El Salvador war die Hölle unter Palmen. Kein Land Lateinamerikas stand so sehr für staatlichen Kontrollverlust. Mit einer Mordrate von 81 pro 100.000 Einwohner im Jahr galt es als gefährlichstes Land der Erde. Hätte Deutschland 2019 eine vergleichbare Mordrate gehabt, wären es statt rund 750 tatsächlich erfassten Tötungsdelikten etwa 68.000 Morde pro Jahr gewesen – fast 190 am Tag.
Ganze Stadtviertel standen unter Kontrolle der Gangs, Schutzgelderpressung war Alltag, und weite Teile der Bevölkerung trauten sich nicht mehr, nach Einbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Mehr als 3000 Menschen galten als „verschwunden“. Dem gegenüber stand eine politische Klasse, die über Jahrzehnte hinweg von Korruption, Willkür und organisierter Kriminalität geprägt war. In diesem Klima aus Gewalt und Misstrauen trat im Juni 2019 Nayib Bukele sein Amt als Präsident an.
Was folgte, war ein Kraftakt urgewaltigen Ausmaßes: Die Mordrate fiel bis 2023 auf nur noch 2,4 Tötungen pro 100.000 Einwohner – ein Rückgang von über 90 Prozent. Heute ist El Salvador das sicherste Land in Süd- wie Nordamerika.
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Doch obwohl Bukele Anfang Februar 2024 in freien und fairen Wahlen erneut zum Präsidenten El Salvadors gewählt wurde, die EU das salvadorianische Volk zu seiner „Verpflichtung auf die Demokratie“ beglückwünschte und selbst die USA unter Joe Biden gratulierten, gilt Bukele im Westen als autoritär. Kritisiert werden seine Methoden: Massenverhaftungen unter dem seit 2022 geltenden Ausnahmezustand, Megagefängnisse und Berichte über angebliche Menschenrechtsverletzungen stehen im Raum.
Lina Seiche ist eine deutsche Unternehmerin und Autorin. Sie hat ihren Lebensmittelpunkt nach El Salvador verlegt, wo sie eng mit dem Bildungsministerium zusammenarbeitet und Bitcoin-Finanzbildung für Kinder vorantreibt. Im Interview spricht sie über ihre persönlichen Erfahrungen vor Ort, die Transformation des Landes und ihren Blick auf Deutschland.
Frau Seiche, Sie leben und arbeiten seit Ende 2023 in El Salvador. Bilder zeigen Sie regelmäßig mit Präsident Bukele. Wie sind Sie dorthin gekommen und welche Rolle spielen Sie für die Regierung?
Ich komme ursprünglich aus Deutschland, habe viele Jahre im Ausland gelebt und war zunächst Musikerin und Unternehmerin. El Salvador lag lange nicht auf meinem Radar – bis Präsident Nayib Bukele 2021 Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel machte. Das hat mich fasziniert, weil ich Bitcoin schon länger als Werkzeug für finanzielle Souveränität sehe. Ich habe „The Little HODLer“ gegründet, eine Marke mit Comics, Plüschtieren und Bildungsmaterial für Kinder rund um Geld und Bitcoin. Heute arbeite ich direkt mit dem salvadorianischen Bildungsministerium zusammen. Wir entwickeln Schulbücher, Lehrpläne und Pilotprogramme, damit schon Siebenjährige verstehen, was echtes Geld ist, wie Sparen funktioniert, was Eigentum bedeutet und warum Inflation Diebstahl ist. Im Rahmen des „Two Schools a Day“-Programms renovieren wir gerade 500 Klassenzimmer. Für mich ist das die größte Chance meines Lebens: Statt nur zu reden, etwas Bleibendes aufzubauen. Die Menschen hier sind unglaublich aufgeschlossen, und die Regierung handelt pragmatisch und schnell.
Viele Menschen in Deutschland wissen wenig über El Salvador und hören seit Präsident Bukeles Wahl vor allem beißende Kritik an ihm und seinen Reformen. Aber wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich so intensiv mit der Politik des Landes beschäftigen?
Ich habe in sechs Ländern gelebt. Von Politik habe ich mich früher größtenteils ferngehalten. Das erschien mir alles sehr realitätsfern. In El Salvador habe ich zum ersten Mal erlebt, was Politik wirklich bewirken kann, wenn Institutionen funktionieren und Prioritäten richtig gesetzt sind. Das hat mich komplett vom Hocker gehauen. Ich habe angefangen, mich einzulesen, zu vergleichen und mit Leuten zu reden, die das Land leiten. El Salvador war jahrelang vor allem für Kriminalität und Gangs bekannt – das kleinste Land Lateinamerikas. Heute ist Bukele so beliebt, dass sogar in Chile der Wahlsieger gesagt hat: „Ich mache es wie Bukele.“ Da läuft etwas richtig, und das wollte ich in die Welt tragen.
