BERLIN, 28. August. Es ist ein schönes Bild: Der Kanzler und seine Frau Doris, umringt von Kindern in roten und grünen Fußballtrikots. Sie laufen über die schmale Brücke, die vom Kanzleramt in den Kanzlergarten führt. Die Sonne scheint, auf der Spree fährt ein Ausflugsdampfer. Der Kanzler lacht, Doris lacht, die Kinder lachen. Der Kanzler bleibt stehen, winkt den Menschen auf dem Dampfer zu. Die winken zurück. Doris winkt, die Kinder winken. Einen Moment lang denkt man, dass alles gut ist.Am Ende der Brücke wartet aber schon die Wirklichkeit. Bürger sind da, eingeladen zum Staatsbesuch. Ein Mann sagt zum Kanzler, dass er ein Genosse der Bosse geworden sei. "Das sind so Sprüche", sagt der Kanzler und geht weiter. Ein paar Jugendliche haben T-Shirts an, auf denen "Angie" steht. Sie wollen dem Kanzler ein T-Shirt schenken, werden aber von dessen Leibwächtern abgedrängt.Der Kanzler gibt Autogramme. Eine Frau fragt, ob er es noch schaffen wird bei der Wahl. "Ich glaube schon", sagt der Kanzler. "Na ja", sagt die Frau. Von der Bühne schallt Musik herüber. Der Refrain lautet "Vorbei. Auf Wiedersehen". Der Kanzler ist eingekeilt in der Masse. Er schiebt den Unterkiefer nach vorne, gibt wortlos Autogramme. Es ist sein siebenter Tag der Offenen Tür. Es könnte eine Art Abschiedsfeier sein. Das Kanzleramt sieht schon ein bisschen aus wie ein Museum. Rote Kordeln weisen den Besuchern den Weg. Die Leute laufen durch die Eingangshalle hinauf zur Ahnengalerie, an deren vorläufigem Ende Helmut Kohl hängt. Neben Kohl ist noch Platz für ein Bild, dann ist die Wand zu Ende. Wenn Angela Merkel Kanzlerin werden sollte, müsste sie entweder für immer im Amt bleiben. Oder die Ahnengalerie muss umgehängt werden.Der Rundgang führt durch den Konferenzsaal. Ein Mitarbeiter des Amtes erklärt, dass die Tische aus rötlich lasiertem Holz und der grüne Teppich keine Koalitionsaussage seien, sondern dem Farbgeschmack des Architekten entsprächen. "Es muss nicht umdekoriert werden."Der Kanzler hat nun sein Lachen wiedergefunden. Er sieht einer Frau beim Schießen auf eine Torwand zu, gibt Hinweise zur Verbesserung der Technik. Dann schießt er selbst sechs Mal daneben. Der vierte Schuss trifft einen Fotografen ins Gesicht. Im Kanzlerpark stehen weiße Zelte, in denen gezeigt wird, dass nicht alles schlecht ist in Deutschland. In einem Zelt wird erklärt, dass mit dem Kinderbetreuungsgesetz der Fortpflanzung keine Grenzen mehr gesetzt sind. Auch die Alten werden gewürdigt. "Erfahrung ist Zukunft." Die Bundeswehr ist stolz auf fünfzig Jahre Frieden und die Firma Max-tec wirbt für Energiegewinnung mit Wasserkraft.Dieses Zeltdorf im Kanzlergarten ist wohl so eine Art Bilanz nach sieben rot-grünen Jahren. So wie dieses kleine Deutschland hier hat sich der Kanzler das große Deutschland vorgestellt. Ein Land voller Ideen und Mut. Wenn die Wahl im kleinen Deutschland stattfinden würde, wäre die absolute Mehrheit sicher.Am Ende nimmt der Kanzler die Siegerehrung im Kinderfußball-Turnier vor. Er sagt: "Teilnehmen ist wichtiger als gewinnen."------------------------------Foto: Der Kanzler gibt Autogramme.
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