Nicht nur im vergangenen Wahlkampf schimpften alle zu Recht über Berlins Müll: überquellende Abfalleimer, Gerümpel am Gehweg, Zigarettenkippen und Hundekot, der sich besonders zuverlässig dort findet, wo man hintritt. 36 Prozent der Berliner nannten laut Forsa-Umfrage die Vermüllung als eines der größten Probleme der Stadt.
Ich kann das verstehen, mache jetzt aber einmal das Gegenteil und lobe Berlin für etwas, das zwischen all dem Ärger leicht untergeht: Wie grün diese Stadt doch ist!
Nicht einmal die Parks und großen Grünflächen meine ich. Sondern den Baumreichtum mitten im urbanen Alltag. All die Kastanien, Platanen, Linden, manchmal sogar Ahorn- und Eichenbäume, die zwischen Häuserzeilen stehen. Begrünte Hinterhöfe, kleine Gärten, die man nur bemerkt, wenn man zufällig um die Ecke biegt. Selbst in härteren Beton-Gegenden mit dicken Verkehrsadern wie in Marzahn oder Neukölln entdeckt man plötzlich einen Straßenzug mit altem Baumbestand, in dem es fast dörflich wirkt.
Staunend wie eine Touristin durch Berlin
Daher laufe ich manchmal staunend wie eine Touristin durch Berlin. So auch kürzlich, keine zwei Kilometer vom Alexanderplatz entfernt, durch die Joachimstraße. Hinter der weinumrankten Fassade eines denkmalgeschützten Hauses stand ich plötzlich inmitten eines Nutzgartens, den ich dort niemals vermutet hätte.
Das soll mitten in Berlin sein? Vom Nutzgarten des Cafés war auch unsere langjährige Gastroexpertin überrascht.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Zwischen alten Bäumen wächst in Hochbeeten Gemüse. Ich entdecke Rote Bete, Kohlrabi, Karotten und ein paar Kräuter, dazwischen hohe Johannisbeersträucher und Reste vom Rhabarber, dessen Saison nun vorbei ist. Und das Beste: Hier wird nicht nur gegärtnert. Hier wird auch ein ziemlich guter Cappuccino ausgeschenkt, Brot gebacken und gebruncht. Das Café heißt Garten Mitte – und hat erst im Frühjahr 2026 eröffnet.
Flottgemacht haben diese Oase Michael Hummel und Famke Schröter. Die beiden lernten sich in einer renommierten Berliner Bäckerei kennen, die sie gemeinsam managten. Beide kommen aus Bäckerfamilien. Hummel ist außerdem in der Berliner Specialty-Coffee-Szene zu Hause. Irgendwann entstand die Idee, einen eigenen Ort zu schaffen: einen, an dem sie gärtnern und zugleich das herstellen können, was sie am besten können – Sauerteigbrot, Pastries, Kuchen und Cookies.
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Dass das nicht nur ein hübscher Garten mit angeschlossenem Café werden sollte, merkt man auch drinnen: Das denkmalgeschützte Gebäude war einst ein Ballsaal, angeblich der erste Berlins. Historische Fresken sind erhalten geblieben. Dazu kommen helle Holzmöbel, ein Klavier und Vintage-Lautsprecher. Ein Raum ist ausdrücklich fürs Arbeiten gedacht, im anderen soll man den Laptop besser geschlossen lassen – von dort geht’s in den Hinterhof-Garten.
Die Nachbarn? Alles andere als entspannt
So schön das klingt, ganz einfach ist der Betrieb offenbar nicht. Der Ort wurde vorher ausschließlich für Events genutzt. Gastronomie war wegen der Nachbarn lange nicht gewünscht. Hummel und Schröter bekamen die Erlaubnis. Mittlerweile scheint mir, verfluchen sie ihren Enthusiasmus. Während Michael Hummel mir einen Cappuccino macht, erzählt er, dass das Bezirksamt jede Woche wegen irgendetwas da sei. Die Nachbarn seien alles andere als entspannt. Doch weg aus Mitte wäre schade. Schließlich haben die beiden alles gerade erst aufgebaut und angepflanzt.
