Man muss der Münchner Abendzeitung gutes Timing bescheinigen. Im ganzen Land machten sich Politiker in den Montagszeitungen Sorgen über den Wahlerfolg der Rechtsparteien in Brandenburg und Sachsen. Die AZ indes zeigte auf Seite eins einen unbeschwerten bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der am Samstag im Schottenhammelzelt auf der Münchner Theresienwiese an einem Maßkrug nippte. Im Hause Stoiber machte man sich auch Sorgen, berichtete die Abendzeitung. Allerdings nicht wegen der Politik: Ein Unbekannter hatte Tochter Veronica bei einem Bummel über das Oktoberfest die Handtasche von der Schulter gerissen. "Wiesn Stoiber-Tochter Handtasche geraubt" titelte die AZ, unterstrich das Wort Wiesn rot und druckte ein Foto der 26-Jährigen im blauen Dirndl. Auf dem Bild lächelt sie, weil die Handtasche da noch an der Schulter hing, wie ein großer roter Pfeil zeigt. "Den Stoiber-Titel hatten wir exklusiv", freut sich Torsten Fricke, der stellvertretende Chefredakteur der AZ.Wiesnwirte als StarsWiesn ist Chefsache und erfordert eine langfristige "große Wiesnplanung", wie Fricke betont. Bereits vor drei Monaten setzte er sich mit dem Lokalchef zusammen, um über Themen zu sprechen: Eine Kolumne mit der Fremdenverkehrschefin und vom "Schichtl", einem Unikum unter den Schaustellern, konnte er vereinbaren. Im Vorfeld brachte die AZ eine Serie über die Wiesnwirte, die in den zwei Wochen im September und Oktober ihre prominenten Gäste an Bekanntheit noch zu übertreffen scheinen. Klar, dass die Meldung vom Handtaschenraub den Wahlausgang im Osten auf Seite zwei verdrängte. Es gibt wenig in der Welt, das es in diesen Tagen in München mit dem Weltereignis Oktoberfest aufnehmen könnte und eine Titelgeschichte rechtfertigt. Nicht am Samstag, dem Tag der Eröffnung, nicht am Montag, aber auch nicht am Dienstag und nicht am Mittwoch. Nicht bei der AZ und nicht bei der tz, der Konkurrenz. Die beiden Boulevardblätter befinden sich zwei Wochen lang im Dauerrausch. Beide Zeitungen liefern täglich vier und mehr Seiten voller Berichte von der Theresienwiese: es geht ums Flirten, um gefälschte Biermarken, um Herbststürme, die die Zelte bedrohen - und immer wieder um die Wirte und "die große Sause der Promis". Die Promibilder unterscheiden sich von anderen Promibildern dadurch, dass sie in München Dirndl tragen und Bierkrüge ihre Gesichter halb verdecken. Am Donnerstag muss wirklich Wichtiges passiert sein. Weder tz noch AZ machen mit dem Oktoberfest auf. In der tz kündigt Frau Blanco ihre Scheidung von Roberto an. Die AZ berichtet von Geldschwierigkeiten des Arztes des FC Bayern. Eine Pause, die sich nicht wirklich erklären lässt.Denn eigentlich gilt: "Das gesamte gesellschaftliche Leben Münchens spielt sich jetzt zwei Wochen lang auf der Wiesn ab", sagt Fricke. Zeitungen in Hamburg oder Berlin kennen Wirtschafts- und Polizeireporter. In München spricht man vom "Wiesnreporter". Das ist zwar kein Ganzjahres-Job, aber man ist doch gut beschäftigt. Sechs Reporter schickt allein die AZ jeden Tag und jede Nacht aufs Oktoberfest, manchmal sind es auch mehr. Gleiches gilt für die tz, die sogar eine mobile Redaktion in einem Bierzelt aufgebaut hat. Sie fordert die Leser auf, sie dort zu besuchen und zu beobachten, wie sie über die große Welt der Wiesn berichtet. "Imagewerbung" nennt das Christian Liebig, der Chef vom Dienst. Torsten Fricke will beweisen, "dass wir die größte München-Kompetenz" haben. Er meint die Oktoberfest-Kompetenz. Wichtig sind exklusive Geschichten, etwa dass Anke Engelke zwar nur drei Eintrittskarten hatte, aber mit fünf Begleitern kam und Wolfgang Fierek den Platz wegnahm. Eine Meldung im Vermischten? Nein, das ist eine Titelgeschichte für die AZ. Ebenso, dass ein Spottlied auf den ehemaligen Präsidenten des TSV 1860, Karl-Heinz Wildmoser, und seinen im Gefängnis sitzenden Sohn auf dem Weg zum Wiesn-Hit sei. Die Boulevardzeitungen sind mit ihrer Begeisterung nicht alleine: Die eher ländlich geprägte Leserschaft des Münchner Merkur kann auf dem benachbarten Zentralen Landwirtschaftsfest mit dem Chefredakteur diskutieren. Das Bayerische Fernsehen berichtet aus den Bierzelten, wobei man einen Moderator bei der schwierigen Übung beobachten darf, seine Interviewpartner zu verstehen: "Was sagen Sie?"Auch die SüddeutscheSelbst die Süddeutsche Zeitung kommt nicht an ausführlicher Wiesn-Berichterstattung vorbei, wenngleich sie eine gewisse Distanz beweist, München als "oans-zwoa-gsufa-Stadt" bezeichnet und einen Reporter ins thüringische Hainspitz schickt, um zu recherchieren, wie hier am Morgen 55 000 Hühner geschlachtet werden, die schon am Abend 1000 Prozent teurer als Brathendl verspeist werden. SZ-Leser erfahren, dass die größte Belastung einer Achterbahnfahrt der psychische Stress ist und in Bierzelten ein Mikroklima herrscht, das bis zu 18 Grad über dem Klima im Rest der Stadt liegt. Selbst an den außenpolitischen Kommentatoren geht das Ereignis nicht spurlos vorüber. Über die Eröffnung der 59. UN-Vollversammlung in New York schreibt die SZ: "Es ist so etwas wie ein Oktoberfest für Staatsmänner und Diplomaten," die sich "an ihren Reden berauschen".------------------------------Mittendrin // Foto: In der tz vom Freitag klärt Dr. Schneiderhan über die Gesundheitsrisiken des Karussellfahrens auf.Foto: Die AZ vom Dienstag wusste über ein skandalöses Fehlverhalten von Anke Engelke zu berichten.------------------------------Foto: Die große Sause der Promis: Schauspieler Ottfried Fischer ist auch dabei.
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