Einem palästinensischen Musiker wurde die Einreise nach Gaza verweigert. Nun appelliert Daniel Barenboim an die Regierung Israels, das kulturelle Leben nicht zu erdrücken

Das verhinderte Adventskonzert

Jan Brachmann
4 Min

BERLIN. Montagmittag im Apollo-Saal der Staatsoper Unter den Linden: Ein Dackelbein-Sessel des DDR-Rokoko steht auf dem Podest im Scheinwerferlicht. Daniel Barenboim rauscht mit grauem Anzug und rosa Krawatte in den Saal, sondiert das Gelände, begrüßt die anwesenden Journalisten mit einem zwanglosen "Guten Tag, guten Tag!" und fragt in seinem weich-verträumten Deutsch: "Muss ich hier vorn sitzen? Ich fühle mich, als ob ich eine gewisse Wichtigkeit hätte". - "Die haben Sie, die haben Sie, Herr Barenboim", beruhigt ihn eine Dame hinterm Kamerateam des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.Barockmusik in Bethlehem"Es geht um eine nicht besonders angenehme Angelegenheit", eröffnet der gebürtige Argentinier Barenboim - Generalmusikdirektor der Staatsoper, weltweit agierender Dirigent und Pianist - die kleine Pressekonferenz, zu der er kurzfristig geladen hat. Es geht um die Barenboim-Said-Stiftung. Im Jahr 2004 wurde sie zur Erinnerung an den palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said gegründet, der vor vier Jahren starb. Nun ist sie bei ihrem Engagement im Nahen Osten empfindlich behindert worden. Zusammen mit dem Goethe-Institut Ramallah im von Israel besetzten Westjordanland, mit Hilfe auch der diplomatischen Vertretung Frankreichs und mit der Qattan-Stiftung richtet die Barenboim-Said-Stiftung seit wenigen Jahren ein kleines Musikfestival aus. So, wie man es in Deutschland zur Adventszeit auch liebt, so sollen die Menschen in Israel und Palästina vor Weihnachten Barockmusik hören können: Bach und Vivaldi, Pergolesi und Corelli. Das funktionierte in den vergangenen zwei Jahren weitgehend reibungslos. Auch in diesem Jahr war eine Tournee des zwanzig Musikerinnen und Musiker umfassenden Orchesters geplant: nach Jerusalem, Nablus, Nazareth, Bethlehem und Gaza.Am vergangenen Sonntag sollte das Orchester in der katholischen Kirche von Gaza spielen. Das Bratschenkonzert Georg Philipp Telemanns stand auf dem Programm. Für die Solo-Bratsche war der 27-jährige Palästinenser Ramzi Abu Redwan vorgesehen. Ramzi, wie Barenboim ihn kurz nennt, arbeitet als Bratschenlehrer im Westjordanland und versucht so, Musik in der Gesellschaft zu verankern, was ein erklärtes Ziel der Stiftung ist.Zum Konzert am Sonntag kam es nicht. Die israelischen Grenzbeamten am Kontrollpunkt Erez verweigerten Ramzi Abu Redwan die Einreise ins Gaza-Gebiet. Die übrigen Orchestermusiker - Franzosen, Briten, US-Amerikaner und Deutsche zumeist - hätten weiterreisen dürfen. Für den Palästinenser sollte die kollektive Einreisegenehmigung des Orchesters nicht gelten. Die Posten verlangten ein individuelles Dokument. Ramzi Abu Redwan wurde sieben Stunden festgehalten, sagt Barenboim. Die übrigen Musiker haben sich mit ihm solidarisiert, die Weiterreise beendet und - bitter für das wartende Publikum - das Konzert in Gaza abgesagt.Für Barenboim sind solche Schikanierungen nichts Neues. Seit 1999 arbeitet er mit dem West-Eastern Divan Orchestra, das junge Musikerinnen und Musiker aus verschiedenen arabischen Staaten und Israel vereint. Um mit ihnen 2005 in Ramallah ein Konzert geben zu können, musste Barenboim zu einem Trick Zuflucht nehmen und die Hilfe der Politik beanspruchen: Kurzerhand wurden die jungen Leute mit spanischen Diplomatenpässen ausgestattet, um ihnen volle Freizügigkeit garantieren zu können.Für Barenboim geht es bei diesem Engagement nicht darum, in die politische Geografie des Nahen Ostens einzugreifen. "Ich arbeite nur auf einer menschlichen und künstlerischen Basis. Vom ,Divan' wurde oft behauptet, er sei ein Orchester für den Frieden. Das ist sehr schmeichelhaft, aber das Orchester kann den Frieden nicht bringen". Es geht Barenboim um Anderes: Menschen, die in Besatzungszonen wie in einem Gefängnis leben müssen, will er Freude und Stärkung durch Musik bringen und dadurch an ihre volle Menschlichkeit erinnern. "Ich appelliere an die israelische Regierung", sagt Barenboim. "Es bedeutet nichts Gutes für die Zukunft, wenn man den Palästinensern nicht einmal die Lebensqualität lässt, die möglich wäre". Und Musik, humanistische Bildung - wofür sich seine Stiftung vor Ort mit einem Konservatorium und einem Kindergarten einsetzt - dürfe nicht nur zugelassen, sondern müsse sogar gefordert werden: wie Essen und Trinken.Kein böser Wille der Regierung"Ich will nicht behaupten", ergänzt Barenboim seine Überlegungen zur Bedeutung des Vorfalls am Checkpoint Erez, "dass hier irgendetwas Machiavellistisches von Seiten der israelischen Regierung dahinter steht. Es ist ein bürokratischer Fehler, aber einer, der den Menschen das Leben schwer macht". Und deshalb ist er für Barenboim von einer gewissen Wichtigkeit. Das spricht für seinen Ernst, mit dem er die Musik - unabhängig von der Politik - in die Gesellschaft bringen will.------------------------------Foto: "Menschen brauchen Essen und Trinken. Und sie brauchen auch Kultur" - Daniel Barenboim gestern in Berlin über das Leben in Palästina.

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