Eine vertane Chance: "Das Tagebuch der Anne Frank" als rührseliges Musical in Madrid

Alle weinen, auch die Darsteller

Martin Dahms
4 Min

Am 6. Juni landen die ersten US-amerikanischen und britischen Truppen in der Normandie, und Anne Frank ist voller Optimismus. "Sollte dieses Jahr, dieses 1944, uns den Sieg schenken? Wir wissen es noch nicht, aber die Hoffnung belebt uns, (.) macht uns wieder stark", schreibt sie in ihr Tagebuch. Und am 21. Juli, einen Tag nach dem missglückten Hitler-Attentat: "Nun werde ich hoffnungsvoll, nun endlich geht es gut." Zwei Wochen später wird sie in ihrem Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht 263 festgenommen. Im März 1945 stirbt sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus.Wer Anne Franks Tagebuch liest, das sie zwei Tage nach ihrem 13. Geburtstag beginnt, liest das Ende immer mit. Der Leser weiß um ihren Tod. Jede Zeile wird zu einer Zeile über den Holocaust. "Nun werde ich hoffnungsvoll, nun endlich geht es gut." Wie können wir Annes Hoffnung teilen, wenn wir wissen, dass sie zwei Wochen später ihren langen Weg in den Tod antritt? Wir teilen ihre Hoffnung nicht. Wir lassen uns von ihrer Hoffnung rühren.Rafael Alvero, der Produzent, und José Luis Tierno, der Librettist und Komponist von "Ana Frank - Un canto a la vida" (Anne Frank - ein Gesang auf das Leben), sind den einfachen Weg gegangen: den der Rührung. Ihr Musical, das nun im Madrider Teatro Calderon sein Uraufführung erlebt, treibt den Zuschauern die Tränen in die Augen. Wie auch nicht, wenn dieses fröhliche Mädchen davon träumt, auf Flügeln in die Freiheit hinaus zu fliegen, wenn sie brüllende Nazis aus ihrem Versteck reißen, wenn der Schlusschor beschwörend "Nie wieder!" singt? Die Schauspieler selbst treten zum Schlussapplaus mit verheulten Gesichtern vor das Publikum. Der Erfolg des Musicals ist absehbar, nicht nur in Spanien.Der Schauspieler Buddy Elias, mit 82 Jahren der letzte lebende direkte Verwandte von Anne Frank, ihr vier Jahre älterer Vetter und Präsident des Anne-Frank-Fonds in Basel, war von Beginn an skeptisch. Ein Musical? "Nicht, dass mir die Idee nicht gefällt - sie entsetzt mich", sagte er. Seine Skepsis stellte das Genre unter Generalverdacht und tat ihm damit Unrecht. Aber mit seiner Skepsis hat er schließlich doch Recht behalten.Anne Frank schreibt in ihrem Tagebuch nicht über den Holocaust, sondern über sich selbst. Sie ist ein Backfisch, der das Erwachsenwerden probt. Das Hinterhaus in der Prinsengracht wird zum Labor für die Beschleunigung ihres Reifeprozesses. Anne ist ein fröhliches, kapriziöses, aufsässiges, kluges, aufmerksames, pubertär-arrogantes Mädchen. Sie sucht ihren Platz in der Welt, und ihre Welt ist 25 Monate lang das Versteck mit seinen acht Bewohnern und den gelegentlichen Besuchen ihrer Helfer. Anne will wissen, wer sie ist. Sie rebelliert gegen ihre Mutter, sie rebelliert gegen ihren geliebten Vater, sie schämt sich ihrer Rebellion, sie verteidigt sich. Und sie schreibt am 5. Mai 1944: "Ich habe gesiegt. Ich bin selbstständig an Leib und Geist." Es ist einer dieser vorübergehenden Siege einer 14-Jährigen.Das Madrider Musical erzählt von diesen Kämpfen nichts. Es traut sich nicht, uns die Welt mit Anne Franks Augen zu zeigen, es zeigt sie uns nur durch den tränenverhangenen Blick dessen, der ihre Hoffnung nicht teilt, weil er ihr Ende kennt. "Ein bewegendes Schauspiel für die ganze Familie" versprechen die Produzenten. Damit es auch was zu lachen gibt, haben sie aus der Hinterhausbewohnerin Petronella van Daan eine mannstolle Karikatur gemacht und aus Annes Zimmergenossen Albert Dussel eine dämliche Knallcharge, und die sich zart anbahnende Liebesgeschichte zum zweieinhalb Jahre älteren Peter van Daan lassen sie als verklemmtes Aufklärungsstückchen über die Bühne gehen. Das ist der Humor spanischer Fernsehserien.Eine vertane Chance. Wenn aber nach jeder Vorstellung zwei oder drei Menschen hinausgehen und sich das Tagebuch der Anne Frank kaufen und es lesen, dann ist "Ana Frank - Un canto a la vida" am Ende doch zu etwas gut. Das Tagebuch macht uns auch ein rührseliges Musical nicht kaputt.------------------------------Die Produzenten haben "ein bewegendes Schauspiel für die ganze Familie" versprochen.------------------------------Foto: Bereits sehr routiniert in der Rolle der Anne Frank zu sehen: die 13-jährige Isabela Castillo.

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