Der amerikanische Journalist Seymor Hersh ist berühmt geworden durch seine Berichte über das Massaker in My Lai während des Vietnamkrieges. Er hat als erster über den Folterskandal im irakischen Gefängnis Abu Ghoreib berichtet. Zu seinen Informanten gehören Militärs und Regierungsbeamte. Was er enthüllt, hat sich in der Regel als zutreffend herausgestellt. Jetzt schreibt Hersh im Magazin The New Yorker, dass die US-Regierung einen Krieg gegen Iran vorbereite. Geheime Kommandounternehmen hätten in den vergangenen Monaten militärische Ziele ausgespäht; das Pentagon erarbeitet detaillierte Angriffspläne; Generalstäbe beschäftigen sich mit Operationen für massive Luftschläge. Das Weiße Haus bemerkte zu dem Bericht, er sei voller Ungenauigkeiten. Man setze auf diplomatische Mittel, aber Militäraktionen seien nicht ausgeschlossen. Ein Dementi klingt anders.Ein Krieg der USA gegen Iran beginnt nicht morgen. Propagandistisch und politisch jedoch wird er schon lange vorbereitet. Noch bevor der Krieg gegen Irak begann wurde Iran von der amerikanischen Regierung sowie israelischen Militärs als Hauptgegner im Anti-Terror-Kampf und als Haupthindernis bei der Gestaltung eines neuen Nahen Osten ausgemacht. Wenn Seymour Hersh mit seinem Verweis auf Regierungsbeamte und Militärs als Informanten recht hat, befinden sich die USA nun im Stadium der militärischen Vorbereitung eines Krieges. Der Ajatollah-Staat hat tatsächlich alles, was ihn in den Augen der Regierung von Präsident Bush als Ziel prädestiniert: Unvergessen ist die Niederlage, die die Ajatollahs den USA mit dem Sturz des Schah, der Machtergreifung und schließlich der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran zufügten. Iran betreibt seit Jahren ein Programm zur friedlichen Nutzung der Atomenergie und debattiert über die Entwicklung von Atomwaffen. Vorwürfe, dass es diese bereits entwickle, sind allerdings nicht bewiesen. Zudem nimmt Teheran gegenüber Israel eine feindselige Haltung ein und unterstützt Organisationen, die gegen Israel kämpfen. Es soll Verbindungen zum El-Kaida-Netzwerk unterhalten und mittels Störversuchen für den Schlamassel in Irak hauptverantwortlich sein. Teheran will sich den USA einfach nicht fügen. Und trotz wirtschaftlicher und ideologischer Schwierigkeiten ist ein Zusammenbruch des Regimes nicht abzusehen. Es gibt warnende Stimmen, die eine militärische Aktion gegen Iran für reinen Irrsinn halten. Als Argumente werden die militärische Stärke des Regimes angeführt, das extreme Nationalbewusstsein der Iraner, das riesige Territorium, die Reaktion der regionalen Akteure. Aber derartige Warnungen wurden auch vor dem Krieg gegen Irak laut. Und dass die Entwicklungen in Irak nahe legen, auf einen Krieg gegen Iran zu verzichten, ähnelt Hausfrauen-Logik: Erst aufräumen, dann bügeln. Denn: "Die ganze Region wird in Washington als eine große Kriegszone gesehen," so zitiert Seymor Hersh einen Informanten. Iran? Syrien? Sie gelten als Schurkenstaaten, die den friedlichen Aufbau in Irak massiv behindern. Bush hat nur noch vier Amtsjahre vor sich, die Stabilisierung Iraks aber kann Jahrzehnte dauern. Also wenn schon Chaos, so meint man offensichtlich in Washington, dann richtig, gleichzeitig und überall. Die einzige Lehre aus dem Irak-Krieg scheint zu sein, dass die USA keine Truppen entsenden wollen. Kampfjets sollen militärische Ziele aus der Luft bombardieren. Nach diesem Schlag, so hofft das Pentagon, werde das Mullah-Regime zusammenbrechen. El Kaida bekäme dann keine Unterstützung mehr, das Atomwaffenprogramm wäre gestoppt, die Gefahr für Israel gebannt. Das können für das Pentagon sehr gute Gründe sein, Krieg zu führen.
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