„Vor 2019 war El Salvador politisch gesehen ein Failed State. Der Bürgerkrieg in den 1980er-Jahren – ein Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion – hatte rund eine Million Menschen vertrieben“, sagt Lina Seiche.
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Wie war die Lage in El Salvador vor Bukeles Wahl 2019?
Vor 2019 war El Salvador politisch gesehen ein Failed State. Der Bürgerkrieg in den 1980er-Jahren – ein Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion – hatte rund eine Million Menschen vertrieben, die meisten flohen in die USA. Nach dem Friedensabkommen 1992 entstand ein Zwei-Parteien-System: ARENA und die FMLN. In den Neunzigern deportierten die USA Zehntausende Salvadorianer zurück, die in Los Angeles Gangs wie MS-13 gegründet hatten. Diese kamen mit amerikanischem Style in ein armes Land ohne starke Polizei. Hinzu kam ein Gesetz, das die Verhaftung Minderjähriger erschwerte – die Gangs rekrutierten daraufhin massenhaft Kinder. Irgendwann kontrollierten sie bis zu 80 Prozent des Territoriums, erpressten Schutzgelder, die sogenannte „Renta“, bestimmten Wahlergebnisse und hatten Politiker in der Tasche. Die Mordrate war extrem hoch, die Wirtschaft am Boden. Nach dem Bürgerkrieg starben durch die Gangs mehr Menschen als während des Krieges selbst.
Wie muss man sich die Gewaltherrschaft der Gangs konkret vorstellen?
Sie kontrollierten ganze Territorien – man konnte teils nicht einmal von einer Straße zur nächsten gehen, ohne bedroht zu werden. Erpressung war Alltag: Geschäfte mussten zahlen, sonst wurde man am helllichten Tag erschossen. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, Jungen von der Schule abgeholt und gezwungen, der Gang beizutreten – es hieß entweder Gang oder Tod. Kinder wurden als Aufpasser oder Geldeintreiber eingesetzt. Es gab Macheten-Massaker: Menschen wurden gefesselt, mit dem Gesicht nach unten auf den Boden gelegt, und ihnen wurden Körperteile abgehackt – Hände, Arme, Finger. Die Täter filmten sich dabei selbst. Kinder wurden vor den Augen ihrer Eltern vergewaltigt, Eltern vor den Augen ihrer Kinder umgebracht. El Salvador war zu seinen schlimmsten Zeiten dreimal gefährlicher als Haiti auf dem Höhepunkt seiner Krise 2024. Das war kein Klischee, das war Alltag.
Wie hat Bukele das verändert – Stichwort Territorial Control Plan und Ausnahmezustand?
Bukele hat zuerst die Sicherheitslage geklärt – ohne Sicherheit nützt alles andere nichts. Der Territorial Control Plan war von Anfang an durchgeplant, wurde aber zugleich immer wieder angepasst: Polizei und Militär wurden verstärkt, soziale Maßnahmen eingeführt, Gang-Territorien umzingelt und zurückerobert. 2022 erklärten die Gangs dem Staat den Krieg: An einem einzigen Wochenende wurden 84 Menschen ermordet, geplant waren ursprünglich Hunderte. Bukele rief daraufhin den Ausnahmezustand aus. Zehntausende Gang-Mitglieder wurden inhaftiert. Die Mordrate fiel auf unter zwei pro 100.000 Einwohner. Früher liefen hier rund 75.000 Mörder frei herum – umgerechnet auf Deutschland wären das 800.000 bis 900.000 Menschen. Der Staat hat sein Territorium zurückerobert. „Freiheit entsteht durch Ordnung“ ist hier gelebte Realität. Bemerkenswert: Bei der großen Operation 2022 starb trotz bestehender Kill-Listen der Gangs kein einziger Zivilist.
„Gangs kontrollierten ganze Territorien – man konnte teils nicht einmal von einer Straße zur nächsten gehen, ohne bedroht zu werden. Erpressung war Alltag.“
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Welche weiteren Reformen hat der Präsident vorgenommen?
Bitcoin als Zahlungsmittel, Bürokratieabbau, Infrastrukturprojekte, Tourismusförderung und Bildung. Mit „The Little HODLer“ schreiben wir Schulbücher für Grundschüler: Was ist Geld? Was ist Inflation? Warum ist Bitcoin hartes Geld? Wir renovieren Klassenzimmer – mit Bücherregalen, Gesellschaftsspielen und ansprechender Gestaltung – im Rahmen des „Two Schools a Day“-Programms. Das Ministerium ist dabei extrem offen: Wenn eine Idee gut ist und zu den Werten des Landes passt, wird sie umgesetzt.
Warum stößt das auf so massive Kritik von Human Rights Watch, den Vereinten Nationen, Amnesty International und westlichen Medien?
Human Rights Watch hat El Salvador vor 2019 kaum erwähnt. Plötzlich, als Bukele kam, ging es nur noch um die Rechte der Gang-Mitglieder im Gefängnis – nie um die Opfer. Das finde ich bizarr. Die Organisationen kümmern sich um die Menschenrechte der Mörder, Vergewaltiger und Erpresser, die ein ganzes Land als Geisel genommen haben. Die eigentlichen Opfer – Zehntausende Salvadorianer – werden ignoriert. Die Gangs hatten sogar Rituale, bei denen Kinder geopfert wurden. Praktisch jeder hier hat eine eigene Geschichte mit den Gangs. Die westlichen Medien und Organisationen stellen sich damit faktisch gegen 94 Prozent der Bevölkerung und helfen den Kriminellen. Das Narrativ ist ideologisch geprägt: Bukele gilt als unkontrollierbar, weil er sich internationaler Einflussnahme entzieht. Gleichzeitig ist er medienwirksam und erklärt komplexe Sachverhalte einfach – deshalb der „Strongman“- oder „Dictator“-Vorwurf, obwohl er demokratisch gewählt wurde und eine Zustimmung von über 90 Prozent genießt.
„Human Rights Watch hat El Salvador vor 2019 kaum erwähnt. Plötzlich, als Bukele kam, ging es nur noch um die Rechte der Gang-Mitglieder im Gefängnis – nie um die Opfer. Das finde ich bizarr.“
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Sie haben erwähnt, dass auch internationale Organisationen und ausländische Regierungen versucht haben, Einfluss auf El Salvador zu nehmen. Können Sie das konkretisieren – welche Rolle haben etwa die USA und USAID gespielt?
Das lässt sich leicht nachlesen, dafür gibt es etliche Belege. 2021, unter der Biden-Administration, hat man sich offen eingemischt: Foreign Aid, die eigentlich an El Salvador ging, wurde stattdessen an die Opposition umgeleitet. Kleinere Länder, die geopolitisch kaum Gewicht haben, geraten schnell in den Einflussbereich größerer Mächte – am Ende geht es dabei um Macht und Kontrolle über eine Region, nicht um das Land selbst. Was in El Salvador noch hinzukam: Bukele hat sich dieser Kontrolle entzogen. Dafür gab es bis dahin keinen Präzedenzfall – dass ein kleines Land sagt, seine Politik bestimme es selbst. Besonders deutlich wird das in einem Bericht des US-Finanzministeriums von 2021, der die Behauptung aufstellt, die salvadorianische Regierung habe einen geheimen Pakt mit den Gangs geschlossen. Dieser Bericht war komplett erfunden – inhaltlich stammten die Vorwürfe aus der Ära der Vorgängerregierungen, nicht aus der Bukele-Zeit, und es gab nicht einen einzigen Beleg dafür. Trotzdem wurde der Bericht an Reuters und andere große Medien weitergegeben, fand seinen Weg auf Wikipedia – und auf diese Weise hat sich das Gerücht bis heute gehalten, obwohl es bei genauerer Prüfung in sich zusammenfällt.
Sie sagen, dass dieser Vorwurf an demokratischer Legitimität vorbeigeht. Wie meinen Sie das genau?
Ich finde es ironisch und heuchlerisch, dass einem Präsidenten, der seine Macht demokratisch erworben hat, vorgeworfen wird, er kontrolliere das ganze Land und die Gewaltenteilung funktioniere nicht. Aber warum kontrolliert er das? Weil die Menschen ihm diese Macht gegeben haben – in jeder einzelnen Wahl und mit mehr Zustimmung als in der vorangegangenen. Selbst nachdem er den Ausnahmezustand ausgerufen hatte. Die Demokratie funktioniert hier so gut, dass man sich das in Deutschland kaum vorstellen kann.
Kritiker entgegnen oft, die hohen Zustimmungswerte seien nicht authentisch – die Menschen hätten Angst, anders zu antworten, oder seien manipuliert. Wie reagieren Sie auf solche Einwände?