Es ist angerichtet: der Herbstsalat des Hauses, dazu Brot, Champignonsuppe und eine Limo
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Ich sitze draußen unter ausladenden Bäumen und auf Designklassikern von Hay mit mattgrün lackierten Metallstreben. Dabei schaue ich auf das, was später möglicherweise auf meinem Teller landet. Denn natürlich verbreiten die beiden auch eine Farm-to-Table-Erzählung. Die paar Hochbeete können dafür nicht ausreichen. Bis auf ein paar Rübchen, Kräuter zum Würzen und Blatt-Deko kommt der Großteil daher von regionalen Profis wie der Bio-Gemüsegärtnerei Girrbach südlich von Berlin.
Die Karte folgt den Jahreszeiten. Bis 12 Uhr gibt es Frühstücksteller, Granola und Overnight Porridge, von 12 bis 14.30 Uhr ein paar Lunch-Gerichte. Und stets alles aus der Backstube.
Unsere Kritikerin
Auf meinem Gartenteller liegen neben hellem, luftigem Sauerteigbrot und dunklem Vollkorn-Roggenbrot ein gekochtes Ei, würziger Rohmilchkäse sowie aromatische Tomaten. Dazu gibt es aufgeschlagene Butter, hausgemachte Aprikosenmarmelade und etwas knackig gepickelten Blumenkohl. Was schlicht klingt, besticht durch seinen Geschmack: gutes Brot, ein Bio-Ei aus der Uckermark, das nach Ei schmeckt, ein paar präzise gesetzte süße und saure Obst- und Gemüse-Akzente. Mehr brauche ich zum Frühstück nicht.
Auch der Kaffee schmeckt richtig gut. Alle Milchgetränke basieren auf einem doppelten Espresso, variieren also von klein und kräftig bis groß und mild. Hummel und Schröter arbeiten mit wechselnden Röstereien aus Europa zusammen, darunter Manhattan Coffee Roasters aus Rotterdam. Wer will, bekommt natürlich auch Matcha und Tees, Proviant-Limos und Schorlen.
Gesünder kann’s kaum werden – mit einem Herbstsalat mit Grünkohl und Kürbis.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Zum Lunch wechseln die Gerichte mit der Saison. Das French Omelette scheint ein Dauerbrenner zu sein, ansonsten steht jetzt ein Gartensalat mit Aubergine, Perlgraupen, Feige und Granatapfel auf der Karte – auf Wunsch mit extra Pecorino Romano.
Ich probiere lieber die Gurken-Zucchini-Gazpacho. Sie besticht farblich mit zartem Frühlingsgrün, überzeugt mich geschmacklich aber nicht. Immerhin ist die Suppe spürbar von Anfang bis Ende hausgemacht. Ihre Basis ist gutes, altbackenes Sauerteigbrot, das klassischerweise mitpüriert wurde. Ein Teil davon findet sich in Form von etwas zu großen, dafür knusprig in Fett ausgebackenen Sauerteigbrot-Croutons. Doch geschmacklich bringt die Zucchini zu viele Bitterstoffe und die Gurke zu wenig Aromen mit. Mir fehlt die süß-saure Fruchtigkeit einer klassischen Gazpacho auf Tomaten- und Paprika-Basis. Zudem ist die Konsistenz bisweilen sehr pflanzenfasrig. Schön ist allerdings die Idee mit dem Feigenöl als aromatisches Finish.
Skandinavia meets Bavaria: Auch eine Brezelzimtschnecke steht im Garten Mitte auf der Karte.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Für den Abschluss lieber noch ein paar süße Sachen. In der Vitrine liegen puristisch-elegante Kekse wie etwa ein Cashew White Chocolate, daneben Banana Bread und verschiedene Brioche-Varianten. Besonders hübsch anzusehen ist der Oliven-Polenta-Kuchen mit einer Blume aus aufgeschlagener Nussbutter und Lemon Curd. Doch wird nicht allein auf den Instagram-Effekt gesetzt, sondern auf Handwerk und Kuhhorster Bio-Mehle. Die dicke Scheibe Polenta-Kuchen schmeckt schön saftig und locker zugleich, mit leichten Oliven-, Orangen- und Zitronennoten im Teig.
So wird der Garten erst recht zur perfekten Flucht vor dem dreckigen Berlin. Doch vielleicht sollte jeder generell den Blick wechseln: weg vom Müll, hin zu dem, was alles in dieser Stadt wächst und gedeiht.
Brunch-Gerichte 6–13 Euro, Lunch-Gerichte 13–15 Euro, Gebäck und Kuchen 3,50–5 Euro
Garten Mitte. Joachimstraße 20, 10119 Berlin. Mo–Fr 8–17 Uhr, Sa–So 9–18 Uhr. www.gartenmitte.com
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