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Ich bin nie ganz angekommen. Weder im Westen, wo ich geboren wurde, noch im Osten, wo man mich sofort als eine der ihren erkannte. Die Sexarbeit-Kunden nannten mich „die Ossi“, obwohl ich im Ruhrgebiet aufgewachsen war. Die Ossis selbst sagten mir als Erstes, ich solle schreiben statt forschen. Und mitten in den Trümmern der Einheit lernte ich, wie sehr Worte selbst zu Waffen werden können – besonders die der Treuhand-Propaganda.
Der Ruhrpott war mein erster Hybrid. Vater aus Sachsen, die mütterliche Linie aus Polen, beide nach Kriegen und Hunger ins Revier geworfen wie Koffer auf einen Bahnsteig, der nie richtig fertiggebaut wurde. Kohle, Stahl, später Leerstand. Ich wuchs zwischen Trümmermentalität und Aufbauwillen auf, zwischen polnischen Pierogi und sächsischem Granteln. Wir waren die, die immer von woanders kamen und trotzdem blieben.
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Ein langsames Sterben mit Puffer
In den 90er-Jahren zog es mich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Osten, um meine Doktorarbeit über künstliche Regionen zu schreiben. Die Landschaften glichen sich erschreckend: verlassene Fabrikhallen, rostende Gleise, Menschen, deren Biografien plötzlich brüchig geworden waren. Was im Ruhrgebiet über Jahrzehnte langsam verrottet war – das Zechensterben, der schleichende Abschied von Kohle und Stahl seit den 60er-Jahren –, geschah hier innerhalb weniger Jahre. Ein brutaler Beschleuniger der Entwertung.
Im Ruhrpott hatte der Strukturwandel Zeit. Jahrzehnte von Subventionen, Sozialplänen, Umschulungen und dem langsamen Aufbau neuer Identitäten – Universitäten, Kultur, Dienstleistungen. Schmerzhaft genug, mit hoher Langzeitarbeitslosigkeit und ganzen Stadtteilen, die vor sich hin rosteten. Aber es war ein langsames Sterben mit Puffer. Im Osten dagegen kam die Schocktherapie. Die Währungsunion, der Weltmarkt, die Treuhand – alles auf einmal. Was im Pott 40, 50 Jahre dauerte, wurde hier in drei, vier Jahren durchgezogen. Dieselben entwerteten Männer, dieselben verlorenen Perspektiven, nur ohne Schonzeit.
Genau in dieser Zeit begegnete ich dem Wirtschaftsprüfer, einem meiner späteren Kunden. Für die Treuhand war er durch die ostdeutsche Industrielandschaft gezogen und hatte nur einen Satz übrig: „Alles Schrott.“ Kein böser Wille, nur die kalte Sachlichkeit des Inspektors, des Wirtschaftsprüfers.
Dieser Satz wurde für mich zum Schlüssel. Er stand für die offizielle Treuhand-Erzählung: Die DDR-Wirtschaft sei von Grund auf marode gewesen, unproduktiv, ökologisch verrottet, dem Weltmarkt nicht gewachsen. „Blühende Landschaften“ versprach man, während man gleichzeitig ganze Betriebe und Lebensentwürfe als „nicht rettenswert“ abstempelte. Die Propaganda war klar: Wir retten die Perlen, der Rest muss weg.
Doch unter dieser offiziellen Meistererzählung brodelte die andere Seite – die ostdeutsche Gegenerzählung der kolonialen Abwicklung. Die Treuhand als Instrument westdeutscher Interessen, das unliebsame Konkurrenz zerschlug, Filetstücke billig verschacherte und den Rest als „Schrott“ entsorgte. Beide Narrative waren Propaganda, beide enthielten Wahrheit.
Die Planwirtschaft war tatsächlich am Ende. Aber die Art und Weise, wie sie liquidiert wurde, trug oft genug die Handschrift des arroganten Siegers. Viele ostdeutsche Biografien zerbrachen nicht nur an ökonomischen Fakten, sondern an der kulturellen Entwertung: plötzliche Zweitklassigkeit, das Gefühl, dass das eigene Leben plötzlich als historischer Irrtum galt.
Stillgelegte Zeche Phoenix in Dortmund: Was im Ruhrgebiet über Jahrzehnte langsam verrottet war – das Zechensterben, der schleichende Abschied von Kohle und Stahl seit den 60er-Jahren –, geschah im Osten innerhalb weniger Jahre.
© Sepp Spiegl/Imago
Eine Ermutigung wird zum stillen Freibrief
Diese doppelte Trauer sah ich in den Gesichtern der Menschen, mit denen ich forschte. Ich sah die gleichen Muster wie im Ruhrgebiet der 80er-Jahre: entwertete Männer, verlorene Perspektiven, ein Stolz, der sich nur noch in Abgrenzung ausdrücken konnte. Schon damals prophezeite ich, dass der Rechtsextremismus im Osten sich nicht einfach „auswachsen“ würde. Mein Professor, ein waschechter 68er-Liberaler, gutmütig und vom Fortschritt der Geschichte überzeugt, lächelte milde: „Das stirbt aus, natürlich. Die Jungen werden anders.“ Er glaubte an die sanfte Kraft der Zeit. Die Geschichte jedoch vererbt sich. Die Demütigung saß zu tief.
Die Ossis selbst waren es, die mich früh bestärkten: „Du solltest schreiben, Mädchen. Nicht forschen.“ Sie erkannten etwas in mir, das die westdeutsche Wissenschaft nie wollte, eine Stimme, die nicht in Förderanträge passte. Diese Ermutigung wurde zum stillen Freibrief. Sie hat meine spätere Entscheidung, aus dem Betrieb auszusteigen, beflügelt. Nicht aus Resignation, sondern aus einer tiefen Müdigkeit gegenüber Systemen, die Exzellenz predigen und gleichzeitig ganze Regionen und Menschen entwerten und wie Schrott behandeln.
Später, in der Sexarbeit, tippten mich ost- und westdeutsche Kunden sofort als „Ossi“. Vielleicht lag es am Dialekt, vielleicht an einer melancholischen Direktheit. Ich widersprach selten. Es fühlte sich ehrlicher an. In gewisser Weise war ich eine geworden – eine, die beide Seiten der Treuhand-Propaganda und beide Formen des Strukturwandels mit eigenen Augen gesehen hatte: den langsamen, gepolsterten Abschied des Ruhrgebiets und die kalte, rasende Entwertung des Ostens.
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Melancholie des Vaters, Zähigkeit der Mutter
Heute stehe ich als Wossi zwischen den Welten. Nicht ganz Ossi, nicht ganz Wessi. Die sächsische Melancholie des Vaters einerseits, die polnische Zähigkeit der Mutter andererseits. Die Wissenschaft habe ich abgelegt wie eine alte Haut. Das Schreiben blieb. Es ist das Einzige, das sich nicht wie Schrott anfühlt.
Manchmal, wenn ich durch halb verlassene Orte fahre, im Osten oder im Pott, spüre ich diese doppelte Trauer besonders deutlich: um das, was einmal war, und um das, was nie richtig zusammengewachsen ist. Zwei Deutschland in einem Körper. Ein Hybrid, der nirgends ganz zu Hause ist – und gerade deshalb vielleicht die ehrlichsten Geschichten erzählen kann.
Martyra Peng, geboren 1968, lebt und schreibt in Berlin. Sie ist Autorin von „Kohle“, „I/O“, „Sexwork 3.0“, „Workuta“, „Simas Schweigen“ und „Die unsichtbare Frau“. „Der Magnolienbaum“ ist am 8. Mai erschienen.
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