Dann schauen Sie sich die Diaspora an: In den USA und weltweit haben die im Ausland lebenden Salvadorianer mit 98 Prozent für ihn gestimmt. Wovor sollten die Angst haben? Dann kommt oft das nächste Argument: Die Leute wüssten gar nicht, was mit ihnen geschieht, in ein paar Jahren würden sie es schon merken. Das ist letztlich ein Totschlagargument – damit lässt sich am Ende alles behaupten, und ein Gespräch wird unmöglich. Im Kern wird den Menschen damit ihre Souveränität abgesprochen. Die Menschen sind heute wieder stolz auf ihr Land.
„Eine Demokratie ist nicht unfehlbar – wie jedes andere System hat sie ihre Schwachstellen, auch wenn man das heute kaum noch aussprechen darf, ohne schief angeschaut zu werden.“
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Bukele bezeichnet sich – mit Bezug auf Platons „Der Staat“ – als jemand, der dem Ideal des Philosophenkönigs nacheifert. Was hat es damit auf sich?
Philosophenkönig ist ja auch keine Person, sondern ein Konzept. Selbst bei Platon ist dargestellt, dass diese Person eigentlich nicht existiert, sondern dass ein Herrscher sich bemühen sollte, so zu regieren wie ein Philosophenkönig. Genau das ist sein Bestreben. Philosophie in die Politik einzubringen heißt, jede Entscheidung mit dem Blick darauf zu treffen, dass sie nicht aus Machtstreben erfolgt, sondern aus dem Bemühen, das Land und die Bevölkerung voranzubringen. Viele Politiker handeln heute entweder aus reinem Machtkalkül oder fragen sich nur, wie sie kurzfristig Zustimmung gewinnen. Er regiert anders – er hat ein Ideal für das Land und verfolgt dieses Ideal, auch wenn er weiß, dass manche Entscheidungen den Menschen im Moment nicht gefallen.
Können Sie das an einem konkreten Beispiel verdeutlichen?
In der Pandemie wurden fast alle Staatsoberhäupter der Welt mit der Zeit unbeliebt. Bukele hatte in dieser Phase seine höchste Zustimmungsrate überhaupt – fast 97 Prozent. Das war zu einer Zeit, als er sich gegen das Verfassungsgericht und das Parlament stellte, weil er Lockdowns durchsetzen wollte, während andere das Land bereits wieder öffnen wollten. Man entzog ihm über Monate hinweg nahezu alle politischen Mittel, bis er schließlich sagen musste: „Ich habe keine Macht mehr – aber ich bitte euch trotzdem, zu Hause zu bleiben.“ Und viele Menschen sind ihm gefolgt. Um einen solchen Status zu erreichen, reicht es nicht, schnelle Versprechen zu machen oder die eigene Macht auszunutzen – Menschen spüren, welche Absichten jemand wirklich verfolgt. Platon hat sogar gesagt: Der Philosophenkönig will die Macht eigentlich gar nicht, er hat sie nur, weil er sie braucht. Genau das macht ihn zum perfekten Philosophenkönig – dass er die Macht nicht begehrt, sie aber dennoch ausübt, weil es notwendig ist.
„Wir renovieren gerade 500 Klassenzimmer. Für mich ist das die größte Chance meines Lebens: Statt nur zu reden, etwas Bleibendes aufzubauen.“
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Sie haben in Ihrem Video „The Age of Kings“ auch über den Anakyklosis-Zyklus von Polybios gesprochen – den historischen Kreislauf von Monarchie über Tyrannei und Aristokratie bis zur Anarchie, der dann von vorn beginnt. Ist der Philosophenkönig der Versuch, aus diesem Zyklus auszubrechen?
Eine Demokratie ist nicht unfehlbar – wie jedes andere System hat sie ihre Schwachstellen, auch wenn man das heute kaum noch aussprechen darf, ohne schief angeschaut zu werden. Im 20. Jahrhundert haben wir zum ersten Mal eine auf Demokratie und Gewaltenteilung aufgebaute, weitgehend einheitliche Weltordnung geschaffen. Der Sinn der Gewaltenteilung ist es, zu verhindern, dass eine einzelne Person die gesamte Macht im Staat an sich reißt. Der Preis dafür ist ein langsameres System mit mehr Beteiligten – das nimmt man in einer funktionierenden Demokratie gerne in Kauf. Das „New Age of Kings“ beschreibt, was passiert, wenn dieses System zerfällt – wenn Institutionen korrumpiert werden, wie es in El Salvador der Fall war, aber durchaus auch in wohlhabenderen Ländern geschehen kann. Dann entsteht das Schlechteste aus beiden Welten: ein System, das gleichzeitig langsam und korrupt ist. Das spüren die Menschen, und es entsteht ein Machtvakuum. In dieses Vakuum kann ein „New Age King“ eintreten – jemand, der sagt: „Ich repariere dieses System.“ Bukele verkörpert dieses Ideal aus meiner Sicht am stärksten von allen – erkennbar schon daran, dass er derzeit das beliebteste Staatsoberhaupt der Welt ist.
