Editorial

Einheit braucht Chancen, keine Festreden

Festreden reichen nicht: Der Tag der Deutschen Einheit muss auch fragen, warum Ostdeutsche noch immer mit schlechteren Startbedingungen leben.

4 Min
Tag der Deutschen Einheit: Die <a target="_blank" href="https://www.berliner-zeitung.de/article/rentner-im-osten-holen-auf-experten-legen-die-versteckte-vermoegensluecke-offen-10349541">Ost-West-Unterschiede sind hartnäckiger</a> als gedacht.

Tag der Deutschen Einheit: Die Ost-West-Unterschiede sind hartnäckiger als gedacht.

© Christian Ohde/imago

Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, ist wieder von ihrem Glück, ihrer historischen Größe und den vollbrachten Aufbauleistungen die Rede. Das ist alles richtig. Denn die Wiedervereinigung hat den Ostdeutschen Freiheit und neue Möglichkeiten gebracht. Sie hat Städte verändert, Landstriche saniert, Verkehrswege erneuert, Unternehmen entstehen lassen und Biografien geöffnet. All das kann man am 3. Oktober feiern. Aber es gibt auch Schattenseiten, Dinge, die nicht geglückt sind. Den Blick ausschließlich darauf zu richten, würde der Lebenswirklichkeit aber ebenso wenig gerecht.

Der 3. Oktober ist ein Feiertag, der ernst genommen werden will. Dafür muss er mehr können als festlich vorgetragene Bilanzkosmetik und wohlmeinende, aber allzu oft ritualisierte Appelle an Zusammenhalt, Demokratie und gemeinsames Weitergehen. Er muss die Frage zulassen, wie weit die Einheit im Leben der Menschen tatsächlich reicht. Nicht in Politikerreden, sondern dort, wo es um die Voraussetzungen geht, selbstständig Entscheidungen zu treffen, Risiken einzugehen, Eigentum zu bilden und Kindern einen guten Start zu ermöglichen.

Der neue Bericht der Ostbeauftragten 2026 stellt eine Frage, die Ostdeutschland besonders betrifft: Lohnt sich Anstrengung noch? Führen Bildung, Leistung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, tatsächlich zu mehr Wohlstand und gesellschaftlichem Aufstieg? Es geht um nicht weniger als das Aufstiegsversprechen unserer Gesellschaft. 36 Jahre nach der Einheit zeigt sich im Osten allerdings noch immer eine deutliche Lücke bei Vermögen und Eigentum.

Die Zahlen des Berichts sind nüchtern: Ostdeutsche Haushalte verfügen im Schnitt über erheblich weniger Vermögen als westdeutsche. Beim Immobilienbesitz, bei Aktien und Fonds, bei privater Vorsorge und Erbschaften bleibt der Abstand groß. Das ist nicht neu. Deshalb lautet die eigentliche Nachricht: Die Ost-West-Unterschiede sind hartnäckiger als gedacht. Und die Politik hat außer wohlklingenden Floskeln offenbar seit 36 Jahren keine zündende Idee, wie es besser gehen könnte. Sie verwaltet ungleiche Lebenslagen und damit die Chancenungleichheit.

Vermögen ist nicht Luxus, sondern bedeutet vor allem Sicherheit: ein kaputtes Auto ersetzen zu können, ohne in die Schuldenfalle zu geraten. Es bedeutet, sich einen Wohnungswechsel leisten oder gar ein Haus kaufen zu können. Es bedeutet, ein Unternehmen gründen oder den Kindern ein Studium erleichtern zu können. Vermögen entscheidet darüber, ob Menschen schwierige Zeiten nicht nur überstehen, sondern handlungsfähig bleiben. Wer nichts erbt, startet anders. Wer keine Immobilie in der Familie hat, keine Rücklagen bilden kann und über keine tragfähigen Netzwerke verfügt, muss mehr leisten, um denselben Spielraum zu erreichen. Das ist ein Hundertmeterlauf, bei dem die Ostdeutschen stets 20 Meter weiter hinten starten müssen. Selbst wenn sie dann gleich schnell laufen, kommen sie später ins Ziel.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Der Bericht der Ostbeauftragten zeigt: 94 Prozent der Befragten finden, dass Leistung und Fleiß für gesellschaftlichen Aufstieg zählen sollten. Nur 69 Prozent sind überzeugt, dass dies in der Realität der Fall ist. Vermögen nennen 81 Prozent, Beziehungen 79 Prozent und soziale Herkunft 75 Prozent als bestimmende Faktoren. Das ist ein Warnsignal für das Vertrauen in die Aufstiegserzählung unserer Republik. Im Osten wie im Westen. Und es erklärt, warum der Osten anders ist: Über Vermögen, Beziehungen und eine vorteilhafte soziale Herkunft verfügen die Menschen dort viel seltener.

Die Antwort darauf kann deshalb nicht darin bestehen, an die Menschen zu appellieren, sie müssten nur entschlossener sein. Viele sind es längst. Gerade in Ostdeutschland wissen viele aus eigenem Erleben, was es heißt, auch unter widrigen Umständen und nach Brüchen im Lebensweg neu anzufangen. Diese Erfahrungen werden nun auch im Westen wertvoller.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner