Wenn am Adlergestell 786, vor dem Straßenbahndepot in Schmöckwitz, der Hauptmann von Köpenick im feschen Rock eine Rede hält, Marschmusik gespielt wird und die Köpenicker dazu klatschen, dann kann das nur einen Grund haben: Die Männer vom Denkmalpflege-Verein Nahverkehr haben mal wieder eine Straßenbahn fertig. Am Sonntag waren es der Triebwagen Nr. 10, Baujahr 1903, und der Beiwagen Nr. 808, Baujahr 1908, die gefeiert wurden.Wie neu sehen sie aus, als sie aus dem dunklen Depot in die Sonne fahren, außen glänzt der lindgrüne Anstrich, innen die dunkel polierten Holzsitze. Und hinter der Kurbel im Fahrerstand freut sich Joachim Kubig, 66, Straßenbahnfahrer in Rente und Gründungsmitglied des Vereins. Vier Jahre lang haben Vereinsmitglieder an den Waggons gearbeitet, sagt er. Sie haben gesägt, geschliffen, geschraubt, gemalt, haben eigentlich alles neu gemacht an den Oldtimern, bis auf das Stahlgestell. "Da konnte der Rost nicht ran", sagt Kubig. Er tat sich 1967 mit einem ebenso straßenbahnbegeisterten Kollegen zusammen, und beide gründeten die "Arbeitsgemeinschaft Verkehrsgeschichte im deutschen Modelleisenbahnverband der DDR". Ihr Ziel war es, Verkehrsgeschichte zu bewahren. 20 historische Straßenbahnen haben die Vereinsmitglieder seitdem restauriert, immer sonnabends, immer ehrenamtlich. Der älteste ist ein Pferdebahnwagen, gebaut 1883 in Breslau. Ungefähr 30 nicht restaurierte Wagen stehen noch im Depot in Niederschönhausen. Sie sind seit 1969 in der Obhut des Vereins - in dem Jahr überließ die BVG den Bahnpflegern 50 Wagen, die sonst verschrottet worden wären. Alle Bahnen stehen in einer Halle in Niederschönhausen, die dem Verein von der BVG überlassen wurde - ebenso wie das Depot in Schmöckwitz, wo die Werkstatt ist. Manchmal rollen die polierten Waggons über die Schienen in Köpenick: Wenn der Verein eine Fahrt organisiert, wenn eine Hochzeitsgesellschaft in einem der schmucken Stücke durch den Bezirk fahren will, und natürlich bei der Jungfernfahrt.Der Triebwagen Nr. 10 wurde am Sonntag zum zweiten Mal vorgeführt. Er war nämlich der erste Wagen, den die Freizeit-Restaurateure überhaupt wiederhergestellt haben, im Jahr 1969. Aber aus heutiger Sicht sei er doch recht notdürftig restauriert worden, sagt Kubig, eben mit den Materialien, die man auftreiben konnte in der DDR. Also haben die Vereinsmitglieder alles rausgerissen, und den entkernten Wagen zum zweiten Mal wiederhergestellt. Die nächsten beiden Wagen, die die Vereinsmitglieder sich vornehmen, stehen schon in der Werkstatt im hinteren Teil. Es wird wohl wieder 7 000 Arbeitsstunden dauern, sagt Kubig, bis der nächste fertig ist. Immer noch arbeitet der Köpenicker jeden Sonnabend im Depot, den Rest der Woche forscht er zu Hause Straßenbahngeschichte oder lässt selbst gebaute Mini-Trams in seinem Garten fahren. Als er 1945, mit neun Jahren, den ersten Straßenbahnzug fahren sah, sei es um ihn geschehen gewesen, sagt er. So einfach war das. Er wusste, er würde Straßenbahnfahrer werden. Und er ist es geblieben.Infos zu Fahrten mit historischen Bahnen unter www.dvn-berlin.de"Ich bin froh, dass es noch andere Straßenbahn- Verrückte wie mich gibt. " J. Kubig, Gründungsmitglied des Denkmalpflege-Vereins Nahverkehr BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Fahrt in die Vergangenheit: Der Hauptmann von Köpenick und eine modisch passende Dame in der Bahn von 1903.
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