Dass sein Buch „Gebrochenes Schweigen – Haltung zeigen!“ nicht nur seine besondere Familiengeschichte dokumentiert, sondern auch zahlreiche Episoden aus der Heimatgeschichte erzählt, macht es für den Leser noch wertvoller. So berichtet Schmidt von einem traumatischen Erlebnis seiner Mutter in der „Ausländerkinder-Pflegestätte“, wie das „Kinderlager“ im Nazi-Jargon bezeichnet wird. Für die im Lager Wiesenhain eingesperrten Russen, Ukrainer, Tschechen, Polen, Franzosen, Belgier und Holländer, die in acht Baracken untergebracht sind, ist es die Hölle, wie Schmidt schreibt.
Seine Mutter wird hier Augenzeugin eines Verbrechens: Tamara, eine Ostarbeiterin, hatte gerade ihr Kind in der „Russenbaracke“ zur Welt gebracht. Marie konnte ein paar Sachen für das Baby beschaffen und will sie der Mutter bringen, als plötzlich SS-Offiziere in der Baracke auftauchen. Marie beobachtet aus ihrem Versteck heraus, wie ein SS-Mann den im Stroh liegenden Säugling bei den Füßen packt und sein Köpfchen gegen einen Barackenpfeiler schleudert. Marie erleidet daraufhin einen Nervenzusammenbruch und fällt in Ohnmacht. Später muss sie unterschreiben, dass sie, bei Androhung von KZ-Haft, über das schreckliche Erlebnis schweigt.
Mit dem Wissen schwebt die hochschwangere Frau in höchster Lebensgefahr. Helfer holen sie aus dem Barackenlager und verstecken sie in einer Hinterhauswohnung in der Finsterwalder Altstadt. Damit ist Peter erspart geblieben, im unmenschlichen Zwangsarbeiterlager das Licht der Welt zu erblicken. Für ihn wichtig festzuhalten: Bestialische Verbrechen sind in Nazi-Deutschland nicht nur in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern verübt worden, sondern auch am Stadtrand von Finsterwalde.
Von 1943 bis 1945 starben im Lager Wiesenhain 55 Kinder, davon 31 von Ostarbeiterinnen und polnischen Zwangsarbeiterinnen sowie 24 von französischen Müttern. Nicht alle gestorbenen Kinder wurden aktenkundig gemacht – der ermordete Säugling des russischen Paares zum Beispiel erscheint in keinem Geburten- oder Sterberegister. „Es wurde vermutlich wie ‚Kehricht‘ von den Mördern beseitigt“, schreibt Schmidt.
Marie Pavlik
© Archiv Schmidt
Marc Mouret
© Archiv Schmidt
Appell an das Gewissen der jetzigen Generation
Schmidt appelliert in seinem Buch, das er seiner vor zwei Jahren verstorbenen Frau Roswitha widmet, die bei den Recherchen half, auch an das Gewissen der jetzigen Generation, „Zeichen gegen das Vergessen zu setzen“. So sei es höchste Zeit, endlich eine Straße nach dem früheren FIMAG-Betriebsleiter Erich Merkel, dem „Retter von Finsterwalde“, zu benennen. Schmidt verweist auf den Historiker Manfred Woitzik, der Merkel bereits 2015 in einer Publikation würdigt, weil er einer der führenden Köpfe in der antifaschistischen Widerstandsgruppe in der FIMAG war, der durch seine Kontakte zum englischen Geheimdienst bewirkt hat, dass die Stadt mit ihren vielen Rüstungsbetrieben nicht bombardiert wurde.
Erich Merkel hat nach dem Krieg und auch nach der Wende keinen würdigen Platz im Geschichtsbewusstsein gefunden. „Weil der Betriebsleiter Mitglied der NSDAP war, konnte es nicht sein, dass ausgerechnet ein Nazi die Zerstörung der Stadt verhindert hat“, so Schmidt. Währenddessen hat der Kommunist Arthur Lehmann, ein anderes führendes Mitglied der Widerstandsgruppe, es bis in die Geschichtsbücher geschafft. „Nach Erich Merkel sollte in der Sängerstadt endlich eine Straße benannt werden.“
Und dann kritisiert Schmidt auch die Finsterwalder Kommunalpolitiker nach der Wende, als man auf deren Beschluss hin die Namenstafeln am früheren VVN-Denkmal abnahm und im Kreismuseum abstellte. Das Denkmal wurde 1949 von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes eingeweiht und zuvor mit 20.000 DDR-Mark auch bezahlt. Gründungsmitglieder waren Anhänger der KPD, SPD, CDU, LDP und Kirchenleute.
An der Gedenkwand waren zentnerschwere, gusseiserne Tafeln mit den Namen von zwölf Antifaschisten angebracht. Auf den beiden gusseisernen Gedenkplatten sind die Namen der kommunistischen, sozialdemokratischen und religiösen Widerstandskämpfer aufgeführt, die in NS-Haft verschollen, in Konzentrationslagern umgekommen, hingerichtet oder während des „Transports“ verstorben sind, darunter der Pfarrer Walter Hanschkatz, der als Mitglied der Bekennenden Kirche gegen Hitler auftrat und dafür ins Zuchthaus musste, zum Tode verurteilt, aber dann doch, bereits schwer erkrankt, begnadigt wurde, oder der Bürgerliche Max Schmidt, der wegen eines Witzes über Hitler 1944 hingerichtet wurde.
Das Entfernen der Namenstafeln stelle eine Missachtung der Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft dar – diese Tafeln sollten wieder am Denkmal angebracht werden, fordert Schmidt in seinem Buch.
Der heute 83-jährige Schmidt, ein studierter Maschinenbauer und Schweißtechniker, schreibt am Ende seines Buches: „Die Leerstellen in meinem Leben, insbesondere die meines biologischen Vaters und die tragischen Umstände der Zwangsarbeit meiner Mutter, sind nun mit Leben, Fakten und Empathie gefüllt. Ich weiß jetzt, wer ich wirklich bin.“
Dieter Babbe war nach einem Journalistikstudium an der KMU Leipzig ein Arbeitsleben lang als Lokalredakteur bei der Lausitzer Rundschau tätig. Seit seinem beruflichen Ruhestand im Jahre 2015 recherchiert und schreibt er vor allem für regionale heimatgeschichtliche Publikationen. Außerdem ist er ehrenamtlich bei der Verkehrswacht tätig.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]