Christiane F. Dieser Name ist untrennbar mit dem Bahnhof Zoo verbunden, mit Drogen und Prostitution. Christiane F. ist inzwischen erwachsen, nach vielen Rückfällen schaffte sie den Absprung. Aber wie steht es um die neue Generation? Gibt es die Kinder vom Bahnhof Zoo noch?Der Berliner Diplom-Psychologe Stefan Thomas ist dieser Frage nachgegangen. Ein Jahr lang streifte er mit Streetworkern des gemeinnützigen Vereins "Treberhilfe e.V." um den Bahnhof in der City West. Immer auf der Suche nach Schicksalen wie dem der Christiane F. Eines war schnell klar: Die neue Generation der "Kinder" ist anders. Älter. Die meisten sind zwischen 18 und 27 Jahre alt. Und sie sind verzweifelter. Und noch tiefer im Drogensumpf. "Ihr Leben am Bahnhof Zoo ist kein Ausdruck eines Jugendkultes, wie es damals war", so der Psychologe. "Sie kommen aus kaputten Familien und nehmen alles an Drogen, was sie in die Finger bekommen."Eine, die das Leben am Bahnhof Zoo miterlebt hat, ist die 24-jährige Anja. Sie ist 1997 dort gelandet, "durch Zufall", wie sie sagt. Zu Hause in Potsdam habe sie nur Stress gehabt. Gewalt vom Stiefvater, Gewalt von Mitschülern. Eines Tages war sie in Berlin unterwegs, auf Durchreise. "Ich habe am Zoo jemanden kennen gelernt, einen aus der Szene", sagt sie. "Und bin einfach dageblieben." Geld habe sie nie gehabt, Essen konnte sie immer irgendwie organisieren. Einen Schlafplatz auch. "Ich habe mal hier und mal da geschlafen, Hauptsache nicht zu Hause", erzählt sie. Und dann bringt sie auf den Punkt, was die Jugendlichen am Bahnhof Zoo verbindet. "Ich habe mich dort zum ersten Mal von anderen Menschen akzeptiert gefühlt. Die waren meine neue Familie."Dieses "Wir-Gefühl" kennen die Mitarbeiter der "Treberhilfe" nur zu gut. Ingo Tuchel, einer der sechs Streetworker des Vereins, sagt: "Die Jugendlichen kommen nicht mit dem Ziel zum Bahnhof Zoo, Drogen zu nehmen." Sie treffen Menschen, die ähnliche Schicksale haben, erleben eine Gemeinschaft. "Und dann geraten sie immer tiefer in die Szene hinein." Die Streetworker könnten nur ihre Hilfe anbieten, so Tuchel. "Für uns ist es ein Erfolg, wenn jemand nicht mehr am Zoo auftaucht. Dann ist er wahrscheinlich in einem Wohnprojekt gelandet. Und damit erst mal raus aus der Szene." Aber warum ist diese Szene gerade am Bahnhof Zoo? Stefan Thomas ist sich sicher: "Der Mythos Christiane F. ist einer der Gründe. Die Jugendlichen zählen sich bewusst zu einer Szene, die an sie anschließt." Auch die gute Infrastruktur des Bahnhofs mache den Reiz aus. "Hier gibt es in nächster Nähe viele Läden, die die Alkoholversorgung sichern", so der Psychologe. Und: Die Jebensstraße hinter dem Bahnhof ist ein bekannter Homosexuellen-Strich. Für viele der Jugendlichen die einzige Möglichkeit, ihre Drogensucht zu finanzieren.Anja hat den Absprung inzwischen geschafft. "Die Geburt meiner Tochter im Jahr 2000 hat mich nachdenklich gemacht." Inzwischen habe sie eine eigene Wohnung, die Streetworker seien "ihre Rettung" gewesen. Am Bahnhof Zoo sei sie aber noch oft. "Ich kann den Leuten da meine Erfahrungen weitergeben."Psychologe Stefan Thomas hat zur Studie ein Buch geschrieben. "Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo. Alltag junger Menschen auf der Straße", Verlag Sozialwissenschaften, 22,90 Euro.------------------------------Drogen-KarriereEnde der 70er-Jahre avancierte Christiane Vera Felscherinow unter dem Namen "Christiane F." zu Deutschlands bekanntester Fixerin. Mit gerade einmal 14 Jahren war sie heroinabhängig und prostituierte sich am Bahnhof Zoo.Reporter vom Stern wurden auf das Mädchen aufmerksam und begleiteten es zwei Monate. Das Ergebnis war das berühmte Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", das den brutalen Alltag der Drogenszene darstellt. Das Buch wurde sogar verfilmt.Heute ist Christiane F. 43 Jahre alt, lebt mit ihrem Sohn in Berlin-Neukölln und gilt als clean.------------------------------Foto: Christiane F. war Deutschlands bekannteste Fixerin.
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