Lkw-Fahrer

Berliner Trucker: „Ein richtig räudiges Leben müssen wir hier führen“

Lkw-Fahrer halten Deutschland und Europa am Laufen. Doch wer kümmert sich um die Menschen hinter dem Lenkrad?

Alexandra Gretschichin
Alexandra Gretschichin
6 Min
Ein Lastwagen fährt auf der Autobahn: Lkw-Fahrer sind extremen Belastungen ausgesetzt. (Archivbild)

Ein Lastwagen fährt auf der Autobahn: Lkw-Fahrer sind extremen Belastungen ausgesetzt. (Archivbild)

© Sascha Thelen/dpa

Andere schließen nach einem langen Arbeitstag die Haustür hinter sich und kommen an. Maik Pokrandt fährt von der Autobahn ab und sucht sich einen Parkplatz. Dann geht sein Arbeitstag zu ende.

Eine Woche lang ist ein Lkw sein Zuhause, manchmal sogar noch länger. Er arbeitet, isst und schläft im Führerhaus. Es ist auch sein Badezimmer. Jeden Tag auf einer Raststätte zu duschen, wird auf die Dauer zu teuer. Pokrandt erhitzt Wasser im Wasserkocher und wäscht sich damit.

Seine Mahlzeiten bereitet er selbst zu, sich ständig etwas zu essen zu kaufen, geht ebenfalls zu sehr ins Geld. „Ich mache mittlerweile fast alles in diesem Lkw“, erzählt der 54 Jahre alte Berliner. 13 bis 15 Stunden arbeitet er jeden Tag. Zeit für sich und seine Familie bleibt wenig.

Sie fahren nachts, an Wochenenden und an Feiertagen. Sie verbringen viele Stunden auf Autobahnen, Rastplätzen und in fremden Ländern. Sie fehlen bei Geburtstagen, Feiern und wichtigen Momenten zu Hause. Das Familienleben findet nur eingeschränkt statt. Sie sitzen die meiste Zeit hinter dem Lenkrad.

Ohne Lkw-Fahrer würden Supermärkte nicht beliefert, Fabriken nicht versorgt und Waren nicht quer durch Deutschland und Europa transportiert. Doch trotz ihrer Bedeutung wird ihre Arbeit gesellschaftlich und politisch häufig kaum wahrgenommen.

Viele Berufskraftfahrer starten bereits sehr früh ins Arbeitsleben. Maik Pokrandt, Jahrgang 1972, ist ein Beispiel dafür. Er begann bereits mit 15 Jahren zu arbeiten, machte eine Lehre als Maurer. Inzwischen ist er seit 35 Jahren als Lkw-Fahrer im internationalen Fernverkehr tätig.

Arbeitet er bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter von 67 Jahren, kommen 52 Arbeitsjahre zusammen. 52 Jahre Arbeit – und dennoch sorgt sich Pokrandt, dass sein Körper längst nicht mehr mitmacht, wenn er den Ruhestand erreicht.

Gerade im Fernverkehr ist die Belastung enorm. Lange Arbeitstage, unregelmäßige Arbeitszeiten, Schlafmangel, ständiges Sitzen, Zeitdruck und die permanente Verantwortung für ein schweres Fahrzeug gehören zum Alltag. Dazu kommen die sozialen Entbehrungen, bleiben private Kontakte auf der Strecke.

Vom Maurer zum Lkw-Fahrer

Maik Pokrandt ging nach seiner dreijährigen Lehre zum Maurer zur Armee. Da war er 18, es war die Zeit der Wende. Als er nach einem Jahr zurückkam, hatten viele Betriebe geschlossen – auch seine berufliche Perspektive als Maurer war damit vorbei.

Sein Vater, selbst Lkw-Fahrer, brachte ihn schließlich auf den Berufskraftfahrer. Mit 19 Jahren saß Pokrandt erstmals hinter dem Steuer. Was zunächst neu und ungewohnt war, wurde zu seinem Lebensberuf.

In den 35 Jahren, die er Lkw fährt, hat sich der Beruf stark verändert. Früher gab es weder Navigationsgeräte noch Handys. Die Fahrer waren mit Straßenkarten unterwegs und mussten häufig Telefonzellen nutzen, um mit ihren Familien Kontakt zu halten.

Eine andere Zeit – aber schon damals war das Leben als Lkw-Fahrer mit langen Fahrten, Verantwortung und viel Zeit fern von der Familie verbunden.

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„Der Beruf bedeutet mir heute nichts mehr“

„Der Beruf bedeutet mir heute nichts mehr. Ich mache den Job nur noch, weil ich arbeiten muss“, sagt Maik Pokrandt. Einen anderen Arbeitsplatz zu finden, sei in seiner Region schwierig. Rundherum gebe es kaum Betriebe, die ihn aufnehmen könnten, und die hohen Spritkosten machten einen weiten Arbeitsweg zusätzlich unattraktiv.

