Vielleicht machen wir erstmal eine kleine Führung". Folkert Uhde und Jochen Sandig sehen müde aus. Aber das gilt nur, bis die Bauhelme auf dem Kopf sitzen und der Hotel-Parkplatz überquert ist. Kaum ist "ihre" Baustelle in Sicht wirken die beiden wie elektrisiert, obwohl sie doch jeden zweiten Tag hier vorbei kommen. Ihre Baustelle, das ist ein 1904 erbautes Pumpwerk, direkt an der Spree gelegen, in Sichtweite des Ostbahnhofs. Mehrere Jahrzehnte stand es leer, ein Gebäudeteil wurde im Krieg zerstört, die Staatsoper und der Sender RTL hatten im intakten, denkmalgeschützten Flügel zeitweise Material gelagert.Jetzt entsteht hier ein riesiger, 2 500 qm großer Veranstaltungsort mit zwei Theatersälen, drei Studios, Cafés, Verwaltungsräumen, Terrassen und Gärten. Ein fast wahnwitziges Projekt, weil es fast ohne Subventionen auskommt. Nie wäre es dazu gekommen, hätten Uhde und Sandig nicht im vergangenen Jahr gemeinsam eine der erfolgreichsten Operninszenierungen der Saison produziert: "Dido & Aeneas", eine Kooperation von der Starchoreografin Sasha Waltz und der Akademie für Alte Musik. Renommierte Produzenten wie Gerard Mortier oder Jürgen Flimm hatten sich für das Projekt interessiert - und sprangen wieder ab. Denn das eine große Oper ganz ohne Subventionen entstehen könnte, schien ihnen ein Ding der Unmöglichkeit. Sie wurden von Uhde, dem Manager der Akademie für Alte Musik und Sandig, dem Lebensgefährten von Sasha Waltz und Co-Direktor der Compagnie Sasha Waltz & Guests eines Besseren belehrt.Wenn man eine Oper frei produzieren kann, warum sollte das nicht auch mit einem Theater möglich sein, fragten sich Uhde und Sandig. So ist die Idee für das "Radialsystem" entstanden.Die "kleine Führung" durch den neuen Ort wird eine Stunde dauern - und immer noch hat man nicht jeden Raum betreten und aus jeder Perspektive die großartige Aussicht bewundert. Berlin bekommt mit dem "Radialsystem" tatsächlich ein neues Theater. Eines, an dem - so kulturgesättigt die Hauptstadt auch scheinen mag - tatsächlich etwas Neues, Eigenes entstehen könnte."Radialsystem" steht seit hundert Jahren in großen Lettern an dem Klinkerbau, der nach Entwürfen des Architekten Gerhard Spangenberg um einen spektakulären Glasanbau erweitert wird. Mit "Radialsystem" bezeichnete man damals die neuesten Umlaufverfahren in der Klärtechnologie. "Demnächst", sagt Uhde, "soll es auch für neue Umlaufverfahren im Kunstbetrieb stehen." Denn Geld verdienen wollen Ude und Sandig nicht mit Entertainment, sondern mit Hochkultur. Allerdings einer, die mit den gängigen Mustern bricht.Die Szenegänger aus den benachbarten Clubs "Berghain" und "Maria am Ostbahnhof" will man genauso gewinnen, wie die Waltz-Fans aus der Schaubühne und die Barock-Fans der Akademie der Alten Musik. Alte Musik will man mit Zeitgenössischen Tanz, Klassisches Konzert mit Neuen Medien, Bildende Kunst mit Live Performance zusammen bringen. "Dass der klassischen Musik das junge Publikum fehlt", sagt Uhde, "hat viel mit den Präsentationsformen zu tun. Und mit den Orten an denen die Konzerte stattfinden."Mit der Kölner Philharmonie, die bereits seit längerer Zeit mit inszenierten Konzerten experimentiert, ist man eine feste Partnerschaft eingegangen. Auch die Opernhäuser Berlins haben ihr Interesse an einer Zusammenarbeit bekundet. Denn nicht nur ästhetisch stößt das "Radialsystem" in eine Lücke. Es fehlt, trotz der unzähligen Bühnen in der Stadt, ein mit allen Schikanen ausgerüsteter Saal in genau dieser Größenordnung.Seit zwei Jahren wird das "Radialsystem" geplant, vor einer Woche war Richtfest, und im September soll die Eröffnung gefeiert werden. Nicht ein Cent Subventionen sind bislang geflossen, der Investor hat sich nach den Wünschen von Uhde und Sandig gerichtet und mit ihnen einen zehnjährigen Mietvertrag abgeschlossen, mit der Option auf eine zehnjährige Verlängerung.Und der Architekt Spangenberg hat gebaut: Einen in alle Richtungen durchlässigen, fantastischen Bau mit zwei Theatersälen in der ehemaligen Maschinenhalle und im Kesselhaus. 600 qm groß ist die eine, 400 qm die andere Halle. Oben, an der gut zehn Meter hohen Decke der Maschinenhalle, sieht man die alte Holzkonstruktion und eine gusseiserne, hundert Jahre alte Lastenkranbahn, die in Zukunft nicht für Klär-, sondern für Bühnenarbeiten genutzt wird. Unten ist der Boden mehrere Meter tief aufgerissen: Die Unterbühne, das Juwel, das diese von allen anderen leer stehenden und als Theater genutzten Industriehallen unterscheiden wird, ist gerade fertig gebaut. Bühnen-Hightech und denkmalgeschützte Industriearchitektur verbinden sich auf allen Ebenen.Stars wie René Jacobs, Katia und Marielle Labeque und William Forsythe gehören zu den Unterstützern, die hier in Zukunft arbeiten und zum Teil auch auftreten wollen. Die Akademie für Alte Musik und die aus der Schaubühne ausgewanderte Sasha Waltz (die zwar schon über neue Büros aber noch nicht über Probenräume verfügt) werden hier eine neue Heimstatt finden.Es soll ein Ort für Künstler werden, das ist in der gesamten Planung mitbedacht. Die 400 qm große, überdachte Terrasse, von der man von hoch oben, aus dem dritten Stock auf die dahinfließende Spree, auf die gegenüberliegende Gewerkschaftszentrale von Verdi und Brachland schaut, hat sich Sasha Waltz bereits als Sommer-Probendomizil auserkoren. "Hier kann man sogar arbeiten, wenn es regnet." Jede Ecke des Gebäudes ruft danach bespielt zu werden. Dort, auf der anderen Seite des Wassers könnte man auch spielen und die Zuschauer sitzen auf der Terrasse und schauen zu.Nur wenn man nach der Finanzierung fragt, sehen Uhde und Sandig aus als hätten sie Zahnschmerzen. Die Gastronomie, die Vermietung der Studios, die Kartenerlöse und ab und an Vermietungen des Gebäudes an die Wirtschaft, das muss zumindest vorerst reichen.------------------------------Die Betreiber: Jochen Sandig und Folkert Uhde (Foto, v.l.) sind geschäftsführende Gesellschafter und künstlerische Leiter des "Radialsystems". Die Inneneinrichtung haben sie mit einem Ein-Millionen-Kredit finanziert, als Gesellschafter haften sie persönlich.Der Investor: Für 8 Millionen Euro hat die Telamon Vermögensverwaltung OHG aus Bochum das ehemalige Pumpwerk in der Holtzmarktstraße zu einem Theater umgebaut. Die Investition soll sich durch die Mieteinnahmen amortisieren.------------------------------Foto : Zentral gelegenes, großzügig geschnittenes Domizil auf Wassergrundstück - in Berlin finden sich die rechten Behausungen für Bühnenkünstler.
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