Worin liegt dabei das Risiko?
Das Risiko besteht darin, dass jemand auftritt und sagt: „Ich verändere das System grundlegend, aber dafür müsst ihr mir vertrauen und mir die nötige Macht übertragen.“ Es kann dann passieren, dass man an jemanden gerät, der dieses Vertrauen missbraucht. Handelt die Person hingegen moralisch und integer, lässt sich eine kaputte Demokratie – langsam und korrupt zugleich – tatsächlich wieder reparieren. Genau das ist in El Salvador geschehen. Andere Länder haben versucht, das zu kopieren – etwa Ecuador, Honduras oder Costa Rica –, sind aber daran gescheitert, dass die jeweiligen Präsidenten nicht über die nötige Macht verfügten, um es durchzusetzen, und letztlich am Parlament scheiterten. Dort hat die Gewaltenteilung sich zwar formal durchgesetzt, das eigentliche Problem aber nicht gelöst. Folgt man dem Zyklus, würde auf die Monarchie eigentlich die Tyrannei folgen, weil die Macht ja weiterhin bei einer einzelnen Person konzentriert bleibt. Wie es tatsächlich weitergeht, steht allerdings in den Sternen.
Wie stellt ein Staatsoberhaupt sicher, dass ein solches Projekt den eigenen Tod überdauert? Selbst Alexander der Große ist daran gescheitert.
Ich glaube, eine der größten Herausforderungen für alle bedeutenden Herrscher der Geschichte bestand darin, ihr Werk über den eigenen Tod hinaus zu sichern. Lee Kuan Yew in Singapur hat sich darüber sehr intensiv Gedanken gemacht – er ist zurückgetreten, blieb aber bis zu seinem Tod als Berater aktiv, und Singapur funktioniert bis heute mit stabilen Zustimmungswerten. Das Bestreben Bukeles ist es nun, zunächst alles aufzubauen und anschließend dafür zu sorgen, dass es Bestand hat. El Salvador ist an diesem Punkt noch nicht angekommen, aber das liegt in seinem ureigensten Interesse – weil es ihm um sein Vermächtnis geht. Das ist eigentlich eine Haltung, die jedes Staatsoberhaupt haben sollte. Viele denken jedoch nur in Zeithorizonten von vier oder fünf Jahren, weil sie sonst fürchten, die nächste Wahl zu verlieren. Ein Land lässt sich aber nicht dauerhaft mit rein kurzfristiger Politik führen – sonst zerfällt es irgendwann.
Wie blicken Sie aus El Salvador auf Deutschland?
Ich liebe Deutschland, aber aus der Ferne sehe ich den Verlust des Sicherheitsgefühls, überbordende Bürokratie und einen fehlenden Patriotismus. In El Salvador erleben die Menschen echten Stolz und einen echten Aufbruch. In Deutschland wird Patriotismus dagegen fast als etwas Schlechtes dargestellt. Ein reiches Land mit so vielen Möglichkeiten zerfällt langsam, während sich hier ein armes Land neu erfindet. Das tut mir weh. Deutschland kann so viel und macht so wenig daraus.
Würden Sie Deutschen empfehlen, nach El Salvador zu kommen?
Absolut. Es ist sicher, pragmatisch und voller Möglichkeiten. Hier kann man gestalten und etwas Bleibendes schaffen. Viele Deutsche sind bereits hier. Wer Ideen hat und etwas bewegen möchte, sollte herkommen und es sich anschauen. Man sieht dann, was möglich ist, wenn der Staat den Menschen dient.
Welche Bedeutung hat die Präsidentschaft von Nayib Bukele über die Grenzen El Salvadors hinaus?
El Salvador zeigt, dass echte Veränderung möglich ist, wenn Führungsstärke, Mut und der Wille der Bevölkerung zusammenkommen. Ich bin hier, weil ich Teil von etwas Größerem sein möchte – etwas, das überdauert. Man kann in komfortablen Ländern leben, aber hier lässt sich wirklich etwas bewirken. Das ist für mich der entscheidende Unterschied.
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