Was tun, wenn das Leben eine Lüge ist?", singt der Häftling, der aussieht wie ein Student, auf Russisch. Hinter ihm, am Keyboard, am Schlagzeug, am Bass und an der E-Gitarre, muskulöse Männer, die bestens aufeinander eingespielt sind. Ihre Oberarme zeigen eingebrannte Träume. In der Justizvollzugsanstalt Moabit wurde am Mittwoch gefeiert: Das Internationale Literaturfestival Berlin brachte den amerikanischen Schriftsteller Robert Littell in den Knast. Großer Applaus, als der Moderator Martin Jankowski verkündete, der Verlag überlasse der Knast-Bücherei Dutzende Exemplare des neuen Littell-Romans . So viel Begeisterung über Lesestoff erlebt man selten.Das Leben hinter Gittern ist dem 74-Jährigen, der mit Spionage-Thrillern berühmt wurde, nicht völlig fremd: Mitte der 60er-Jahre habe er in Mississippi an einem "integrierten", nicht rassengetrennten Tanz teilgenommen, alle Beteiligten seien verhaftet worden. Nach einer Nacht sei er wieder draußen gewesen. "Na, das geht ja noch", kichert da einer. Es gibt eben verschiedene Arten des Freiheitsentzugs.Eine andere erfuhr der russische Lyriker Ossip Mandelstam. 1933 dichtete er jenes bitterböse "Stalin-Epigramm", dem Littell seinen aktuellen, gleichnamigen Roman widmet. Ein Monster ist Stalin in diesem Gedicht, ein "Verderber der Seelen und Bauernabschlächter": "Seine Finger wie Maden so fett und so grau", "sein Schnauzbart - wie Küchenschaben". Stalin schickte Mandelstam nicht in den Tod, sondern in die Verbannung. Littell bringt die Widersacher im Gespräch zusammen. Die Freiheit der Kunst erlaubt ihm, den Diktator und den Dichter als voneinander besessene Männer zu zeichnen.Kein Wunder, dass Mandelstam auf Stalin fixiert war. Doch woher das Interesse des Sowjetführers an dem Lyriker käme, erkundigte sich ein älterer Herr. Littell, der seinerseits schon Jahrzehnte von der Geschichte besessen ist, meinte, Stalin habe selber Gedichte geschrieben. Aus den Recherchen des Historikers Simon Sebag Montefiore ist bekannt, dass der junge Stalin Bankräuber und Schöngeist war. Er habe von dem berühmten Poeten Mandelstam ein Loblied erwartet, vielleicht ließ er ihn deswegen am Leben.Wie ein Märchen aus fernen Zeiten klang Littells Geschichte im Vergleich zu den Stories der Zuhörer, von denen erstaunlich viele russisch sprachen. Ein rotblonder Hüne fühlte sich bei den Beschreibungen des Verbannungsorts Sibirien an seine Heimat erinnert. Wegen Drogengeschichten lande er öfter in Moabit. Sein schwarzäugiger Kumpel aus Kasachstan erzählte, er sitze seit fast dreieinhalb Jahren in U-Haft, weil er einen tschetschenischen General auf dem Gewissen habe. Da war es wohl nicht um Gesellschaft und Politik gegangen, sondern um Geschäftliches.
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