Pokrandt rät nicht grundsätzlich vom Beruf des Lkw-Fahrers ab, vom internationalen Fernverkehr dagegen schon. Zwar habe er mit seiner Firma Glück gehabt – sowohl bei den Arbeitsbedingungen als auch bei der Bezahlung. Viele andere Fahrer würden dagegen nur den Mindestlohn oder etwas darüber verdienen. „Und manche sind Monate nicht zu Hause“, sagt er.

Zahlreiche Lkw parken an der Autobahnraststätte Dresdner Tor Süd an der Autobahn.

Zahlreiche Lkw parken an der Autobahnraststätte Dresdner Tor Süd an der Autobahn.

© Sebastian Kahnert

Lange Arbeitszeiten

Maik Pokrandt selbst kommt auf 240 Stunden oder mehr im Monat. „Das ist doch das, was uns stört“, sagt er: Diese Belastung müsse bei der Rente stärker berücksichtigt werden. Denn wer jahrzehntelang so hart gearbeitet habe, sei mit 67 Jahren möglicherweise körperlich völlig erschöpft, während andere Menschen ausgeruht in den Ruhestand gehen. „Wenn ich bis 67 oder sogar 70 arbeiten muss, bin ich irgendwann ein Wrack.“

„Ich möchte doch auch gepflegt vor die Kunden treten können“

Ein großes Problem sieht der Berliner in den Raststätten und Autohöfen. „Ich möchte doch auch gepflegt vor die Kunden treten können“, sagt er über die umständliche Art der täglichen Körperpflege, zu der er sich gezwungen sieht. Für Parkplatz, Essen, Getränke und gelegentliche Duschen kämen schnell rund 45 Euro am Tag zusammen.

„Ein Hähnchen mit Pommes kostet mittlerweile 22 Euro.“ Gleichzeitig könne er nicht einfach einen Supermarkt anfahren und frische Lebensmittel einkaufen, die günstiger sind und ihm helfen, noch fit zu bleiben. „Mein verdientes Geld muss dafür reichen, mir während der Arbeit Essen leisten zu können.“

Auch privat fordert der Beruf seinen Preis: „Ich habe nie Freunde oder Familie um mich herum, ich bin immer alleine.“ Auch die Entfernung zur Heimat beschäftigt ihn: „Stellen Sie sich vor, es passiert etwas und man ist mehrere Kilometer von zu Hause entfernt. Das macht schon was mit einem.“

Stau auf der Autobahn: Zahlreiche Lkw und Pkw stehen dicht an dicht, während ein Motorradfahrer sich zwischen den Fahrzeugen bewegt.

Stau auf der Autobahn: Zahlreiche Lkw und Pkw stehen dicht an dicht, während ein Motorradfahrer sich zwischen den Fahrzeugen bewegt.

© Nabiha Dahhan via www.imago-images.de

„Ein richtig räudiges Leben müssen wir hier führen“

„Ein richtig räudiges Leben müssen wir hier führen“, sagt er. Besonders der Umgang mit anderen Verkehrsteilnehmern frustriert ihn. „Auch Pkw-Fahrer denken, sie müssen auf uns keine Rücksicht nehmen. Hauptsache, sie können uns schnell überholen.“

Er habe das Gefühl, dass sich kaum jemand für die Situation der Lkw-Fahrer interessiere. „Am Ende müssen wir auch noch für jeden den Kopf hinhalten, weil wir ja die Geschulten sind, wenn etwas passiert. Das ist uns gegenüber einfach unfair.“

Hinzu kommen immer mehr Baustellen und gleichzeitig zu wenige Parkplätze für Lkw-Fahrer.

„Es interessiert sich einfach niemand für uns.“

Wenn er Feierabend macht, ist er vor allem froh, den Tag heil überstanden zu haben. Doch auch nachts bleibt die Sorge, dass etwas passiert – etwa ein Pkw in seinen Lkw fährt oder Diesel gestohlen wird.

Auch um seine berufliche Zukunft macht er sich Gedanken: „Was ist, wenn der Arzt bei der nächsten Untersuchung feststellt, dass etwas nicht stimmt und mein Fahrerqualifikationsnachweis nicht verlängert wird? Dann stehe ich plötzlich ohne Perspektive da. Es interessiert sich einfach niemand für uns.“

Was er sich für die Zukunft wünscht, ist eigentlich nicht viel: „Ich wünsche mir einfach mehr Anerkennung, größere Parkplätze mit guten Restaurants und besseren Sanitäranlagen. Jemand müsste uns auch einfach mal zuhören.“

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